Was war da vorher?

Migration Eine Geschichte der Gastarbeit - XIX. Folge
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die künstlerisch wertvolle Unisextoilette der Galerie Gerster

Eingebetteter Medieninhalt

Der auf einem osthessischen Knick in einer Enge zwischen Thüringen und Franken ansässige Unternehmer Amiran Vanilisi beschäftigt fast ausschließlich Migranten in seiner Fabrik für Schuhbodenteile. Seine Vorfahren flohen von einem Ufer zum anderen aus Georgien in die Türkei und bildeten da die nicht anerkannte Minderheit der Lasen. Das sind in der Mehrzahl sunnitische Muslime, vereinzelt auch orthodoxe Christen. Die kulturellen Trennlinien verlaufen umgekehrt proportional zu den Demarkationen zwischen den christlichen und den muslimischen Armeniern (Hemşinli), die sich in den gleichen Gebieten ausdifferenziert haben. Amirans Vorfahren stammen bis zur Generation seiner Eltern ausnahmslos aus der Provinz Düzce. Obwohl sie mit keiner markanten Ethnie auf dem Staatsgebiet der Türkei verwandt sind, nimmt man sie als Türken wahr.

Die Geschichte der Gastarbeit muss noch geschrieben werden.

Alwin Gerster, Hessens jüngster Bürgermeister und das nicht als Linker oder Grüner, sondern als einer von uns, trifft Geschäftsleute vor der Galerie seiner Tante Sarah am Bahnhof. Die Herrschaften kommen aus Kassel und wollen in Finkenherd noch ein Solarium eröffnen.

Sarah gesellt sich. Zum Beweis ihrer vertraulichen Beziehung schnippt sie Schuppen von der Kampfjacke des Neffen. Ja, Alwin trägt Parka mit CDU-Anstecker. Sarah fordert und kriegt seine ganze Aufmerksamkeit. Wie in einer alten Tanzfilmszene drehen sich Sarah und Alwin aus dem Geschehen und lassen die Kaufleute einfach stehen. Sie passieren Peggy Peridots Imperium. Die Mini Mall verbindet ein Nagel- und Massagestudio mit einem Imbiss, Sushi inklusive.

Eine weitere Folge unseres beliebten Quiz „Was war da vorher?“

Sarah Gerster Galerie war bis 1987 die Bahnhofsgaststätte „Drehscheibe“. Ich erzähle das jetzt um drei Ecken, angefangen bei Olm. Olm ist in der freiwilligen Feuerwehr aktiv seit seinem vierzehnten Lebensjahr. Als Sarahs Hoffotograf hat sich der Spanner neu erfunden. Er verkörpert jetzt eine um sich greifende Persönlichkeit, nach Jahren, in denen sein Leben geschlossen hatte wie ein Edeka am Sonntag. In den Heftchenromanen vom Bahnhofskiosk kamen seine Vorlieben nicht vor.

Rausch als Antwort auf die Erfahrung Einsamkeit. Der Kneipenklospruch Auch Arschgeigen können zart besaitet sein als Gratiseinsicht. Olm stand noch nicht einmal das Volkshochschulvokabular für seine verbotenen Wünsche zur Verfügung. Saß er mit der Mutter vor dem Fernseher, dachte es mörderisch in ihm: die Alte hat Schuld. Sie hat das Monster zur Welt gebracht. Sie soll verrecken.

Alles war alt. Die Decken, das Sofa, der Fernseher. Das Haus, die Fensterläden, der Aufgang. Alles sah so aus, als wäre es schon immer alt gewesen. Auch die Mutter sah so aus. Ihre Liebe gab sich nicht zu erkennen. Dabei hätte einen die Mutter doch wenigstens lieben müssen, wenn sie sonst schon nichts für einen tun konnte.

Sarah hat Olms Vorlieben legalisiert. Das ganze Jahr durchforstet Olm den Landkreis auf der Suche nach Modellen für den Finkenherder Erotikkalender. Der innere Schmierlappen verbirgt sich perfekt. Olm riecht nach Rasierwasser, seine Frisur ist von Meisterinnenhand. Molina Beretta, Enkelin eines Geschäftsfreundes von Luciano, gibt der erfolgreichen Integration in Osthessen ein Gesicht. Sie führt den Salon Latin Lover in der Frankfurter Straße.

Ohne Voranmeldung geht nichts. Als Kunde muss man sich hochdienen, Geduld haben und Zeit mitbringen. Wer bei Molina ein Stein im Brett hat, wie Gerster und Sarah, darf vorbeischneien, sich nach dem Befinden der Familie erkunden, einen Espresso trinken, eine Zigarette im Laden rauchen und sich endlich Molinas Gestaltungswillen ergeben.

Die Bahnhofsgaststätte war in den Siebzigern eine als Geheimtipp gehandelte Drehscheibe für World’s End-Stimmungen wie in den Filmen von David Lynch und Jim Jarmusch.

To get lost in Finkenherd and find something interesting – das war die große Party im kleinen Kreis. Amerikanische Soldaten wirkten stilbildend auf Schüler. Olm gab den Zaungast. Man war freundlich zu ihm in der Jim Beam-Höhle. Hersfelder, die nachweislich Karate konnten, stellten sich gefährlich dicht an den Tresen. Die lokalen Schluckspechte und Süffels ignorierten den Nachwuchs in ihrem Revier. Ihnen war alles recht, solange die Spritpreise nicht stiegen.

Die Amerikaner verbesserten die Performance deutscher Rocker. Sie gaben Nachhilfeunterricht in Lässigkeit. Viele waren in Fulda stationiert und bereit, Deutschland jederzeit von der Karte zu streichen. Niemand unterrichtete sie in hessischer Landesgeschichte. Sie wussten nicht, wo sie gerade verlorengingen oder anderen rieten, zügig abzuhauen. Get lost or die.

Keine Ahnung hatten sie, dass Fulda zum Herzogtum Ostfranken gerechnet und 1114 zum ersten Mal als Stadt erwähnt worden war.

In der Bahnhofsstraße versucht ein Inder sein Glück mit einem Internetcafé. Er kommt zu spät. Genauso gut könnte er einen Telefonladen aufmachen oder ein altes Tabak Trafik wiederaufleben lassen, das in den Neunzigern an dieser Stelle den Betrieb eingestellt hat, weil es keine anspruchsvollen Raucher mehr gab.

Amiran erinnert sich an die Liebhaber besonderer Marken, die mit Zigarrenkisten und Zigarettenstangen aus dem Laden kamen, um auf dem Trottoir in ein Gespräch verwickelt zu werden, dass sich garantiert an den beiden großen Themen Geschäft und Familie entzündete. Ihre Respektabilität stand außer Frage. Damals verbaute man Naturstein und der letzte Schrei war ein in einem gestuften Rahmen tiefliegendes Wohnzimmer voller Bäume in Kübeln.

Amiran hat sich in Indien umgesehen. Ihm hat es da nicht gefallen, anders als einigen Rucksackreisenden in seinem Bekanntenkreis. Amiran betritt den Laden, von Neugier wie an einer Schnur gezogen. In dem ursprünglichen Verkaufsraum stehen gebrauchte Einrichtungsgegenstände wie auf einem Trödelmarkt.

Die Kasse ist verwaist. In den Regalen hinter dem Schalter stecken Süßigkeiten, die Amiran noch nie gesehen hat. Die Leute an den alten Rechnern in dem Raum, der früher das Lager war, gehören vermutlich zur Familie. Zumindest sehen sie so aus. Sie verweigern die Kopfhörer. Sie hören ihre Musik und sprechen mit Leuten aus der Heimat. Amiran geht auf, dass er nicht nur eine Sprache hört. Da sitzt keine Familie. Das Angebot des Inders versorgt Flüchtlinge.

Amiran fällt wieder auf, wie schnell sich die Dinge an ihm vorbei entwickeln. Eben noch obenauf, ist man im nächsten Augenblick schon abgehängt. Eine böse Vorahnung meldet sich. Der Inder erscheint und deutet mimisch an, dass er zu beschäftigt ist, um sich anzuhören, was Amiran zu sagen hat. Als Kunden nimmt er Amiran nicht wahr. Er hält Amiran für einen Behördenvertreter, der gekommen ist, um das Café dicht zu machen.

Der Inder hebt eine Box vom Boden. Er schiebt den Deckel an und serviert Amiran den Anblick von unverpacktem, abstoßend zusammengebackenem Zuckerwerk. Amiran fühlt sich zurückgeworfen in die Schreckenskammer Kindheit. Er sitzt mit seinem Bruder auf der klebrigen Rückbank eines brüllend heißen Autos. Amiran greift Levan in die Haare, furchtbar erbost.

Das brüderliche Faustrecht sagt: du oder ich. Levan wehrt sich mit der Wut des Schwächeren. Er wird nie jene Deutungsmacht beanspruchen können, die Amiran selbstverständlich ausübt. Amiran ist der Alleinerbe des alten Lasen. Er beansprucht kindlich seine Vormachtstellung. Levan wird im weiteren Verlauf der Reibereien gar nichts anderes übrigbleiben, als Bündnisse anzustreben, die ihn in den Konfrontationen mit dem Älteren stärken. Der Keim des Verrats liegt in der Schwäche.

Amiran wittert eine Verschwörung. Seit zehn Minuten steckt sein Vertriebschef Morgan Freilich in einer Konspiration mit der Lieblingstante des Bürgermeisters vor dem Café Arkana auf dem Rathausvorplatz. Aus einem mit Kopfsteinpflaster verniedlichten Oval ragt eine Stele. Ein Protegé von Sarah Gerster hat das Werk verbrochen. Der Künstler ist in der weiten Welt vollkommen unbekannt.

Interessanterweise fordert sein Beitrag zur Moderne im öffentlichen Raum keinen Bürgerunmut oder jugendlichen Vandalismus heraus. Sarah residiert als Flüchtlings- und Fremdenverkehrskoordinatorin im Rathaus auf der Chefetage. Sie organisiert die Festspiele und kuratiert die Ausstellungen in der Bahnhofsgalerie.

Ihr Hochmut fragt nicht nach den Erwartungen des Steuerzahlers. Zurzeit mutet sie Finkenherd Arte Povera von Michelangelo Pistoletto zu. Amiran möchte nicht wissen, was das kostet, einschließlich der Versicherungen. Er traut Sarah alles zu, auch dass sie Kunst abgreift und in der Besenkammer neben dem Heimatmuseum hortet, dass ein Ahne des amtierenden Gerster unter dem Rathausdach in zwei Räumen einrichten ließ.

Der Gerster Klan hält das Rathaus besetzt. Man ist CDU im Geist der CSU. Der Freistaat fängt vor der Tür an und färbt schon ab. Rechts von der Finkenherder CDU beginnt eine menschenleere Öde. Auch die vorgeblich linksdrehende Sarah löckt nicht wider dem Sippenstachel.

Die politischen Differenzen sind Dekor, wenn sich die Machtfrage stellt. Ein unverbrüchlicher, von Einfallsreichtum getunter Familiensinn, bestimmt auch Sarah. Was sie vom christsozialen Karrieristen auf dem Thron des Bürgermeisters trennt, steht in keinem Parteibuch.

Sarah wringt ihr trockenes Haar. Eine Geste der Verzweiflung. Die Caféchefin gesellt sich zu den Verschwörern. Sie heißt auch Sarah und war in Fulda auf dem Domgymnasium, während die spätere Fremdenverkehrsfee im Betrieb eines Onkels Werkzeugmacherin lernte. Richtig, Sarah hat noch nicht mal Abitur.

Bald mehr.

10:35 11.11.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare