Walking the Red Line

Literatur Brad Whitman spielt mit seiner Souveränität, wann immer er es sich gestattet, seine Ziehtochter Juniper mit Abstand zu begehren
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Rousseau knüpft an die Freiheit Pflichten. Die Preisgabe der Rechte lösche jeden Anspruch auf Restitution. Der freiwillige Verzicht auf Freiheit sei mit der Natur des Menschen nicht zu vereinbaren. Wer seinem Willen die Freiheit nehme, entzöge seinen Handlungen die Sittlichkeit.

Therese Anne Fowler, „Gute Nachbarn“, Roman, auf Deutsch von Nicole Seifert, Droemer Knaur, 20,-

Brad Whitman spielt mit seiner Souveränität, wann immer er es sich gestattet, seine Ziehtochter Juniper mit Abstand zu begehren.

Juniper in abgeschnittenen Jeans und mit Bikini-Oberteil. Ich gucke nur, sagte er sich.

Die erste rote Linie überschreitet er, als er Juniper Wünsche unterstellt, die zu seinen passen.

Sie wollte ihn auch. Er wusste, dass sie damit kämpfte, genau wie er.

Brad verirrt sich in einem illegalen Labyrinth des Wunschdenkens. Er kauft Juniper ein Auto und verwöhnt sie mit Verständnis. Die Familie fährt ab in die Ferien. Superman Brad besitzt ein Dreimillionendollarstrandhaus am Atlantik von North Carolina. Ein Flora- & Fauna-Festival bietet Aussicht auf Haie, Delfine, Wale ... Meeresschildkröten ... in den Shackleford Banks (gibt es) sogar Wildpferde.

Brad spannt die Schutzbefohlene ab: Er betrachtete die Kurve der kleinen, aber perfekten Brüste. Sein eigener Körper reagierte automatisch: ein Ständer.

Juniper verliert ihre Rolle als von Totem und Tabu geschütztes Familienmitglied an Brads Obsession.

Er wollte sie nicht nur ... Er wollte sie besitzen. Er fühlte sich wie ein Süchtiger.

Wie die Witwe Charlotte Haze in Lolita“ ihrem hochmütigen Betörer Humbert Humbert unwissentlich den Weg zum Bett ihrer minderjährigen Tochter ebnet, so dient Junipers Mutter, die aus tristen Verhältnissen im Ehelift aufgestiegene Julia, (nur noch) zur Legitimation einer Konstellation, die dem Kindeswohl zuwiderläuft.

„Intelligentes Habitatmanagement“

„Subduktion ... ist ein fundamentaler Prozess der Plattentektonik. Der Begriff bezeichnet das Abtauchen ozeanischer Lithosphäre (Erdkruste und der oberste Teil des Erdmantels) am Rand einer tektonischen Platte in den darunter liegenden Teil des Erdmantels.“ Wikipedia

Auf der bolivianischenAltiplano-Hochebene drängt Wasser durch Gesteinsrisse, dessen chemische Signatur seine pazifische Herkunft verrät. Der stille Ozean unterspült die amerikanische Landmasse, steigt vierhundert Kilometer hinter der Küstenlinie vulkanisch auf und tritt in einer vom Jahrhunderte währendem Bergbau verschrundeten Landschaft zu Tage. Der erdgeschichtliche Vorgang im Dunstkreis einer Subduktion bietet sich als eskapistische Analogie zu einem narrativem Phänomen an, das mir inTherese Anne Fowlers Roman „Gute Nachbarn“, auf Deutsch von Nicole Seifert, Droemer Knaur, 20,- begegnet.

Über hundert Seiten plätschert das Geschehen wie über eine TV-Showtreppe, die kaum nachdrücklich ihre Bedeutung im Nachmittagsprogramm erheischt. Schauplatz milder Alltagsverläufe ist eine Vorstadt tief im Süden von North Carolina. In Oak Knoll leben in gediegener, aber keineswegs hochgestochener Nachbarschaft die verwitwete und alleinerziehende Forstwissenschaftlerin Valerie Alston-Holt und ihr Sohn Xavier in einem kleinen Haus mit einem großen Garten. Ein die Gegend prägender, bemerkenswert in die Jahre gekommener Baumbestand beglückt Valerie, bis eines Tages Bulldozer das nächste Grundstück planieren und folglich da auch die Flora ausradieren.

Valerie blutet das Herz.

Bald sprengt eine (für das Quartier untypisch) luxeriöse Villa den Rahmen des Vertrauten. Die neuen Nachbarn kaschieren das Gefälle so gut sie es eben vermögen. Ihre Zugänglichkeit wirkt überzeugend und besänftigend. Weit weg von angestammten Verbreitungsgebieten verändert der plötzliche Reichtum die soziale Raumtemperatur. Barrieren fallen, Bollwerke werden porös.

Herolde der Gentrifizierung sind die Whitmans. Sie tarnen sich zwar nach Kräften, doch ist das nicht mehr als vorgetäuschte Anpassung. Schließlich stehen sie am Ende der Nahrungskette.

Brad Whitman führt ein Unternehmen. Er glaubt zu wissen, wie man mit Leuten klarkommt. Brads sozialer Radar erfasst von Valerie aber nur einen Bruchteil. Für die Eingesessene gehören Pflanzen zum Milieu. Davon zeugen Reaktionen, denen Brad zunächst wenig Beachtung schenkt. Als er seine Ziehtochter Juniper und die leiblich in der Familienkonstruktion ankernde Lily vorstellt, erklärt Valerie:

„Wacholder und Lilie. Pflanzen sind mein Ding.“

*

„Die Eiche (in ihrem Garten) war der Grund gewesen, aus dem Valerie und Tom dieses Haus gewählt hatten.“

Valerie, die Kurse zum Thema nachhaltige Waldbewirtschaftung gibt, überprüft die Eiche „auf Anzeichen von Stress“ infolge der gewaltsamen Veränderungen im Schatten des Baums. Mit dem Fernglas observiert sie die Krone. Was sie sieht, deprimiert sie.

Valerie diagnostiziert einen Riesenschaden „für das Wurzelsystem“; entstanden bei dem Aushub für das Schwimmbad der Whitmans. Sie verknüpft die Eiche mit dem Lebenslauf ihres Sohnes und der Geschichte des Südens aus der Perspektive soeben frei gewordener, doch weiterhin furchtbar drangsalierter Sklav:innen um 1866.

Brad fehlt jede Ahnung von Valeries inneren Dramen. Er ist auf einem ganz anderen Dampfer, als seine Nachbarin den Anwalt Wilson Everly konsultiert, der gleich mal einen „emotionalen Schaden“ von einer halben Millionen Dollar konstatiert.

Rumms. Da tritt der Pazifik weit weg von seiner Küste aus den Anden. Er schießt mit Vulkanemergenzdurch Felsrisse und tritt auf einem Plateau aus, das von oben betrachtet erst einmal keine Verbindung mit dem Meer zu haben scheint. Wie denn auch? Anders gesagt, mit allem hat Brad gerechnet, nur nicht mit einem (wegen ihm) tödlich erkrankten Baum.

Bald mehr.

Aus der Ankündigung

Ein Gesellschaftsroman, den man nicht aus der Hand legen kann, weil er auf schmerzliche Weise unsere heutige Zeit verhandelt.

In Oak Knoll, einem Vorort in North Carolina, ist das Leben noch in Ordnung: Die Nachbarschaft ist grün und der Zusammenhalt zwischen den Nachbarn eng. Hier zieht die alleinerziehende Forstwirtschaftlerin Valerie Alston-Holt ihren Sohn Xavier groß. Er ist ein Musiktalent und das College-Stipendium ist ihm so gut wie sicher. Dennoch hat er zu kämpfen, denn Valerie ist schwarz, Xaviers Vater weiß, und er selbst passt nirgends so richtig hin.
Als auf dem Grundstück nebenan die Whitmans mit ihren Töchtern einziehen, verändert sich langsam, aber stetig die Gemengelage in dem kleinen Vorort. Sie sind die scheinbar perfekte weiße Familie, die den amerikanischen Traum lebt. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn hinter der Fassade verbirgt sich manches Geheimnis. Manchmal braucht es nur noch eine sterbende Eiche und eine Teenager-Liebe, um eine hübsche Nachbarschaft von einer Katastrophe erschüttern zu lassen.
Mit chirurgischer Präzision nimmt Therese Anne Fowler ihre Charaktere Stück für Stück auseinander und zeichnet mit ihrem Roman ein erschreckendes Bild des heutigen Amerika, das noch immer von Rassismus, Sexismus und Vorverurteilungen geprägt ist. Ein Buch, über das man sprechen möchte.

Zur Autorin

Therese Anne Fowler, Jahrgang 1967, ist eine amerikanische Autorin. Sie hat Kulturwissenschaft und Kreatives Schreiben an der North Carolina State University studiert und ist Mitglied des Amerikanischen PEN-Zentrum. Sie lebt mit ihrer Familie in North Carolina.

13:15 26.05.2021
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