Weltuntergang in Kürze

Berlin Ranger „Schlankweg gebe ich zu, dass ich’s nicht übers Herz brachte, mir zu verbieten, bis zu gewissen Grenzen zu bummeln.“ Robert Walser
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Zu den Top-Produkten der DDR gehört die „Spee“-Waschmittelproduktion. „Spee“ ist eine Abkürzung von „Spezialentwicklung“. Die Produktionsstätte steht in Genthin, einer Stadt östlich der Elbe im Jerichower Land. Das Werk ist eine Henkel-Gründung aus dem Jahr 1921. Gleich nach dem Krieg kam es zur Enteignung. Neunundvierzig wurde das „Waschmittelwerk Genthin“ volkseigener Betrieb. Man stellte zunächst noch ein „Ost-Persil“ her, das mit dem West-Slogan „Persil bleibt Persil“ warb. Seit den späten Sechzigerjahren heißt das sozialistische Persil „Spee“. Vronis Vater war ein Persilkocher, bis er (mit Frau und Schwiegereltern) 1963 in den Westen machte. Er ließ sich und die Bagage von den „Berlin Ranger“ schleusen, eine als deutsch-amerikanischer Freundschaftsbund getarnte Fluchthilfeorganisation im roten Kreis. Dazu später mehr. Großartige Männer wie der Obst- und Gemüsehändler Achim „Acid“ Beluga, der Fleischmagnat Hermann „Taifun“ Teichmann, der polizeiliche Staatsschützer Walter „Oblomow“ Großeisen sowie die texanischen Pfadfinder Grandslam Coogan und Stonewall Thunderbolt bewiesen Eigeninitiative (übrigens in Absprache mit israelischen, explizit antikommunistischen Stellen). Zuletzt brachten Ranger die Ostberliner Diplomatentochter Alberta Brasch in den Westen.

Ein Treppenwitz der Lokalgeschichte. Vroni, die ihre Freiheit und vielleicht sogar ihr Leben wenigstens einem Ranger verdankt, jagt nun im Auftrag der Splittergruppe „Berliner Staatsfeinde“ um Heinz Wolf und Flo Lekrem den arbeitslosen Industriekaufmann und aufgeflogenen Fluchthelfer Tillmann Koslowski. Angeblich ist Tillmann einer Linksradikalen auf die Füße getreten. Seither haben diese Leute kein anderes Thema mehr. Verlobt ist der junge Mann aus gutem Haus mit der Wurstmogultochter Gerda Teichmann. Den Pool seiner Geliebten erweiterte zuletzt die Journalistin Korea Grein. Tillmann verzehrt ein in Walddepots gebunkertes Vermögen. Er hat überall in West- und Ostberlin konspirative Schuppen und Schuhkartons zu seiner Verfügung. Flankiert werden seine Einsätze von Texas Thunderbolt, einem Sohn des legendäre Stonewall Thunderbolt.

Wilhelminische Überwältigungs- und Einschüchterungsarchitektur spielt Kulisse mit hohen Decken und einem mächtigen Foyer. Man erreicht die Anmeldung, sagt, wen man sprechen möchte. Die Dame vom Empfang greift zum Hörer. Bald kommt einem jemand entgegen. Die Gespräche werden in einem Salon geführt. Man genießt Hotelatmosphäre; nicht schick, aber gediegen. Aus dem Rahmen fallen die „Persil bleibt Persil“-Plakate.

Eine Hostess fragt Vroni nach ihren Wünschen. Das findet die Kriegerin für soziale Gerechtigkeit (social justice warrior) albern. Nie hat sie jemand nach ihren Wünschen gefragt. Sie ist doch immer nur eine unwirsche Person gewesen, die andere meiden, abgesehen von den Abgesprengten, die Vronis Durchsetzungsvermögen anzieht.

Bettine Betz erscheint. Sie könnte dem Denkmal einer Pietistin Modell stehen. Alles an ihr ist streng. Da fällt kein Haar, wie es will.

„Ich sehe, man hat Ihnen schon etwas zu Trinken gebracht.“

Vroni will ausflippen und sich aufregen. Das ist ihr Zustand. In ihr wurden Erfahrungen und Bewertungen abgelegt wie Ermordete, die anderenorts kalt gemacht wurden. Vroni beschreibt am Beispiel der eigenen Person den buchstäblich unfassbaren Schmerz aus einer Vergangenheit, die nicht ihre ist. Mitgefühl hat sie krankgemacht. Sie hat sich eine (Generationen umspannende) Opferbiografie zurechtgelegt, obwohl sie aus einer Täterfamilie stammt. Immerhin war die Oma Umsiedlerin. Die Geschichten der umgesiedelten Oma, die aus den üblichen Gründen „ihr Leben“ in der transsilvanischen Heimat zurücklassen musste, rührten die Enkelin. In der Gegenwart von Vronis Kindheit war für die Ahne nichts von Belang. Dazu kommt der Weltuntergang in Kürze. Die Großeltern hoben sich in einem besonderen Verhältnis zu Gott auf. Sie wussten alles besser. So wie jede transsilvanische Leberwurst besser schmeckte als der Schmelzkäse in den Regalen des Jetzt.

Vroni schaute mit Oma in den Himmel der Adventisten, dessen Attraktivität von einem furchtbaren Gegenteil abhängt: die Hölle für die Evangelischen, die Raucher, die Schweinefleischer und Beathörigen. Diese Leute erwartete schlankweg tausend Jahre Fegefeuer bis zur ersten Anhörung.

Vroni wuchs mit Sabbatgeboten auf. Für die Kollegen auf dem Schulhof war das jüdisch als Synonym des Andersseins. Vroni fand in der Absonderung eine Quelle von Schuldgefühlen und Scham so wie eine Marke auf dem Weg in die Depression.

Bettine betrachtet die Versperrte ohne Sympathie. Auch Bettine ist ganz Partei wie es nun jeder sein muss. Und ihre Partei heißt Texas.

Vroni schildert das Scheitern des Vaters, der von seiner Frau in eine unsichtbare Familienkatastrophe gezogen wurde. Die Übermacht des adventistischen Umsiedler-, im Westen dann Aussiedlerschicksals der an ihm hängengebliebenen Schwiegereltern treibt ihn in die psychische Migration. Seine Mittel der unzulänglichen Selbstbehandlung sind Taubenzucht und Alkohol. Manchmal sieht er seine Tochter auf der Straße. Sie hat kein Wort für ihn übrig.

In Vroni brennt die Scham der Bedürftigen. Dass es ihr so sehr ein Bedürfnis ist, der kalten Frau ihr Leben zu erzählen. Vroni rempelt zur Abwechslung einen Typen an, der es nicht wagt, ihren Blick zu erwidern. Jeden Morgen übt sie fünfzehn Minuten die Verschmelzung von Verteidigung und Angriff vor dem eingesifften Spiegel im Flur. Final auf vital, heißt die Devise. Nicht, dass das je richtig hingehauen hätte.

Angewidert von sich selbst, kommt Vroni bei Jacob an, der sich mit Angel vor dem „Umbau“ unterhält. Acid Belugas Tochter ist total auf den Hund gekommen, seit sie mit Heinz Wolf zusammen ist. Jeder im Viertel weiß, dass Angel beim Verfassungsschutz scheiterte. Sie läuft jetzt mit auf den Demonstrationen, die ihr Liebhaber als Chef der (nicht gewalttätigen) Linksradikalen anmeldet. „Nicht gewalttätig“ ist natürlich ein Witz. Heinz macht einen auf Andreas Baader, fragt man Vroni. Sie zweifelt auch an den linken Männern, die linguistische Emanzipation betreiben, Anführungszeichen, Sternchen und Unterstriche in die Luft malen und damit ihrer Zeit als Gender Avantgardisten weit voraus sind. (Wir schreiben das Jahr 1985.)

Jacob malt auch in die Luft. Er wuchs in dem Vertrauen auf, Sohn eines jüdischen Widerstandskämpfers zu sein, den Nazis ermordet hatten. Seine Mutter schleifte ihn durch halb Europa und lebte eine Weile mit dem Knaben in Israel. In den Sechzigern schwenkte sie um auf Deutschland. Da blieb sie mit ihrem längst erwachsenen Sohn in einer Wohngemeinschaft. Irgendwann rückte sie die Wahrheit heraus. Ihre Eltern waren in den Dreißigerjahren aus dem Braunschweiger Land zu Leuten nach Kalisz gezogen, die Wert darauf legten, lange preußisch gewesen zu sein und sich seit dem Chmelnyzkyj-Aufstand auf eine bestimmte Weise gehalten zu haben. Jacobs Großeltern waren assimiliert, ihre säkularen Ansichten stießen auf Widerstände in der Gastfamilie. Sie versuchten ein anderes Leben, es gelang ihnen so wenig, dass sie die Tochter schließlich als Haushaltshilfe auf ein Gut gaben. Nach dem deutschen Angriff auf Polen zog die Wehrmacht das Gut an sich. Jacobs Mutter verdrückte sich mit der Erkenntnis, als besonders arisch aussehende polnische Arbeiterin wahrgenommen zu werden. Es fehlten nur die Papiere zu dieser Legende. Jacobs Mutter verschaffte sie sich und fand Arbeit in einem Erholungsheim der SS. Da lernte sie Jacobs Vater kennen, der sofort begriff, dass er es nicht mit einer Polin zu tun hatte. Er hielt sich seinen Schatz warm, mit wieviel Liebe oder Erpressung auch immer. Jacobs Mutter überlebte ihn und verkaufte den SS-Erzeuger dem Sohn als jüdischen Helden.

Während Vroni mit Angel und Jacob vor dem „Umbau“ abhängen

wartet Monika auf der Jannowitzbrücke nahe dem Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße auf einen Vertrauten ihres Geliebten Tillmann. In Erscheinung tritt Texas als für den Observanten vollkommen neues Phänomen. So was wird in der DDR nicht gebaut. Texas führt Monika zu seinem 65er Ford Thunderbird in marienkäferrot. Er wirft sich auf den Fahrersitz und stößt die Beifahrertür von innen auf.

„Setz dich, Baby“, sagt Texas freundlich.

Er kennt die Ostdeutschen. Sie strömen überall hin, wo sich was Westliches abstauben lässt. Mitunter wollen sie weiter nichts als eine leere Coladose, um damit ihre Wohnung aufzupeppen. Auch Broschüren und Kugelschreiber sind begehrt. Werbegeschenke haben in der DDR einen hohen Wert. Es gibt genug Ostdeutsche, die ihre Wohnungen mit Markenwerbung aus dem Westen dekorieren. Sie stellen sich Kaufhauskataloge von Neckermann und C&A ins Regal. Dabei haben sie keine anderen Prestigeerwartungen als Westmänner, die mit Gesamtausgaben von Goethe und Schiller renommieren.

Texas und Monika essen eine Currywurst bei Konnopke und besichtigen das Gaswerk an der Dimitroffstraße. Leute warten auf sie vor dem Thunderbird. Einer ist beim VEB-Pneumant, korrekt VEB Reifenkombinat Fürstenwalde, beschäftigt. Es gibt eine Pneumant-Rallye. Die Firma hält eine Monopolstellung. Dem Stammwerk Fürstenwalde angegliedert sind Filialen in Riesa, Heidenau, Dresden und Neubrandenburg – mit insgesamt elftausend Mitarbeitern und einem Ausstoß von über 2.2 Millionen Reifen pro Jahr.

Der Pneumant bewundert das amerikanische Fahrzeug bis zur hellen Aufregung.

„Junge“, sagt Texas pädagogisch, „komm mal wieder zu dir. Ihr müsst doch einfach nur diese Fuckmauer sprengen und dann kann sich jeder so einen T-Bird zulegen. Wo ist das Problem.“

Der Pneumant sieht sich nach der Stasi um und verschweigt seine Einwände. Aber jetzt weiß er, wie die Freiheit aussieht.

Für zehn harte Groschen gibt es an jeder Ecke fünf Ostmark. Texas führt Monika aus. Ihn stört nicht, dass sie wenig sagt. Mit Frauen ist es wie mit Autos, denkt er philosophisch. Sie müssen schon was Besonderes sein und nicht im Dutzend billiger und lieblos verarbeitet wie von der Stange.

Morgen mehr.

09:54 02.10.2017
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