Vorwegnehmende Normierung

Migration In ihrer Untersuchung „Die postmigrantische Gesellschaft“ erklärt Naika Foroutan, warum migrantische Minderheiten kämpferisch nach vorn gehen müssen
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Vorwegnehmende Normierung
Dr. Naika Foroutan

Foto: Heinrich-Böll-Stiftung / Flickr (CC 2.0)

Potemkin’sche Gerechtigkeitsdörfer entstehen am Saum einer Renaissance nationalistischer Einwände gegen eine „Fluidität von Herkunft und Kultur“ sowie einer „Diversität jenseits von Herkunft“. In ihrer Untersuchung „Die postmigrantische Gesellschaft“ erklärt Naika Foroutan, warum migrantische Minderheiten kämpferisch nach vorn gehen müssen.

Als Churchill sich weigerte, mit Hitler zu verhandeln, handelte er gegen den Willen vieler zum Appeasement geneigten Briten. Trotzdem gab er der Angelegenheit den Anschein von nationalem Einvernehmen. Man könnte den Vorgang als vorwegnehmende Normierung bezeichnen. Auch die postmigrantische Gesellschaft situiert sich in der Antizipation einer kanonisierten, von Routinen eingehegten Diversität.

Naika Foroutan erkennt in der Dynamisierung solcher Prozesse lediglich eine Verschärfung normaler Aushandlungen zwischen Abwehr und Annahme in Gesellschaften, in denen Normabweichungen zur Regel geworden sind. Foroutan spricht von einer „Erosion demokratischer Normen“.

„Migration hat sich zur dominanten Chiffre für die Frage Europas nach seiner demokratischen Verfasstheit entwickelt. Die Migrationsfrage ist … zur neuen sozialen Frage des 21. Jahrhunderts geworden.“

Die Ergebnisse der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen bestätigen Foroutans Analyse. In der postmigrantischen Gesellschaft lässt sich „die alte Trennschärfe“ zwischen Eigen und Fremd (zwischen „Etablierten und Außenseitern“ Norbert Elias) nicht mehr herstellen. Das führt einerseits zu einer neuen Normalität im Zuge der Erweiterung hybrid-diverser Konstellationen und andererseits zu einem „Anstieg rassifizierender Denkmuster“.

In der postmigrantischen Gesellschaft treffen sich „Antagonisten und Allianzen in polarisierenden Akteurskonstellationen“ und geben Gas. Die Beschleunigungen der Transformationen erzeugen Koalitionen und Gegnerschaft wie Kraut und Rüben. Während die einen auf den Galaxien ihrer Vorurteile das Hakenkreuz wieder salonfähig machen wollen, hauchen Datenträger*innen der Zukunft den Versprechen der Demokratie Leben ein.

Eingebetteter Medieninhalt

Ich zitiere Mely Kiyak:

Es gibt keinen mitfühlenden Faschismus mit menschlichem Antlitz. Der Faschismus hat keinen moderaten Flügel.

„Das "glaube ich" der Schausten ist so jämmerlich, so erschütternd, so abgrundtief abstoßend, dass man wirklich endlich versteht: Mit dieser Art des Umgangs mit Neonazismus sind die Demokraten dieses Landes verloren. Andreas Kalbitz, der brandenburgische Spitzenkandidat der AfD, ist ein Neonazi, der 2007 in einer kleinen Gruppe nach Griechenland reiste, um sich mit anderen Neonazis zu treffen. Man hat dort die Hakenkreuzfahne gehisst, wie es die Altvorderen auch schon taten. Die Hakenkreuzfahne ist – unter anderen Umständen hätte man das hier nicht erklärt, aber von jetzt an, schwört man es sich selbst, wird man es immer und immer wieder referieren – das Symbol der Nationalsozialisten. Die Nationalsozialisten waren die deutsche Version der Faschisten, die allein sechs Millionen Menschen jüdischer Herkunft umgebracht haben, viele von ihnen vergasten sie bei vollem Bewusstsein. Wer die AfD wählt, stimmt dem allen zu, oder findet es zumindest vernachlässigenswert, Vogelschiss eben. Das Morden, die Gasöfen. Und nein, Kalbitz war nicht mit Rechtsextremen unterwegs, er ist ein Neonazi und als solcher ist er unterwegs. Und wer die Kyffhäuserreden kennt (die Kolumnistin hier beispielsweise, ach komm, wurscht!), weiß, dass sich alles in dieser Partei darum dreht, den Rassismus in möglichst kleinen Dosen zur absoluten Mehrheit zu verhelfen. Rassismus, in Programmatik gegossen, bedeutet überall auf der Welt: stigmatisieren, segregieren, vertreiben, vernichten. Es gibt keinen mitfühlenden Faschismus mit menschlichem Antlitz. Der Faschismus hat keinen moderaten Flügel.“

Foroutan erkennt eine „strukturelle Desintegration“, die Auf- und Einstiege von Migrant*innen behindert. Potemkin’sche Gerechtigkeitsdörfer entstehen am Saum einer Renaissance nationalistischer Einwände gegen eine „Fluidität von Herkunft und Kultur“ sowie einer „Diversität jenseits von Herkunft“. Naika Foroutan zitiert so Shermin Langhoff, die postmigrantisch als Theaterbegriff einführte, um jene historische Phase zu erfassen, die Spieler*innen mit einer ethnischen Differenz zur Mehrheitsgesellschaft ohne Migrationserfahrung im Geist der Gastarbeit definier(t)en.

Bald mehr.

Info

Naika Foroutan, „Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie“, Transcript, 277 Seiten, 19.99 Euro

14:29 03.09.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.