Weibliche Dominanzperspektive

Migration Der Richter fordert Cynthia auf, Avans redlichen Ansturm mit Ehrlichkeit zu quittieren.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eine kaum erwachsene Frau auf Bräutigamschau beobachtet einen Offizier, der in Frage kommt. Cynthia hält ihn für einen Anglo-Inder. Sie zählt zum Volk der Karen, einer in Myanmar verfolgten Minderheit. Noch heißt das Land Burma, in dem die Wohlgeborene aus einem Volk von Unbesiegten ihre Aufmerksamkeit einem in ihren Augen ganz und gar Weißen schenkt. In einer Hafenszene steuert der Begehrte eine Barkasse mit herausfordernder Lässigkeit.

Wieder stellt sich die Frage: Ist der Mann in der Mühelosigkeit zuhause oder zockt er mit dem Schicksal. Die Frage folgt einem Satz, der sich selbst dementiert: Seinem guten Aussehen ließ sich nichts mehr hinzufügen.

Weibliche Dominanzperspektive

Die Perspektive sollte keinen Menschen erstaunen, aber natürlich erkennen wir sofort den dominanten Blick auf den männlichen Körper.

„Ihrem Ursprungsmythos zufolge stammen die Karen von einem weiblichen Drachen mit gepanzertem Nacken ab: Der Drache habe sich in eine schöne junge Frau verwandelt … Die Überlieferung (behauptet ferner), dass Verwandtschaftsbeziehungen der (Karen) früher matrilinear organisiert waren.“ Wikipedia

Heute noch bewähren sich Männer der Karen als Geburtshelfer und beweisen sich in tradierter Versorgungshingabe.

Miriam erzählt uns das in dem kleinen Berliner Kreis der Unentwegten als Geschichte ihrer Ururgroßeltern. Von der biografischen Folie hebt sich die burmesische Geschichte ab. Burma ist eine britische Kolonie, als der in Rangun geborene, nach dem frühen Verlust der Eltern bei Tanten in Kalkutta lieblos aufgewachsene Avan, des Birmanischen nicht mehr mächtig, 1942 in seine Geburtsstadt zurückkehrt.

Bald darauf erfährt Cynthia, dass ihr Interesse an Avan von rasender Liebe beantwortet wird. Ein Richter gestaltet den ersten Annäherungsversuch des Entflammten nach dem Schicklichkeitskomment. Cynthia & Avan haben keine gemeinsame Sprache, der Vermittler übersetzt der Empfänglichen einen Antrag.

Der Richter fordert Cynthia auf, Avans redlichen Ansturm mit Ehrlichkeit zu quittieren.

Miriam führt in unserer Gegenwart schön gewunden aus: Es fehlte meiner Ahne das Selbst. Sie wusste gar nicht, was Unehrlichkeit war. Sie kannte das Abwägen zwischen Risiken nicht und glaubt schrankenlos an den Text, den sie in Avans Augen las.

In Cynthias Welt hatten sich die Götter auf der Erde niedergelassen.

Miriam erzählt in der Manier von Somerset Maugham und Graham Greene. Sie überliefert kolonialen Schick. Sie spart nicht mit Lagunenzauber- Rohrmöbel- und Tropenhelmpatina. Eine euro-asiatische Schönheit schwebt im Sorang über englischen Rasen.

Gleich mehr.

05:52 25.01.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare