Vorläufiger Ort

Frankfurt am Main Das Nordend platzt aus seinen Nähten. Es ist nun ein Spielplatz der dreißigjährigen Sieger:innen, ein vorläufiger Ort.
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Ein Hase kommt in die Kneipe und verlangt: Ein Bier und nen Korn, du Arsch.
Der Hase trinkt, zahlt, geht.
Am nächsten Tag das gleiche Spiel.
Am dritten Tag droht der Wirt: Wenn du noch einmal Arsch zu mir sagst, hole ich zwei Nägel und einen Hammer und nagle deine Ohren an die Decke.
Schon gut, sagt der Hase und verzieht sich.
Zwei Wochen später kommt der Hase, setzt sich an den Tresen und fragt: Hat du zwei Nägel und einen Hammer?
Nein! antwortet der Wirt.
Dann gib mir mal ein Bier und nen Korn, du Arsch!

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Drei Sätze in den blauen Dunst und man ist wieder „beim Thema“. Wer mit wem vor allem damals. Als die Wagner-Schwestern noch blutjung und kaum eine Ahnung. Aber die Soundso schon. Und jetzt macht die Dirne auf Dame, wie lächerlich und geradezu. Toni kann vor Verachtung glühen. Jedes Urteil nimmt sie aus, so versteht sie den Unterschied zwischen dem Gleichen und demselben.

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Die Frankfurter Löw:innen haben gewonnen, nun feiern Clubfreund:innen in der Burg. Sie schieben der Beschaulichkeit, mit der andere den Sonntag zu beschließen wünschen, einen Riegel vor. Mein Gott, was sind sie herumgekommen in der Welt. Bis nach Sachsenhausen waren sie heute schon unterwegs. Blutbad-Bernd, das Kind seiner Oma, geboren und aufgewachsen in der Lenaustraße, Backdoor-Freibankfleischlieferant und Vertrauter aller Wirt:innen im Viertel, fragt Toni im Namen seiner Blutsschwester Wurst-Vera, ob sie nicht Schichten im neuen Rosengärtchen übernehmen wolle. „Da muss sie sich eine andere Schlampe suchen“, sagt Toni. Für Toni ist Schlampe geschlechtsneutral und universell. Folglich ist auch Blutbad-Bernd eine Schlampe.

Gert Kellermann kommt vorbei. Er grüßt kaum.

„Humpelt der jetzt?“ fragt Tillmann. Bloß nicht aus der Übung übler Nachrede kommen.

Tillmann hält sich an Toni. Toni rückt nicht ab. T. & T. sind nicht nur Geschöpfe der Gegend, sondern auch Angehörige der örtlichen Aristokratie. Der lokale Adel im Lokal einmal wieder. Auf der anderen Seite von Tillmann sitzt Schatzi und renommiert mit ihren Schwangerschaftsstreifen. Schatzi ist ganz schön ramponiert. Sie hat Narben an den Knien, Schrammen an den Armen und malträtierte Zehen. Ihre Füße haben lebenslänglich in Schatzis Schönheitswahnknast. Der Bauch wölbt sich apart. Schatzi ist monströs stolz auf sich. Eine Siegerin. Aufgestiegen in den Hesselbach´schen Himmel über der Humboldtstraße. Immer gut für eine Homestory. Befreundet mit der und der Demski, falls das überhaupt noch was zu sagen hat. Zugegen bei jeder Stadtschreiber:innenamtsübergabe und bei allen Parfümerie-Eröffnungen. Verehrt von Apfelweinkönigen, und doch nur Tochter von Leuten, die vor langer Zeit aus einem Balkanbus gestiegen sind. Dazu irgendwann vielleicht mehr.

„Mir habbe daham en alte Griesbrei, de Vatter sächt 'Der kimmt in de Klo nei'. Die Mutter schreit 'Den tun mer behalte. Den Griesbrei, den alte'.“

„Rasch verführt und schnell verzweifelt“, könnten mit Goethe viele sagen. In großer Besetzung sitzt der Löw:innen-Fanclub auf seiner Stammbank, im Mief der Altvorderen, den lebenden Fossilien. Man spricht über die Eintracht, geht aber lieber zum FSV am Bornheimer Hang. Angenehm früh vergreist erscheint man sich.

Stunden später auf dem Heimweg

Toni findet Tillmann akzeptabel, „nach den Maßstäben von gestern“. Bis zum Günthersburgpark ist die Rohrbachstraße bestuhlt. Mancher klappert von einem Ding zum nächsten, es gibt schließlich genug Stühle und „gastronomische Konzepte“, die zum Scheitern verurteilt sind, nach einer Frist von drei Jahren. Seit den Tagen des alten „Kaffee läuft“ hat sich nichts gehalten, nicht eine Kellner:innenidee ist in Berührung mit Bestand gekommen. Die Wirt:innen haben als Läufer:innen auf dem Liebfrauenberg oder im Großen Hirschgraben angefangen, als Abräumer:innen oder direkt als Pizza mit Sardellen. Ihre Selbständigkeit ist ein Fehler, der unbedingt begangen werden muss, so etwas wie eine veröffentlichte Schadstelle ihres Seins. Sie sind so schadhaft auf die Welt gekommen, dafür büßen ihre Bedienungen. Deren Liebedienerei bringt nichts ein außer verkehrten Schwangerschaften. In andere Umstände gebracht von Gebrauchtwagenfittis aus der Fitnessabteilung. Die Folgen der Bluffs schreien sich die Seele aus dem Leib, zu der Musik von Hartzvier und Konsorten.

Für Tillmann ist das wie Fernsehen mit Geruch. Er missachtet Tonis sachtes Anklopfen. Das Nordend platzt aus seinen Nähten. Es ist nun ein Spielplatz der dreißigjährigen Sieger:innen, ein vorläufiger Ort. Räumlich und zeitlich liegt das Nordend vor den Eigenheimen in der Wetterau. Für die Neubürger:innen ist die alte Quartierordnung unbedeutend. Sie behalten ihre Transitgewohnheiten bei, Zugehörigkeit ist demnach eine Frage des Geldes. Von den Zeichen der Vergangenheit halten sie gar nichts, die aufgegebenen Metzgereien am Saum der Rohrbachstraße bemerken sie erst gar nicht. Das alte Fleisch des Viertels fängt in dieser Gleichgültigkeit an zu stinken, es legt sich eine graue Scham zu. Es verbirgt sich im Mantel der Umnachtung. Trotzdem macht das alte Fleisch weiter gute Geschäfte. Seine Portale sind die Eingänge für Lieferant:innen, dem Leben auf der Vorderseite sieht es zu mit Profit.

Tillmann hat sich immer nur für das alte Fleisch interessiert, für das Andauernde und an einer Stelle Überlebende.

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