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Georges Bataille beschreibt Gilles de Rais als „besinnungslos leidenschaftlich (und) maßlos unruhig“
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Im Mittelalter verdichtet sich unter Breton:innen die Mär von einem legendären Ungeheuer zum phantastischen Wesen aus Fleisch und Blut. Es qualifiziert sich mit monströser Überschreitungsbereitschaft. Den Gipfel seiner Verworfenheit erreicht es als Mörder in einer Kirche. Gilles de Rais, ein Mann von Adel und dramatischer Geltungssucht ...

„ihm voraus ritt eine königliche Eskorte, ein geistlicher Stab begleitete ihn. Ein Wappenherold, zweihundert Mann und Trompeten kündigten ihn an, eine Art Bischof (Chorknaben und Singschüler) bildeten das ... von reichsten Ornamenten strahlende Gefolge“ ...

begeht unter schwachen Auflagen der Diskretion eine grausige Menge unsanktionierter Lustmorde; während vorsichtig anzeigende Verwandte der Opfer vernichtende Repressionen erwarten.

Georges Bataille beschreibt de Rais als „besinnungslos leidenschaftlich (und) maßlos unruhig“.

Er gibt „enorme Summen für (Geisterbeschwörer:innen) aus, die den Teufel für seine Ziele einspannen sollen … (Seine) Diener entführten Kinder ... die er in seinen Schlössern … foltert und dann ermordet ... Seine erstaunliche Unantastbarkeit ...“ Wikipedia

Die Eltern der Abgeschlachteten fürchten sich im Schatten von Festungen, deren Ruinen, so sagt es Bataille treffend, von uns als Touristenattraktionen wahrgenommen werden. Der Autor spricht von einem sich steigernden „stummen Entsetzen“. Gleichzeitig leidet der Mörder die Not, mit seinen Verbrechen nicht lauter prahlen zu können. Er hält sich für „ein Wesen von eigener Art, dem Gott und Teufel beistünden“. GdR wähnt sich in einem Zustand der Gnade.

Georges Bataille, „Gilles de Rais“, Merlin Verlag, 345 Seiten, 22,-

Als Batailles Buch über einen Kindermörder Ende der 1960er Jahre zum ersten Mal auf Deutsch erschien, donnerte der Spiegel:

„Sie kämpften und siegten gemeinsam für ihren König Karl und starben beide durch Henkershand. 1431 verbrannte das Bauernmädchen Jeanne d'Arc auf dem Scheiterhaufen in Rouen. Neun Jahre später wurde Sire Gilles de Rais, Marschall von Frankreich, in Nantes am Galgen aufgehängt und den Flammen übergeben.“ Quelle

Bataille deklariert eine Herausforderung der (bis zur Abscheulichkeit gesteigerten) Sünde als christliche Sendung. „Das Christentum rechnet mit der Gewalt.“ So was las man gern als Pubertierende(r). Eine Kasseler Meinungsfürstin hatte MDN (kurz Dicle) und mir Bataille empfohlen. Es gab den wertsteigernden Hinweis auf eine Verbindung zu Walter Benjamin. Vor allem ließ sich Batailles erzählende und theoretische Prosa leicht lesen. Der Autor schildert GdR als eine historische Figur, die der Aufklärung entgegensteht.

Mit GdR gäbe es keine Aufklärung. Die Vernunft wäre abgeschafft. Eine Raserei der Sinne bestimmte den Lauf der Dinge.

Bataille erinnert an die Gegenaufklärung und den resilienten Katholizismus von Mont Saint-Michel. Die kaiserliche Restauration des französischen 19. Jahrhunderts kassierte das ideologische Tafelsilber des Konvents. Bataille fischt in einem rückwärts fließenden Bewusstseinsstrom.

Ihn beschäftigt die Gleichsetzung des diabolischen Barons mit dem sagenhaften Blaubart; obwohl die Blaubart-Legende bereits kursierte, bevor GdR die Bühne betrat und zum Stifter volkstümlicher Begriffe wurde. Sein wüster Durchmarsch fusionierte im kollektiven Gedächtnis mit dem Archaischen und Mythischen in der Gestalt eines Wiedergängers. Noch vierhundert Jahre nach seiner Hinrichtung führte man Volkskundler:innen in Räume, „in denen er für gewöhnlich die kleinen Kinder umgebrachte“.

Das ewige Präsens der Erzählung und die Aufhebung der Differenz zwischen Wahn und Wirklichkeit erzeugen eine anspruchsvolle Totalfiktion. Sie bestätigt GdR in seiner grandiosen Selbstwahrnehmung. GdR lässt nichts zu wünschen übrig, wenn man das Böse wie ein Denkmal betrachten möchte. Alle möglichen volkstümlichen Marken gesellen sich zu marienwunderartig-satanischen Phänomen, die GdR zugeschrieben werden. Die gemarterten Kinder etabliert eine perverse Transition da, wo ein vielleicht nur vorgetäuschter Aberglaube des Serienmörders sie ursprünglich verortete - in einer religiösen Dynamik.

Gleich mehr.

17:01 12.07.2021
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