Weiblicher Woyzeck

Jane Jakarta, Puma Pride Ausschließlich weibliche Woyzecks lösen sich dabei ab, vormodern vergiftet zu erscheinen
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Man muss kaum wissen, was im „Woyzeck“ steckt, um Puma Prides Anspielungen im Handgepäck einer beiläufigen Rezeption verstauen zu können. Büchners Fragment beschreibt Auswirkungen von Versuchen an Soldaten. Im frühen 19. Jahrhundert zwang die Obrigkeit Gemeine zu einer Diät mit Erbsen. Die Kur vergiftete Probanden. Mangelernährung führte zu Halluzinationen und muskulärem Kontrollverlust. In Pumas Inszenierung am feministischen Rufina-Dmitrijewna-Nifontova-Theater grassieren Wahnsinn und Versagen. Puma hat von den Besten gelernt. Sie ist eine Meisterin der Jin-Methode nach Quanya-Ernestine Doubletrouble. Wer nicht nach drei Monaten komplett im Flow ist, und damit meint Puma: total internal, fliegt.
Manche Zuckungen im Stück lassen sich allerdings so verstehen, als solle über das Produkt eines unerwartet nachgebenden Schließmuskels der Mantel des philosophischen Schweigens in Wirtshauslaune ausgebreitet werden.

Ausschließlich weibliche Woyzecks lösen sich dabei ab, vormodern vergiftet zu erscheinen. Jeder W. ist ein von Armut und Unwissenheit Gedemütigter. Unrasiert und fern der Heimat. Unfähig zur Abstraktion. Leicht abzurichten. Die Repräsentanten der Macht bleiben in ihrer Überlegenheit weitgehend verborgen.

Woyzeck tötet, wen er liebt. Jane Jakarta und Arizona Coogan (beide agieren als Agentinnen sowohl im Alphaworld- als auch im Texaschampionteam) sehen nicht klar, ob Woyzecks Marie von den Toten auferstanden ist (und für einen Beischlaf sich nur noch einmal hingelegt hat) oder ob ihre Leiche geschändet wird. Am Anfang lagert sie (in der Gestalt von Kerosina Ostroumowa) auf dem Bühnenboden, später engagiert sie sich in einer geräuschvoll leckenden Unterwelt, mit einem Höllenkreis wie von Hieronymus Bosch darüber. Da hat Alla Makarova, verkleidet als Bonvivant à la bonne heure, die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies als Folge einer Gattungstendenz zur Selbstermächtigung längst erzählt. Später kehrt sie im erbeuteten Schiesser Feinripp auf die Bäume zurück. Die musikalische Unterwanderung endet in prekären Verhältnissen. Darin wird grandios getrunken und getorkelt.

Die Dunkelheit des von Erbsbrei vernebelten Geistes und einer im Kunstnebel tauchenden Bühne reißt auf im Licht der Erkenntnis. Inna Petrowna Orlowa erklärt in der Rolle einer besonders wuschigen W. die Evolution des Bewusstseins als einen Prozess, in dem Sprache säkularisiert wurde. Der Riss geht dem Vernehmen nach durch die griechische Antike. Vor Odysseus war alles Mengenlehre und göttlicher Auftrag. Die Menschen waren zufrieden in einem schizophrenen Zustand. Sie hörten Stimmen, die Stimmen gehörten Gött:innen. Die Gött:innen lieferten Imperative. Erst Odysseus habe die Mandatsträger für so erreichbar gehalten, dass ihre Überlistung als Möglichkeit am Horizont aufschien. Mit Homer kam das Bewusstsein zur Sprache. Inna zitiert Julian Jaynes' „Der Ursprung des Bewusstseins durch den Breakdown of the Bicameral Mind“.

Wann immer die Helden Homers im Krieg um Troja unter Stress gerieten, nahm ihnen eine innere Stimme die Last fälliger Entscheidungen ab. Laut und klar vernahmen Achill und Agamemnon Befehle aus der rechten Hirnhälfte.

Später im Foyer

unterhält man sich über angeschwemmte Leichen. Sie wurden an Urlaubsstränden aus dem Wasser gezogen. Das sind die entweihten Leiber Namenloser einer Völkerwanderung, die es nicht geschafft haben, in europäischen Küchen und Kellern dem Wohlstand nah zu verelenden. Jane Jakarta denkt an einen Satz von Johannes Bobrowski: „Ich mache bloß so ein Schlußpanorama für die zu Ende gehende Epoche der Seßhaftigkeit, welche im Neolithikum bekanntlich anfing, damit die Leute wissen, wie das war.“

Gleich mehr.

11:21 17.06.2021
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