Weiße Tigerin am Hansaplatz

Postmigration Aangs Mutter kommt so agil um die Ecke. Sie hat diese Flummi-Fluffigkeit. Sie heißt Báihǔ, das heißt weißer Tiger auf ...
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Aangs Mutter kommt so agil um die Ecke. Sie hat diese Flummi-Fluffigkeit. Sie heißt Báihǔ, das heißt weißer Tiger auf ...
„Lebt wohl, guter Charles! – Nun will ich den Abenteurer anspornen. Ich hoffe, sein Ende zu erleben; denn meine Seele, ich weiß nicht warum, hasset nichts so sehr als ihn. Doch ist er von sanftem Gemüt, nicht belehrt und dennoch unterrichtet, voll edlen Trachtens, von jedermann bis zur Verblendung geliebt; und in der Tat so fest im Herzen der Leute, besonders meiner eignen, die ihn am besten kennen, daß ich darüber ganz geringgeschätzt werde. Aber so soll es nicht lange sein – dieser Ringer soll alles ins reine bringen. Es bleibt nichts zu tun übrig, als daß ich den Knaben dorthin hetze, was ich gleich ins Werk richten will.“ Shakespeare, Wie es euch gefällt
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Karim-Eike ist so türkisch wie man nur sein kann in der dritten Einwanderungsgeneration. „Der gebieterische Drang der Umstände“, um einmal wieder Bismarck zu zitieren und an seine Ansichten in der Migrationsfrage zu erinnern, verlangt Karim-Eike alles ab. Er macht sich gerade in einem Milieu zwischen Restauration und Renaissance. Da findet ein Binnenclash der Kulturen statt, aus den Kratern strömt die Lava der Zukunft. Den Patriarchen passiert in diesen heißen Quellen das, was man unter Dinosauriern kurz Yucatán nannte, dann wussten die Überlebenden Bescheid.

Karim-Eike verkörpert den Postmigranten als sympathischen Schlacks mit Schluri-Appeal. Er legt den Almanci – Deutschländer defensiv aus. Selten kommt er aus seiner Deckung.

Jetzt also Karim-Eike. Ein Typ wie aus der Werbung. Karim-Eike liebt Formationstanz - und Aang. Aangs taiwanesische Eltern haben die Tochter nach einer Zeichentrickserie benannt. Das IT-Paar erkennt in der Verbindung mit dem Abkömmling (nach ihren Begriffen) ungeschmeidig Migrierter ein Desaster. Das ist der narrative Kern einer Realkomödie rund um den
Berliner Hansaplatz. Da wohnen sämtliche Akteure. Sozialen Abstand muss man ihnen nicht beibringen. Das können sie gut. Das machen sie gern. Same same but different eben. In der mehrheitsgesellschaftlichen Lesart mögen sie sich ähnlich sehen. In ihrer Selbstwahrnehmung liegen Welten zwischen der mühsamen Arbeitereinwanderungsgeschichte der einen und dem ICE-mäßigen Durchrauschen der anderen. Wer sagt uns denn überhaupt, dass die Taiwanesen nicht in Wahrheit festländische Spione sind - Agent*innen aus dem Reich der Mitte. Mich würde das nicht wundern. Aangs Mutter kommt so agil um die Ecke. Sie hat diese Flummi-Fluffigkeit. Sie heißt Baihu, das heißt weißer Tiger auf ...
Báihǔ rennt in ihren Rollen einige Klischees über den Haufen. Gelegentlich fährt sie sich selbst gegen die Wand. Báihǔ wird sogar noch mal schwanger, selbstverständlich nicht von dem Turbo-Langweiler, mit dem sie verheiratet ist. Hart bandagiert, erzwingt sie Einsicht noch beim letzten Krümel. Báihǔ bringt nicht nur die indignierte Tochter, sondern auch den gehörnten Gatten auf ihren Kurs. Ich sage es euch, Aangs im Grunde doch unbeteiligter Vater muss mit zum Hechel-Kurs im Geburtsvorbereitungsseminar.

Báihǔ kriegt alles und alle hin. Aang ahmt die Potente nach, bis sie auch schwanger ist. Auf einem verschobenen Nebengleis bespricht sich Karim-Eike mit seinem Vater, dem urig-vorgestrigen Herrn Yücsel.

Der Vater zum Sohn: „Das Kind wird niemals Baba sagen. Du wirst ein Papi bloß sein.“
Gleich mehr.
10:29 02.02.2021
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