Was hat Gott mit mir vor?

Linn Ullmann „Es liegt viel Schönheit und Wahrheit im Scheitern.“
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Linn Ullmann (Mitte) in den Nordischen Botschaften. Links sitzt die Schauspielerin Juliane Köhler, rechts die Journalistin und Moderatorin Margarete von Schwarzkopf.

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„Ich versuche stets das Buch zu schreiben, dass ich nicht schreiben kann.“

Linn Ullmann stellt ihre Arbeit und ihr Leben in eine Reihe paradoxer Formulierungen.

„Manchmal ist der falsche Zeitpunkt der richtige, um ein (bestimmtes) Buch zu schreiben.“

Ich sehe die Schriftstellerin in den Nordischen Botschaften, eingerahmt von der Journalistin Margarete v. Schwarzkopf und der Schauspielerin Juliane Köhler. Seit Jahrzehnten popularisiert das Trio Ullmann Titel in Deutschland. Linn Ullmann ist die Tochter von Liv Ullmann und Ingmar Bergman und das jüngste von neun Kindern ihres Vaters. Das Botschaftsfoyer fasst das Interesse an ihr soeben. Nachrüstende Maßnahmen sind nötig. Immer wieder wird der Fluchtweg freigekehrt. Der letzte Lesungsbummelant kriegt auch noch einen Stuhl.

Ullmann neues Buch, „Die Unruhigen“, erzählt „drei Leben und drei Lieben“; die Liebe der Eltern füreinander, die Elternliebe für Linn und Linns Heimatliebe. Die Geschichte entstand „auf den Ruinen eines gescheiterten Projekts“.

„Es liegt viel Schönheit und Wahrheit im Scheitern.“

Ein Gemeinschaftswerk von Vater und Tochter, in dem der greise Bergman seine Gedächtnisverluste zu Produktionsgegenständen machen wollte, kam nicht mehr zustande. Die Autor*innen erschöpften sich in Überlegungen auf dem Vorfeld der Planung.

„Wir waren beide Kontrollfreaks und fanden es wichtig, darüber zu diskutieren, welche Tageszeit die beste für unsere Sitzungen sei.“

Ullmann spricht von „seltsamen Problemen“ auf dieser Baustelle ihres Lebens. Bergman war fünf Mal verheiratet. Mit Liv Ullmann lebte er in den Sechzigerjahren unverheiratet zusammen. Ingrid v. Rosen löste die Schauspielerin ab. Die gemeinsame Tochter Maria war zum Zeitpunkt der Eheschließung 1971 bereits zwölf Jahre alt. Linn wusste damals nichts von ihr. Sie hatte ihren Vater gewiss nie so für sich, wie sie es gern gehabt hätte.

Vermutlich setzte sie Erfindungen an die Stelle von Erinnerungen. Das deutet sie an. Ullmann nennt „Erinnerung die große Geschichtenerzählerin“.

„Man erfindet Geschichten, wenn die Erinnerung versagt.“

„Wir erinnern in Fragmenten und schaffen Verbindungen zwischen den Fragmenten.“

1995 starb Ingrid an Krebs. Ullmann schildert den Schmerz des Vaters. Er trauert um eine Frau, die nicht Linns Mutter ist. Im Gegenzug erfährt Liv Ullmann eine Glorifizierung.

„Meine erste große Liebe war meine Mutter. Sie war so schön, dass wegen ihr Männer in Ohnmacht fielen.“

Liv Ullmann glänzt nicht der Mutterrolle. Sie ist ständig unterwegs, als weltweit gefragte Person, die manchmal vergisst, zuhause anzurufen. Sie begreift nicht, was ihre Nachlässigkeit anrichtet. Die Tochter vergeht vor Angst und erlebt die Vertrauensbrüche als an höchster Stelle angeordnete Prüfungen. Sie fragt sich:

„Was hat Gott mit mir vor?“

Gott äußert sich nicht dazu. Das Kind könnte ihn mit dem „größten Regisseur aller Zeiten“ verwechseln. Bergman nannte seinen letzten irdischen Abschnitt Epilog. Er verliert Wörter.

„Plötzlich war das Wort Scheibenwischer weg.“

Bergman modelliert die Geräusche des Gummis auf der Scheibe und skizziert den Vorgang des Scheibenwischens in die Luft.

Er begegnet der Schlaflosigkeit mit Niederschriften.

„Sein Zimmer war ein Konvolut. Das Notizbuch eines Kindes.“

Ullmann greift tiefer in die Kiste, bis der Vater wieder jung und jeder Tag ein Filmtag ist. Ohne freiwillige Selbstkontrolle mutet er ihr die Moderne im Kino zu. Man zieht sich in die Intimität eines privaten Vorführraums zurück. Der Regisseur erklärt seiner Tochter:

„Als der Stummfilm verschwand, ging eine ganze Sprache verloren.“

Nachtrag:

„Ich wollte als Kind kein Kind sein“, verrät Ullmann. „Während meine Eltern sich ständig auf ihre Kindlichkeit beriefen und ihre Kreativität mit der Agilität ihrer inneren Kinder erklärten.

„Ich pfeife auch heute noch auf mein inneres Kind.“

Linn Ullmann, „Die Unruhigen“, Roman, Luchterhand, 22,-

08:37 09.06.2018
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