Volkstümliche Halsstarrigkeit

#Leben Annecy und Colbray sind französische Kanalstädte und könnten doch nicht verschiedener sein
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Annecy und Colbray sind französische Kanalstädte und könnten doch nicht verschiedener sein.

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Pierre Lefèvre stammt aus Annecy. Über dem „Venedig der Alpen“ thront das Château d’Annecy, während sich in Colbray von jeher die Füchse und Hasen Gutenacht sagen. Der evangelische Sattler verkörpert das vorläufige Ende einer Reihe bodenständiger Patriarchen. Als Geselle walzte er durch Belgien; daher seine Weltläufigkeit. Pierre wich von der Ahnenroute ab, insofern er sich fern der Heimat und nah einer tristen Wasserstraße niederließ, selbstverständlich ohne heimisch zu werden in dem Kaff am Kanal.

Die Eingesessenen reagieren reserviert auf den Zugezogenen und dessen vor Ort als Mesalliance gegründeten Familie. Pierre geht nicht mehr seinem Handwerk nach. Er unterhält einen Handelsposten, der von den Nachbarn gemieden wird, für Schiffer:innen und Fuhrleute aber ein beliebter Anlaufpunkt ist.

Der volkstümlichen Halsstarrigkeit jener, die Verachtung aushalten und unter Katholiken Protestanten bleiben, vermag Pierre nichts hinzuzufügen. Das ist sein Programm. Achselzuckend nimmt er sich selbst zur Kenntnis.

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Colbray liegt im Schnee. Der Schnee legt die Gemeinde still. Dem Frost zum Trotz betonen Frauen ihre Figuren. Pierres altersapathische Nachlässigkeit macht ihn im Augenblick beinah unsichtbar. Er fühlt sich wie ein blinder Passagier in einem Raumschiff, das die Zukunft in einer anderen Sternenzeit hinter sich gelassen hat.

Gleich mehr.

11:01 30.05.2021
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