Werkzeuge der Befreiung

Migration Sie kommen nach Deutschland und engagieren einen Scheidungsanwalt, noch bevor sie auspacken.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Emanzipatorische Nebenwirkungen

Sie kommen nach Deutschland und engagieren einen Scheidungsanwalt, noch bevor sie auspacken. Sie trennen sich von Männern, die ihnen in Zwangsehen zugemutet wurden.

Drucklücke

Sie entledigen sich ihrer Fesseln. Die Werkzeuge der Befreiung schmieden sie in Facebook Gemeinschaften. Davon berichtet Akilah in ihrer semifiktiven Geschichte „Drucklücke“. Sie beschreibt Emanzipationsschübe und Diskursverschiebungen als Migrationsfolgen. Migrantinnen, die auf der Flucht vor dem Krieg in der Türkei als Kellnerinnen das Geld für die Weiterreise nach Westeuropa verdienten, wollen ihre auf die harte Tour gewonnenen Freiheitsgewinne nicht mehr in der Verhandlungsmasse eines Ehealltags untergehen lassen.

Natürlich ragen über den emanzipatorischen Nebenwirkungen von Flucht und Vertreibung Elendsmassive auf. Akilah fehlen Voraussetzungen, um sie professionell zu besteigen. Vielleicht will sie auch gar nicht so geschmeidig sein.

Akilah erzählt noch einmal die Geschichte vom Arabischen Frühling, als via Facebook und Twitter die Zensur umgangen wurde und ein Rausch der Ermächtigung Millionen erfasste, die sich als eine Generation im Aufbruch erlebten. Man merkt Akilahs einladendem Schreibstil an, wie bewegungsorientiert und sozialmedial der Anfang war. Leute mitnehmen, ihnen eine Stimme geben: dieser Impetus spricht sich im Text aus.

Doch findet auch Akilahs Findigkeit keinen Dreh zum Glück mehr, wenn sie (nun als Reporterin ohne Grenzen) irgendwo in Afrika einen Flüchtling aufgabelt, der drei Mal im Mittelmeer gekentert ist und nun das Geld für den vierten Versuch, nach Europa zu gelangen, auf die mühseligste Weise zusammenkratzt. Dabei ist Akilah sonnenklar, dass der Verzweifelte jenseits des Mittelmeers als asylunwürdiger Wirtschaftsflüchtling angesehen wird und ihm in der weißen Welt nur die Hinterzimmer der Illegalität nicht vollkommen verschlossen bleiben.

05:16 23.01.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare