Wer sind die Briten?

Großbritannien Kulturelle Unterlegenheit führt offenbar stets dazu, dass man gesagt bekommt, wer man ist.
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Englischer Pflaumenbaum vor blauem Himmel

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Jene gälische Ordnung, die sich auf Lindisfarne hypostasiert, ergibt sich aus nachrömischen Machtkonzentrationen, die Reiche unter dem Kreuz hervorbringen und deren größtes Projekt die Verbreitung des Christentums in Britannien und auf dem europäischen Festland ist. Die Brandschatzung der Abtei auf Lindisfarne kündigt 793 eine neue Zeit an. Dänische Wotanisten greifen fortan plündernd in die piktisch-skotischen Herrschaftsräume und unterbrechen christlich konnotierte Konsolidierungsprozesse. Sie verändern und bestimmen den Lauf der Geschichte in einem atavistischen Kontext. Beschreibungen der Not jener Tage identifizieren neben den expansiven Skandinaviern Skoten, Pikten, Briten, Angeln und Sachsen als Zerstörer und Überwinder alter Regime.

Angeln und Sachsen kamen mit Jüten und Friesen vom Festland. Auch die Skoten und Pikten sind ursprünglich Usurpatoren. Wo ist die ursprüngliche Bevölkerung geblieben? Von den ca. hundert Stämmen, die vor der römischen Übernahme Britannien als Lebensraum beanspruchten, spielt um 800 kein Stamm namentlich mehr eine Rolle.

Wer sind die Leute, die Briten genannt werden und 849 den schottischen Bischofssitz Dunblane niederbrennen?

Sie sind die von den Römern als Kelten wahrgenommen, vermutlich mit Kelten überhaupt nicht in Berührung gekommenen Autochthonen, deren Unterjochung und Ausbeutung, kurz Kolonisierung in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung beginnt. In Annahme römischer Lebensweise wurden sie zu Bürgern, die sich nach der imperialen Preisgabe Britanniens im 5. Jahrhundert zur Verteidigung ihrer Sitten genötigt sahen. Vierhundert Jahre später rocken sie irgendwie mit im Umbruch ihrer Welt.

Die Skandinavier entlassen ihre niedrigen Gefangenen in die Sklaverei. Manchem Fürsten bleibt die Wahl zwischen Unterwerfung und Exil. Die neuen Herren werden mitunter als Engländer bezeichnet. Engländer ist ein Wort für die fremden Angeln so wie Waliser Fremde und Wales das Land der Fremden bezeichnet. Siehe.

Die Unterlegenen begreifen sich nicht als Engländer. Einige emigrieren an die Höfe standhaltender Briten, die das große Rad soweit drehen können, dass die Skandinavier unter Druck geraten. Trotzdem entsteht noch ein vereintes norwegisch-angelsächsisches Königreich, bevor die Normannen kommen und die englische Monarchie aus französischem Adel ins Leben rufen.

Kulturelle Unterlegenheit führt offenbar stets dazu, dass man gesagt bekommt, wer man ist. Das galt für die alten Briten, die gar keine Kelten waren, genauso wie für Kolumbus‘ amerikanische Westinder. Der Überlegene interessiert sich nicht für die Wahrheit. Caesar hatte festgestellt, dass in den Gallischen Kriegen Inselkrieger mitmischten, die zudem fliehenden Belgiern Zuflucht gewährten. Also setzte er an der Spitze eines Expeditionscorps über den Ärmelkanal und sah sich in Britannien um. Er wiederholte sich, die Invasionen brachten wenig. Die Unterwerfung der Briten zog sich hin.

Was sah Caesar und warum siegte er nicht?

Caesar bemerkte richtig, dass an der Kanalküste bei Portus Dubris (Dover), wo er Leuchttürme errichten ließ, Leute lebten, die den Galliern verwandtschaftlich nahestanden. Das waren robuste Migranten in der dritten Generation. Briten waren sie nicht.

Morgen mehr.

12:33 17.07.2018
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