Wannenwaschzwang

Literatur Mehr zu Mary Millers Kurzgeschichten „Always Happy Hour“ - Ein Collegeabschluss macht die Erzählerin von „Big Bad Love“ zur hervorragenden Person ...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sehen Sie ferner https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3390

und

https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3383

Ich arbeite in einem Übergangsheim für misshandelte und vernachlässigte Kinder, sage ich.“

Ein Collegeabschluss macht die Erzählerin von „Big Bad Love“ zur hervorragenden Person in dieser Einrichtung im ärmsten US-Bundesstaat. Mary Miller belässt es bei dem Hinweis ärmster Staat. Ich tippe auf West Virginia. Die Fürsorgerin kümmert sich um irritiert protestierenden, von Pilzen befallenen, von ihren ledigen Müttern, die selbst noch beinah Kinder sind, und zwar überwiegend übergewichtige, fallengelassenen Babys.

Mary Miller, „Always Happy Hour“, Erzählungen, auf Deutsch von Stefanie Jacobs, Hanser Berlin, 22,-

Die Erzählerin beschreibt das Asyl als Fortsetzung des Trailerparkmilieus mit anderen Mitteln. Kaum sind die Mädchen in der Pubertät, reproduzieren sie Varianten des Versagens. Es beginnt mit dem Rauchen von Tabak und endet, soweit es die Reichweite der Erzählerin betrifft, mit Trebegängen.

Und plötzlich sind sie weg. Ihre Akten verschwinden im Archiv und werden nie wieder hervorgekramt. Da deutet sich eine Spurlosigkeit an, die zu illustrieren, die Autorin sich hütet.

„Eigentlich unglaublich, wie leicht man (die Mädchen) vergessen kann.“

Die Einrichtung leidet unter den Mängeln jeder Tafel-Gesellschaft.

„Ich bin erleichtert, dass noch keine Lebensmittellieferung gekommen ist, weil es meine Aufgabe einen Wagen zu stapeln und den Wagen einen Hügel hochzuschieben, der eigentlich gar nicht nach einem Hügel aussieht, aber an Tafel-Liefertagen zu einer echten Herausforderung wird.“

Die Verwahrten laufen in Sachen aus Altkleidersammlungen herum. Wird ein Kind an Pflegepersonen weitergereicht, händigt man den kläglichen Besitz im Müllbeutel aus. Karitative Aktionen, bei denen Koffer herausspringen, finden nicht statt. Oft genug steht kein Schaumbad zur Milderung des Wannenwaschzwangs zur Verfügung.

Und doch steckt in der Notdurft/dem Notdienst mehr, als die meisten Zöglinge außerhalb des Heims je bekommen haben.

*

Grundversorgung ist also auch für Diamond keine Selbstverständlichkeit. Die Erzählerin nimmt das besonders schwierige Kind manchmal mit zu sich nach Hause. Da gibt es „große Flachbildschirme, Dutzende von DVDs, frische Lebensmittel und drei verschiedene Sorten Blue-Bell-Eiscreme“.

Wie wirkt der Komfort auf die geborene Lowliferin? Dreht ihr der Wohlstand eine lange Nase? Oder rechnet sie ihn sich als eine Option ihres Lebens zu?

Trostlose Praxis

Eine Frau dechiffriert ihren Liebhaber, indem sie dessen häuslichen Verhältnisse inspiziert. Da zeichnet sich eine trostlose Praxis und zugleich eine verschleißende Routine ab. Die Investigative registriert Schokoriegel aus Neuseeland „mit Fröschen auf dem Einwickelpapier“.

„Auf dem Kühlschrank (stehen) vier Schachteln Kellogg’s.“

Unter dem Bett liegen Katzen neben einem Revolver. Die Akteurin kann sich nicht merken, wie man eine Waffe einsetzt. Ihre Schöpferin setzt das Desinteresse in eins mit der Unfähigkeit, auch nur den leisesten Nutzen aus Erstehilfekursen zu ziehen. Millers Heldin fehlt die Konzentration auf elementare Konstellationen. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb sie einen Mann erträgt, der mit ihr seine Tattoos und deren Bedeutungen durchgeht; der sich ihr mit diesem regressiven Programm ganz ernsthaft erklärt.

Kurt Vonnegut- und Gertrude Stein-Zitate konkurrieren mit Kleeblättern und kämpfenden Bullen auf der Haut. Wie lässt sich so jemand als sexueller Opponent akzeptabel finden? Mit dieser Frage endet die erste Geschichte jedenfalls für mich. Ein erzählendes Ich schließt sich an. Die Promovierende wohnt mit der gleichfalls promovierenden New Yorkerin Melinda in der Gegend von New Orleans zusammen. Melinda bejagt den örtlichen Bauernmarkt mit jenem Eifer, den sie gewiss auch für Urban Gardening aufbringt. Sie beweist eine erschütternde Hemmungslosigkeit beim Verzehr von Fleisch. Im Übrigen lebt sie aber korrekt im aktivistischen Alarmmodus.

„Melinda ist klein, nicht mal eins sechzig, und hat die winzigsten Schuhe und Slips, die ich je gesehen habe, aber sie isst unglaubliche Mengen. An ... Tagen bringt sie Ziegenfleisch, eine Taube oder ein Eichhörnchen mit heim.“

Lähmend regressiv

Sie macht sich schon lange keine Gedanken mehr darüber, wie lähmend regressiv die Ordnung ihres Lebens ist. Am liebsten stalkt die Erzählerin ihre Ex-Freunde. Obwohl sie noch jung genug ist, um im Kohortentakt zu promovieren, zählt sie bereits zu den Geschiedenen. Zurzeit gibt sie Ben den Vorzug. Er bekocht sie und versorgt sie mit Gardetto’s. Er trinkt zu viel Bier; die Geliebte bemerkt das an einem Observationssaum. Sie beobachtet Ben wie ein Haustier.

Du bist ein Schatz. Ich reiße (die Gardetto’s) auf, picke mir die knusprigen braunen Teile raus und fasse dabei sein Fläschchen Klonopin ins Auge. Manchmal schüttet (Ben) die Pillen und zählt nach, wie viele er noch hat.“

Ben hangelt sich mit Filmzitaten durch einen nebulösen Alltag. Er leidet unter seiner Rolle als Lückenbüßer und Gelegenheitsbeischläfer. Ben will mehr „als eine Freundschaft in der grausten Grauzone“.

Ich frage mich, warum sich Ben in der Konstellation etabliert.

Amerikanischer Busch

„Is it my imagination/or have I finally found something worth living for? I was looking for some action/but all I found was cigarettes and alcohol.“ Oasis

In „Eins nach dem Anderen“, der dritten Kurzgeschichte im Band, unterrichtet die Heldin vorübergehend an einer Hochschule im amerikanischen Busch. Für die Dauer der Dozentur bewohnt sie eine naturnahe Stiftungsresidenz, die als Refugium eines bedeutenden Schriftstellers vergangener Zeiten zu den Campus-Attraktionen zählt. Der Wald beginnt vor der Haustür. Ein Mann, „der mit mir (der erzählenden Gastgeberin) ins Bett (wollte), behauptet(e), hier ... würde der Geist von Geeshie Wiley herumspuken.“

Die Erzählerin lädt Studierende ein, die sie reizvoll, jedoch nicht unbedingt sympathisch findet. Einen Mann „möchte ... (sie) am liebsten am Arm packen. Gott, sein Arm. Ein Arm wie ein Oberschenkel.“

Sie überschreitet Grenzen, die ihr unklar bleiben, da sie sich selbst kaum als Lehrkraft begreift. Sie tändelt wie somatisiert* vor sich hin.

* “Swallowing half an hour before closing time, that second dose of Soma had raised a quite impenetrable wall between the actual universe and their minds.” Aldous Huxley

Mir gefällt Millers somnambuler Ton. Ihr Personal eiert durch unaufgeräumte Zwischenlösungen. Es kommt nicht aus dem Knick der Provisorien. Die Akteure wüten kaum energischer als die Babyboomer:innen der Vorläufer:innenkohorte. Nur, dass für die Millennials noch weniger vom Nachkriegsspeck der westlichen Suprematie übriggeblieben ist.

Gerade fällt mir ein, dass Jim Morrison auf amerikanischen Truppenstützpunkten groß wurde. Er war ein Base Boy, der unter anderem in Albuquerque lebte. Warum hat noch niemand eine Kurzgeschichte über den im US-Südwesten heranwachsenden Jim geschrieben? Dies als Frage an die Runde. Die Texanerin Mary Miller wäre auf jeden Fall eine Kandidatin für eine Morrison Moritat im Texas Radio and the Big Beat-Style.

Eingebetteter Medieninhalt

Im Haus spukt es unspektakulär. Die nächste Tankstelle bietet sich als Knotenpunkt des Alltags an. Dahin schickt die Lehrende ihre Liebhaber, falls sie ohne Kondome aufkreuzen. Das Weitere erschöpft sich in Junk & Bier. In der vorgeblichen Nachlässigkeit steckt vielleicht schon mehr Attitüde als Sorglosigkeit. Ich registriere Spurenelemente der Ratlosigkeit.

Die Erzählerin scheut vor den Standardlösungen der aktuellen Phase zurück. Sie will das Überkommene im Kontext erster Karriereschritte nicht, weiß aber auch nichts Besseres.

Pressetext

"Versau es nicht, denn wenn du einmal mit dem Versauen anfängst, ist es wahnsinnig schwer, wieder damit aufzuhören."

Die Frauen in Mary Millers Erzählungen sehnen sich nach romantischer Liebe und stecken in zum Scheitern verurteilten Beziehungen fest. Sie trinken zu viel Bier und klammern sich an Vorstellungen und Männer, die ihnen eigentlich egal sind. Sie sind auf der Suche, wissen aber nicht, wonach.

Mary Millers Erzählungen sind knallhart, rührend komisch und treffen einen Nerv. Mit ihrem scharfsinnigen, soziologischen Blick beschreibt Mary Miller das Alltägliche in all seiner Banalität und zeichnet eine schmerzhafte Realität, der man sich nicht entziehen kann. Unaufgeregt und ungeschönt skizziert Miller den entzauberten Alltag orientierungsloser Frauen.

Da ist die Frau, die verzweifelt den Unterschied zwischen "Hab dich lieb" und "Ich liebe dich" austariert, während sie ihrem Freund beichtet, dass dessen Katze womöglich eine Rasierklinge gefressen hat. Da ist die Dozentin, die ihren Schreibaufenthalt in einer imposanten Villa verbringt und überlegt, mit einem ihrer Studenten zu schlafen. Da ist die Frau, die sich von einer Freundin Luxusurlaube spendieren lässt, und sich permanent fragt, warum sie sich in Situationen begibt, in die sie nie geraten wollte. Zwischen Happy Hours in Pool-Lounges, Bars und Absteigen unter der Hitze der US-amerikanischen Südstaaten fordert Mary Miller uns heraus, die Schönheit des Lebens in der Gewöhnlichkeit zu finden.

Aus der Ankündigung

In Mary Millers Erzählungen suchen junge Frauen genau an den falschen Orten nach Liebe. „Komischer Deprimismus, das ist die Formel dieser Geschichten.“ Volker Weidermann, Der Spiegel

Sie sind gierig nach romantischen Gefühlen, aber gefangen in Zeiten pornografischer Abgeklärtheit. Sie haben keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anstellen sollen, und sorgen sich um ihr Gewicht und wie sie in weißen Bikinis aussehen. Sie treffen ständig schlechte Entscheidungen und sind sich selbst ihr schlimmster Feind. Die orientierungslosen jungen Frauen in "Always Happy Hour" verbringen ihre besten Jahre in Shopping Malls, Drogerien, Karaoke-Bars und Fast-Food-Restaurants, wo sie zu viel Alkohol trinken und komplizierte Gespräche über Essen führen. So damit beschäftigt, irgendwelchen Männern zu gefallen, merken sie gar nicht, wie egal ihnen diese Männer eigentlich sind. Mary Miller beschreibt eine atemlose Gegenwart, die keine Zukunft kennt.

Zur Autorin

Mary Miller,1977 in Texas geboren, studierte Literatur an der University of Southern Mississippi und lebt heute als Autorin in Austin. Zuletzt erschienen von ihr der RomanSüßer König Jesusund der ErzählungsbandBig World.

11:45 15.06.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare