Vorübergehend ausgestorben

Literatur Gerhard Falkners Roman “Apollokalypse” konzentriert Facetten einer altbundesrepublikanischen Daseinsform vor vielen Kulissen

So zentral wie final ist ein Niederschlag unter den Rankenbögen des S-Bahn-Artdécos am Kottbusser Tor. Der Üble heißt Orhan, ein Drehtürpatient namens Büttner fällt ihm zum Opfer: “Die Psychiatrie hatte mich quasi sterilisiert.” Traumatisiert bis zum Anschlag stürzt sich Büttner nach seiner vordergründigen Genesung mit einer Pistole im Bereit zu Tode.

Den autoaggressiven Ausgang kennzeichnen alle Signalfarben. Das erzählende Ich beansprucht in unsentimental-gravitätischer, jüngeresker, pessimistisch-vitaler Nabelschau einen Denker, nach dessen Auffassung “ein Stoff Sichtbarkeit durch die Form” erhält. “Apollokalypse” konzentriert Facetten einer altbundesrepublikanischen Daseinsform vor vielen Kulissen von Berlin-Kreuzberg bis irgendwo im Nirgendwo von Nevada. Drei Biografien transportieren die Varianten. Die Aberrationen von Autenrieth, Büttner und Pruy greifen wie Zahnräder in den Kettenkranz einer Wohlstandspathologie. Zugleich bilden sie Spielverläufe ab. Von Arbeit im engeren Sinn ist nicht die Rede, zu seinem Glück vermeidet der Autor das Wort, in dem der triviale Erguss erstarrt: Selbstverwirklichung. Darum geht es vehement. Zur Arrondierung der Zwecklücke tritt in erster Linie Isabel auf, süddeutsches Fickfleisch mit den Qualitäten eines Wanderpokals, um kurz dem fatal-nachbetrachtenden, immer eine Spur unappetitlichen Greisenlüster des bejahrten Falkner Lichter anzublasen. Ein paar Mal zu oft werden Waden “stramm” gezogen und “das Glück der deutschen Geburt” ist eine Posaune im Text. Das erzählende Ich changiert bis zu einer Doktor Carola Fleischmann; es erscheint so unbefestigt wie in der Burroughsmatrix. Autenrieth erlebt sich doppelt. Der Teufel begegnet ihm als Modernist, “unsereins ist, wie Sie ja aus dem “Faust” wissen sollten ... immer auf dem neusten Stand”, und als Quartiermacher für “ein Einzimmerapartment in der Unterwelt”. Die Erosionen finden ihren Klimax in dem Wunsch des (in Autenrieths Gestalt) Überlebenden: unsichtbar zu werden. Autenrieth greift das Vorhaben rüstig an und erreicht schließlich Pankow fast schon im Freien vor der Stadt als invisible man.

“Apollokalypse” ist ein wilder Ritt durch das zusammenverrückte Deutschland. Falkner führt jede Menge Protagonisten ein, bloß um sie “im Schatz seines Witzes baden” gehen zu lassen. Er erzählt RAF-Geschichte episodisch wie in einer Illustrierten nach und illustriert mit ihr seinen Autenrieth. Berlin sieht er so: Da “sammelt sich alles, was abgeschafft wurde und worüber die Zeit ... hinweggegangen ist, in den Archiven des Beiseitegeräumten.” Der Autor entdeckt in der Kapitale nicht die Zukunft, sondern den Basar, geschüttelt von “kultureller Grelligkeit”.

Das Abgeschaffte vermehrt sich in der Stadt wie Geziefer unter einem Stein. Auf der basalen Ebene bringt es lauter leicht erregbare Bademeister hervor, koller- und franzbiberköpfig, bollrig, protestbäurisch, auf der anderen Seite Künstler als Mustermänner erschöpfter Wertschöpfung. Nehmen Sie Pruy, diesen ehrgeizigen Scheißer. Falkner leiht ihm den Titel eines “Advokaten des Afters”. “Die morgentliche Redaktionssitzung für Nachrichten aus den Eingeweiden” verlässt er regelmäßig zufrieden. An einem Ufer dieses abortalen Abgrunds verliebt sich Autenrieth in Bilijana, genannt Billy, von Geburt Bulgarin - eine Frau in “Unterhosen ohne Klasse”. Unter “einem zum Platzen fetten” Himmel und auf der Frankfurter Allee schnupft das Paar “weißes Coca-Cola” und tauscht seine Säfte. Seiten später stellt Autenrieth fest: “Am Times Square ... tritt die Welt den Beweis an, dass sie durch Buntheit nicht schöner wird. ... fast alle sind zu dick ... oder ihre Stirn ist zu niedrig, oder sie sind schwanger oder Neger”.

Ein Ekel spricht sich aus, vor dem man sich ekeln kann. Interessanter ist, wie der Berliner Dschungel der Achtziger- und Neunzigerjahre in dieser Retrospektive zur Halde wird - zu einer Deponie der Vergangenheit, in der sich die Gegenwart ausnimmt wie eine Maus am Sockel des Ernst Thälmann-Denkmals an der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg.

Gerhard Falkner, Apollokalypse, Roman, Berlin Verlag, 427 Seiten, 22,-

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10:19 26.08.2016

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