Voodoo als kultureller Faktor

Eiscafé Wir waren Frauen aufeinanderfolgender Generationen, ich war zu jung, um ihre Mutter zu sein, doch nicht zu alt für ein legitimes Begehren.
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Sie streckte die Hand aus, ich wusste, was sie reizte. Sie wollte etwas Verbotenes tun, nur des Kitzels wegen, und vielleicht auch deshalb, weil sie mit ihren Schuldgefühlen experimentierte. Bevor ich begriff, dass sie nicht weniger umsichtig war als ich, war ich schon in ihrer Witterung, und so sah ich sie zum ersten Mal in ihrer Schönheit; befähigt zu jedem Verbrechen, das Einzelne begehen können.

Sie trug Sandalen mit einem Fesselriemen, ich träumte auf dem Weg zur Kasse davon, an ihrer Seite aufzuwachen.

Später sah ich sie vor dem Eiscafé in der Viktor-Stein-Straße. Das Café existierte an Ort und Stelle seit fünfzig Jahren. Es war halb schon ein Museum. Meine Großeltern, die Eltern meiner Mutter, hatten sich da kennengelernt. Einem Impuls gehorchend, setzte ich mich zu ihr und fragte dann erst:

„Das ist doch in Ordnung?“

Ich habe mich darauf spezialisiert, die Grenzen anderer Leute zu meinen Gunsten zu verschieben. Ich unterrichte solche Verschiebungen in Seminaren für Führungskräfte. In meiner Branche ist das Glas stets halbvoll.

Sie betrachtete mich mit tödlicher Gleichgültigkeit. Sie war ein Kind der Gegend, ein Gebietsgeschöpf von der überlebensfähigen Sorte. Sie hatte das Stadium überwunden, in dem jede Äußerung eine Offenbarung ist.

„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte sie höhnisch.

Offenbar konnte sie mit mir nichts Gutes in Einklang bringen. Wir waren Frauen aufeinanderfolgender Generationen, ich war zu jung, um ihre Mutter zu sein, doch nicht zu alt für ein legitimes Begehren.

Sie trank Eiskaffee, die überstreuselte Vanilleeiskugel aufsaugend. Neben dem Blech-Kelch-Ensemble lag ein Falk-Stadtplan von London. In Gedanken las ich: „Versuchte Anstiftung zum Mord - Unternehmer-Erbe Alexander Falk bleibt in Haft.“

A.F. war abgehört worden. Er hatte geglaubt, als Nachkomme einer zeitgeschichtlich relevanten Persönlichkeit über dem Gesetz zu stehen. Er erinnerte mich an F.M., der das gleiche Profil aufwies. Die väterliche Übermacht ist bei Kippfiguren wie A.F. und F.M. das größte Hemmnis. Für die Erben geht es nicht darum, zu sein, was sie sein können. Also zum Beispiel so etwas wie mittelgroß und schwierig. Sie müssen sich überfordern, ohne eine Chance zu genügen. Das Ende vom Lied ist entweder Knast oder Männergruppe; wobei die Unterschiede kaum unterschätzt werden können.

Guten Tag, mein Name ist Sanne Berg. Ich bin Coach und genau wie Jürgen Klopp zurzeit in Gold nicht aufzuwiegen.

Jede Idee hat ihren Augenblick. Der Konditormeister und Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg und der Bergsteiger Reinhold Messner beherrschen ihren Extremismus so, dass man sie in hundert Jahren nicht qualifiziert ersetzen müsste. Trotzdem erscheinen sie kaum noch da, wo man sich zeigt.

Längst wissen wir alles darüber, warum manche unter Druck wachsen und andere unter Druck schrumpfen. Wir wissen, dass es um Annahmen geht, die sich nicht objektivieren lassen. Auch Voodoo ist ein kultureller Faktor. Jahrhunderte gehörte der Exorzismus zur Taufe, wer kann sich das heute noch vorstellen.

Entscheidend ist, dass wir immer neue Gesichter (ver)brauchen. Gesichter für Identifikation & Abgrenzung, und Körper, um im Fleisch zu äsen. Entschuldigen Sie, ich verdiene fünftausend Euro nach allen Abzügen. Ich möchte von Ihnen nicht unterbrochen werden, während ich die mir gegenübersitzende Person angrabe.

Noch konnte sie mit mir nichts anfangen, diese Hobbydiebin, die gewiss bald schwerwiegende Entscheidungen zu ihren Ungunsten treffen würde.

07:20 08.07.2019
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