Brainblues

Migration Cole war der große alte Mann des Brainblues
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Cole bezeichnet Literatur als die flüssigste Kulturform. Er sagt fluid. Das ist ein Wort mit Zukunft. Die Migration schafft fluide Charaktere. Wir sind wie das Wasser, unfassbar und überall.

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In einem luzid-fluiden Séance- und Trance-Style erklärt Cole, wie der Westen in Afrika zur Welt kam. Alle Poesie wurden zuerst in der Bibliothek von Timbuktu gesichert. Einige Familien in Mali wirken heute noch als Wärterklans des Weltwissens.

In der Migration fließt der afrikanische Text durch die Zeitzonen des Transits. Seltene Sprachen transportieren geheime Botschaften. Sie haben Infiltrationskraft. Sie markieren die porösen Stellen der weißen Mauern. Sie informieren.

Patrick Chamoiseau sagt: „Die Mondialität ist eine Ahnung, von der die gesamte Menschheit in ihrer Diversität ergriffen wird, und die über die Erde in ihrer Weite und Tiefe hinweg alle miteinander verbindet.“

Überfallen von Gespenstern der Anwandlungen und den Geheimräten eines schwallartigen Offenbarungsfiebers gerät Cole aus dem Tritt der Routine. Er verhaspelt sich, mixt Sprachen und wirbt für sein Chaos. Er versagt als Namensgeber einer großen Stunde und reüssiert als vermeintlicher Versager.

Cole ist nichts weniger als ein Versager. Vielmehr erscheint er als Agent des Weltwissens in Berlin. Schauplatz seines Auftritts: die Berliner Konferenz von 2027. Wir schreiben das erste post-pandemische Jahr. In einer Colapause taucht Janet auf, die Schwarze Enkelin einer rheinländischen Großmutter seine Statur. Oma emigrierte in den Nullerjahren nach Bayern und ließ sich da als Fremde mundartlich bis zum bitteren Ende vernehmen. Sie spielte Klavier und fühlte sich von Schumann besonders angesprochen. Jede Schwarze mit deutscher Mutter hat so eine Oma, die sie so lieb hatte wie jedes weiße Baby. Sie erschien nur ein bisschen steifnackig, wenn sie den Kinderwagen über den Bürgersteig der Bahnhofsstraße schob; innerlich gut gewappnet gegen grobe Bemerkungen zum Themenkreis Rassenschande.

Janet schildert eine deutsche Person von Farbe, die auf dem Empowermentticket von einem Speakeasy zum nächsten reist und bei jeder Gelegenheit mit dem gleichen als Seelennahrung in den Gemeinden kursierenden Text aufwartet Auch sie weiß:

„Entscheidend ist der Pass, den du besitzt.“

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Literatur ist das Nitroglycerin der Kunst - ein fluider Sprengstoff

Entspannt entgegnet Cole: „Da ist nichts neu unter den Monden des Exils.“ Die Exilierten sind auf ewigen Bahnen verbunden mit ihren Vorgänger*innen. Der große alte Mann des Brainblues beschwört die Kraft der Imagination als Impfstoff gegen den Fatalismus. Cole bezeichnet Literatur als die flüssigste Kulturform. Er sagt fluid. Das ist ein Wort mit Zukunft. Die Migration schafft fluide Charaktere. Wir sind wie das Wasser, unfassbar und überall.

„Migration ist das Hauptwort unserer Zeit.“

Entweder drehen sich politische Nachrichten um Kriege, drohende Kriege oder um Migration. Migration ist eine Kriegsfolge. Der Kolonialismus war ein Krieg der Europäer gegen Afrika nicht zuletzt. Ohne die Exploitationskampagnen seit den westindischen Abenteuern des Kolumbus wäre Europa zu schwach, um auch nur eine Grenze zu halten. Die alten Kolonialreiche erheben als Demokratien weiterhin Anspruch auf Überlegenheit. Sie wollen, so Chamoiseau in seinem Essay „Migranten“, „Elend, Terror und Armut“ an einem anderen Ende der Welt „anpflocken“. Jahrhundertelang konnten sie vom Youth Bulge über die Lohnkosten und den Müll bis zu ihren Schwerverbrechern Belastungen exportieren und sonst wo vergesellschaften. Oft waren Gewohnheitsverbrecher die ersten Weißen, die Schwarze zu sehen bekamen. Diese Lichtgestalten brachten das große Projekt der Zivilisation, das von hinten durch die Faust ins Auge heute gern wieder als positives Kolonialerbe beschworen wird. Der europäische Standpunkt formuliert sich auf einem Berg von Leichen. Die Migranten geraten aus afrikanischen Metropolen in ewignächtliche Randgebiete. Sie siedeln in den Wüsten von Europa.

07:34 19.01.2021
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