Was sagen wir den jungen Leuten?

Antisemitismus Friedensgrüße als Programm - Muhammad Sameer Murtaza präsentierte gestern seinen Aufruf „Schalom und Salam: Wider den islamisch verbrämten Antisemitismus“ im Urania.
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Von rechts: Juliane Wetzel, Anne-Béatrice Clasmann (Moderation), Muhammad Sameer Murtaza und Aiman M. Mazyek bei der Präsentation von „Schalom und Salam: Wider den islamisch verbrämten Antisemitismus“im Berliner Urania.

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Die Tagesschau meldet heute: „Gewalt in Gaza - Am 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels eskalierte die Gewalt in Gaza. Es war der blutigste Tag im Nahostkonflikt seit 2004. Wenigstens sechzig Palästinenser wurden getötet, mehr als 2400 verletzt.“

Das heizt die Stimmung in Wohnzimmern weltweit auf. Eine mitfühlende Wut artikuliert sich. Alles scheint klar. Wer im Recht ist. Wer überzieht. Wer auf die Menschenrechte pfeift. Mit der Gewissheit auf der richtigen Seite wütend zu sein, legt der Nachwuchs in seinen Milieus Protest ein. Nach seinen Begriffen könnte nichts gerechter und notwendiger sein als eine Verurteilung Israels auf dem Schulhof im muslimisch-migrantischen Jugendstil.

„Was sagen wir den jungen Leuten?“ fragte Moderatorin Anne-Béatrice Clasmann anlässlich der Präsentation von Muhammad Sameer Murtazas „Aufrufs zu islamischer Selbstkritik und zum Frieden unter den Bruderreligionen Judentum und Islam“.

Schalom und Salam – Friedensgrüße als Programm. Murtaza wirbt, so weiß es der Klappentext, „für Verständigung und Toleranz zwischen Judentum und Islam“. Er widerspricht jenen, die davon überzeugt sind, dass Judenfeindlichkeit zur DNA des Islam gehört. Er zitiert den Koran an Stellen, die eine historische Koexistenz belegen. Der Prophet habe in den gleichfalls monotheistischen „Leuten der Schrift“ tendenziell Alliierte gesehen. Murtaza analysiert den Mörtel im Fundament der Wüstenreligionen. Er findet keine grundsätzliche Feindschaft.

Der Autor sagte: „Der islamisch verbrämte Antisemitismus ist ein modernes Phänomen“, für das man Brücken in die Vergangenheit gebaut hat, um diese Spielart des Rassismus historisch erscheinen zu lassen. Man kann das mit Nietzsche und leicht abgewandelt eine monumentalische Historie nennen. Murtaza dekonstruiert angeblich vom Koran gestützte antisemitische Stereotype. Er wiederholt sich: Es gab das gute Miteinander. Einschlägige Koranstellen seien wieder und wieder neu kontextualisiert worden; man habe nur keine Konsequenzen daraus gezogen; das heißt, in der Praxis keine Verwendung dafür gehabt.

Davon ist Murtaza überzeugt: Es bestand die längste Zeit eine andere islamische Kontinuität der Wahrnehmung des Judentums (als die aktuelle). Den jungen Leuten müsse man klarmachen, dass der Nahostkonflikt kein heißkalter Religionskrieg sei, sondern ein Kampf um Ressourcen. Vor allem jedoch stünden die Meinungsfürsten der Mehrheitsgesellschaft in der Pflicht, „ein Narrativ zu entwickeln“, dass es Migranten erlaube, Deutschlands besonderes Verhältnis zu Israel besser zu verstehen.

In diesem Sinn äußerte sich auch Aiman Mazyek. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland hält den Islam „für organisch antirassistisch“. Das Glaubensband mache ethnische Auffächerungen unbeachtlich. Mazyek erkannte in manchem salafistischen Umzug lediglich eine Erscheinungsform der Jugendrevolte im Zuge eines unvermeidlichen Aufbegehrens.

„Man kann damit wunderbar provozieren.“

Die Historikerin Juliane Wetzel, seit 1991 Mitarbeiterin des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin, erklärte, dass die gefühlte Zunahme antisemitischer Handlungen, sich empirisch nicht untermauern lässt. Die meisten antisemitistischen Straftaten wurden 2006 registriert, als die Öffentlichkeit noch taub für das Thema war.

„Über neunzig Prozent aller antisemitischen Straftaten haben einen rechtsextremen Hintergrund.“

Die mediale Rezeption des Antisemitismus in Deutschland bildet die Tatsachen nicht ab, meldete Wetzel.

Muhammad Sameer Murtaza, „Schalom und Salam - Wider den islamisch verbrämten Antisemitismus“, Info3 Verlag, 154 Seiten, 16,90,-

08:42 16.05.2018
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