Wenn das Weiterleben nichts mehr zu sagen hat

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Vor den Vätern sterben die Söhne - Stirbt der Sohn vor dem Vater, so wie in Stig Sæterbakkens 2011 im Original erschienenen, nun auf Deutsch vorliegenden Roman „Durch die Nacht“, dann wird das Überleben des Falschen zu einem Leben im Falschen.

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„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Leo Tolstoi, „Anna Karenina“

Der Fußschweißgeruch als Madeleine

Eine aus einer verzuckerten Kinderzimmerritze geangelte Socke, schwarz von der Erde im Garten, verursacht in Karl Christian Andreas Meyer „einen Strudel nach unten. Es (fühlt) sich seltsam gut an.“

Stig Sæterbakken, Durch die Nacht, Roman, aus dem Norwegischen von Karl-Ludwig Wetzig, Dumont, 287 Seiten, 22,-

Manche Katastrophen erlauben keine Rettung. Da ist der Untergang ein letzter Gnadenbeweis in einem verfehlten Leben. Das gilt gewiss, wenn vor dem Vater der Sohn stirbt, so wie in Stig Sæterbakkens 2011 im Original erschienenen, nun auf Deutsch vorliegenden Roman „Durch die Nacht“.

Wieso sollte man als verwaister Vater resilient bleiben? Das Weiterleben hat nichts mehr zu sagen.

Zahnarzt Meyer erlebt, wie sich nach dem Selbstmord des achtzehnjährigen Ole-Jakob die Zurückgebliebenen in Monumente der selbstzerstörerischen Trauer verwandeln. Meyer, der alte Rationalist, behält den größten Spielraum. Wie gesagt, er saugt Zufriedenheit aus einem textilen Fundstück.

Er erinnert sein Glück im Zusammenspiel kolossaler Kräfte.

Der Ton in der Tiefe

Eva Risberg-Meyer ist gründlich bis zur Pedanterie. Sie gibt Antworten, die schwersten Erwägungen folgen, und erwartet von Karl, dass er es sich nicht leichtmacht. Sie will nicht den Charme im Überflug, die leichte Muse und blendende Erscheinung. Eva besteht darauf, in einem Höllenfeuer der Genauigkeit ein großartiges Eisen der Gemeinsamkeit zu schmieden. Dazu gehört die Frage:

Wann beginnt Untreue?

Ich habe Evas Rigorismus genug herausgestellt. Sie wissen längst, für Eva beginnt der Verrat mit dem Wunsch. Das schlanke Begehren einer anderen (doppelte Konnotation), macht Karl treulos. Sæterbakken schildert das so, als dürfe sich Karl freuen, so lückenlos eingehegt zu sein. Natürlich verstrickt sich Karl in Gespinste aus Lust und Liebe. Eine viel jüngere Mona lockt.

„Hätte ich nicht auf die falsche Melodie an der Oberfläche, sondern auf den Ton in der Tiefe darunter hören sollen.“

So ruft sich Karl zur Ordnung, weil er nicht im Eigentlichen der Erwartungen seiner Frau geschürft hat, sondern mit einer leichthin gesagten und gerade deshalb wahnsinnig beschwerten Erlaubnis, sich allein in Gesellschaft zu begeben, das Weite gesucht hatte.

Sæterbakken erlaubt dem Helden keine Reflexion auf einer Metaebene seiner Schuldgefühle. Der Autor stellt Karl als naiven Gatten hin. Einer ihn becircenden Mona zeigt er sich kaum ge(er)wachsener. Er zwingt Eva in die Rolle der bitter Verzeihenden. Sie muss ihn wieder aufzunehmen: in einer von Enttäuschung zusammengeschweißten, an Verdächtigungen und Mutmaßungen irre werdenden Gemeinschaft.

Der Leser folgt der als Rückblende deklarierte Abschweifung, um sich selbst von der Hauptsache abzulenken. Doch bald ist man wieder im Beat der Verzweiflung. Sæterbakken beschreibt, wie Karls suizidaler Sohn zunehmend schwieriger wurde und auf eine delinquente Weise über die Stränge schlug. Die Einschläge kamen rasch näher, während der für alle möglichen Arrangements geeignete Vater den triefenden Bürger als Konfliktidioten verkörperte.

Halluzinierte Echos

Karl wollte die Rendite für eine Übererfüllung der Normen einstreichen, Ole-Jakob hielt den Egoismus des Vaters nicht aus.

Was im Weiteren geschieht, erinnert an Hermann Hesses „Steppenwolf“. Karl reist in die Slowakei und gerät da in eine Phantasmagorie.

„Es roch nach Exkrementen und Parfüm.“

Es gibt den Galgen auf der Tanzfläche, das Tribunal der Gespenster, Kodewörter und halluzinierte Echos. Alles hallt, wallt und wie in einer Geisterbahn.

Die Reise geht weiter, bis zu einem Haus der Erkenntnis. Manche überstehen die Erfahrungen nicht, die darin gemacht werden.

„Im Eingang roch es nach Schimmel.“

Das Surreale nimmt überhand. Karl justiert seine Skalen in einem Zustand zwischen cyperwirr und hyperwach. Er tritt in eine klärende Beziehung zu seinem (toten?) Sohn.

14:11 20.07.2019
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