Westerngedichte

Franz Dobler schreibt Westerngedichte, ohne reiten zu können. Das Genre dient ihm auch als Protestformat gegen die in Deutschland grassierende Akademielyrik.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Franz Doblers Gedichte sind nicht nur Geschichten, sondern auch Lieder. Sie kommen aus einer einfachen Brechung. Ihren Ursprung haben sie in dem Kontakt der deutschen Nachkriegsdürftigkeit mit dem amerikanischen Siegerlebensstil.

Gern ärmlich

“I was taking the pills for awhile, and then the pills started taking me.” Johnny Cash

Folsom Prison Blues

When I was just a baby
My mama told me
Son, always be a good boy
Don't ever play with guns

But I shot a man in Reno
Just to watch him die
When I hear that whistle blowin’
I hang my head and cry …

Eingebetteter Medieninhalt

Als Nachdichtung von Johnny Cashs Folsom Prison Blues erscheint das Gedicht Der Zug fährt vorbei. Die Hommage folgt dem Bekenntnis:

„Ich kann nicht reiten./ Ich kann nicht schießen./ Ich kann kein Blut sehen.“

Trotzdem schreibt Franz Dobler Westerngedichte. Das Genre dient ihm auch als Protestformat gegen die in Deutschland grassierende Akademielyrik. Dobler geht als Feind der Metapher nach vorn. „Schwarze Wolken“ symbolisieren bei ihm kein Unheil. An seinen schwarzen Wolken zerrt nicht das Gewicht der Mehrfachkodierung.

„Ich habe nicht studiert. Ich war auf keiner Schreibschule.“

Franz Dobler, „Ich will doch immer nur kriegen was ich haben will“, Gedichte 1991 – 2000, mit Fotos von Juliane Liebert, herausgegeben von Manfred Rothenberger, 288 Seiten, starfruit publications, 25,-

The most evil reason/Siegerlebensstil

Johnny Cash schrieb Folsom Prison Blues 1952 auf einem deutschen Stützpunkt. Er reagierte auf einen Film, auf dies und das und eben auf die Überlegung: “Trying to think up the worst reason a person could have for killing another person“ … the most evil reason.

Doblers Gedichte sind nicht nur Geschichten, sondern auch Lieder. Sie kommen aus einer einfachen Brechung. Ihren Ursprung haben sie in dem Kontakt der deutschen Nachkriegsdürftigkeit mit dem amerikanischen Siegerlebensstil. Die Verbindung zeugte einen Bastard, einen bayrisch-katholischen Tennessee-Southerner; einen deutschen Hill- & Hellbilly; einen antifaschistischen Johnny Cash-Jünger.

Lange glaubte ich, alle interessanten Leute würde von Elvis bis in die Ewigkeit so oder anders-ähnlich wie Dobler sein. Rock’n’Roller eben. Was denn sonst? Inzwischen begreife ich die Zeitgebundenheit des Phänomens.

Der Dichter beschwört seine Nähe zur Musik. „Die Musik war das Netz, das mich gehalten hat. Ein einfaches Netz. Ein ärmliches Netz. Ärmlich ist ein Ausdruck, der mir sehr gut gefällt.“

Von jeher weiß Dobler, dass in jeder bayrischen Bretterbude mehr los ist als am Hochglanznacktbadestrand von Sylt. Er feiert den Provinz-Groove, die antikapitalistische Hausmarke, den antifaschistischen Familienbetrieb … die antisymbolistische Kapelle aus Leidenschaft.

Gleich mehr.

Magische Landkreise

Johnny Cash lässt sich nicht mit der amerikanischen Arbeiterbewegung erklären. Allgemein versteht man ihn als Fundamentalverkörperung eines großen Egos. Vermutlich existierte nie auch nur ein Redneck auf dieser Welt, der Johnny Cash links liegengelassen hätte. Er ist der kleinste und der größte gemeinsame Nenner in wenigstens einem Dutzend Erzählungen über das, was Amerika in Wahrheit und zutiefst ist. Da steckt viel Trump & Dump drin. Trotzdem isr Franz Dobler ein Verehrer von Johnny Cash.

Eingebetteter Medieninhalt

Ich möchte, dass Sie sich vorstellen, wir würden den Text singen. Wir, das sind in diesem Fall Johnny Cash, Sam Peckinpah, Franz Dobler und ich.

Ich habe eine Dokumentation über Sam Peckinpah gefunden, in der ein Verwandter des Regisseurs die Geschichte der Peckinpahs erzählt.

Eingebetteter Medieninhalt

Wie die Familie im 19. Jahrhundert von Indiana nach Kalifornien zog und bald dieser Weiler und jener Hügel ihren Namen trug: markiert wie mit einem Brandzeichen. Das Interessante daran: man sieht den Aufbruch in den schlanken Formulierungen. Sie tänzeln wie ungezähmte Broncos. Man hört das dicke Fell der Zugochsen sich schaben am Geschirr. Die Planwagen rumpeln ... und außerdem lässt sich die Moritat singen. Sie muss sogar gesungen werden so wie die Dreaming Tracks der Aborigines, angefangen beim Treck gen Westen bis zum Aufstieg im Lumber Business. Auch Johnny Cash besingt seine Familiengeschichte in einem sakralen Gewebe mit der US-amerikanischen Geschichte. Das gefällt Dobler. Das verteidigt er. Wie das lyrische Ich in „Weg zur Hölle“ den einzigen Cowboy von Berlin gegen autonome Anti-Amerikanismus-Automatik verteidigt. So wie der Dichter als Discjockey Zydeco in einem norddeutschen Kulturhaus am Verständnis seines progressiven Publikums vorbei präsentiert. Nehmt das. Und das. Und das auch noch. Die Barfrau fühlt sich auf eine komplizierte Weise angesprochen. Doch bestimmt nicht so, dass sie sich Dobler als den katholischen Knaben vorstellt, dem die Amis mit ihrem Laidbackchic imponierten, und der vielleicht, so wie ich gewiss, einen Lumberjack (echt nur mit gestrickten und bald aufgerissenen Bünden) besaß, der ihm heilig war.

Die Bushaltestelle von Miesbach

Von da ist es jedenfalls nicht weit bis zur Bushaltestelle in Miesbach, die vorkommt in dem wegweisenden Gedicht „Ich war überall ... in Schongau Peiting Burggen Altenstadt ... ich zeig dir jedes Kaff/ ich weiß dir die Bushaltestelle in Miesbach Affing Ampfing Huglfing ...“

Die Gegenprobe macht Dobler in Chattanooga, Tennessee. Da findet er im Stadtzentrum keine Gelegenheit, Bluegrass live zu hören. Er fragt einen malerisch schmalen Taxifahrer, der eine Demarkationslinie quer durch Chattanooga andeutet.
„Die reichen Leute kennen die Kneipen nicht, wo die armen Leute hingehen.“

Eingebetteter Medieninhalt

Gleich mehr.

Politische Naturgedichte

Das Titelgedicht „Ich will doch immer nur kriegen, was ich haben will“ flottiert als Barke eines lyrischen Schatzes. Ohne Hervorhebung zitiert Franz Dobler Heiner Müller bis zu der Zeile Ich sterbe zu langsam.

Etwas frißt an mir. Ich rauche zu viel. Ich trinke zu viel. Ich sterbe zu langsam. Heiner Müller

Der Kernsatz dementiert den Todeswunsch des agitierenden Ichs. Er lautet: Ich brauche eure Zustimmung nicht.

Das unter Druck als Credo durchzuhalten, macht den Dichter. Er könnte wieder Heiner Müller zu seinem Komplizen machen: Welches Grab schützt mich vor meiner Jugend.

Doblers Gedichte lassen mich an die wiegenden und wippenden Bewegungen eines älteren Mannes denken, der froh ist, dass seine Gelenke das mitmachen. Der Rost des Menschen ist seine Versteifung. Dobler hilft sich mit naturlyrischen Anwandlungen. Er schreibt dem Springkraut* eine sardonische Hymne. Feiernd verflucht er die vernichtende Widerstandskraft der Pflanze.

Nackte Frauen im Wald/ Politische Naturgedichte/Invasiver Neophyt

Michel Houellebecq siedelt göttliche Gnade in der Nähe des Stumpfsinns an.

Die ältesten Verehrungsgegenstände sind Darstellungen von Geschlechtsorganen. Die Religionen zogen ihre Linien im Erkennen des Zusammenhangs zwischen Geschlechtsverkehr und Fortpflanzung. Vielleicht hielten sich die Leute zunächst selbst für göttlich in ihrer unparfümierten Struppigkeit. Im magischen Denken von Heranwachsenden überlebt dieser kolonisierte Zipfel des Menschseins vorübergehend. In dem Gedicht Fakten erzählt Dobler wie er als „kleiner katholischer Junge … im tiefsten Wald ein Heft mit nackten Frauen“ versteckt hielt und so etwas besaß, nach dem er sehen konnte. Der Zustand des Heftes spielte eine Rolle für sich. Solche Zusatzgewinne liefern wiederkehrende Motive.

*„Das Drüsige Springkraut (Impatiens glandulifera), oft Indisches Springkraut, auch Rotes Springkraut oder Himalaya-Balsamine … ist eine Pflanzenart in der Familie der Balsaminengewächse. Sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet liegt auf dem indischen Subkontinent; als Zierpflanze wurde es im 19. Jahrhundert auch in Nordamerika und Europa eingebürgert. Es wächst in Mitteleuropa vor allem in feuchten Wäldern, Auen- und Uferlandschaften mit hohem Nährstoffgehalt. In Europa wird das Indische Springkraut vielerorts als invasiver Neophyt bekämpft, da es als Bedrohung für andere Pflanzenarten oder ganze Pflanzengesellschaften in deren Lebensraum betrachtet wird.“ Wikipedia

Gleich mehr.

I've got a show to play

Franz Dobler zitiert Willie Nelson: I've got a show to play.

When the evenin' sun goes down
You will find me hangin' 'round
Oh, the night life, it ain't no good life
But it's my life ...

Eingebetteter Medieninhalt

Eingebetteter Medieninhalt

Prinzessin des Texmex

„Die Reformation des Mannes ist auf der ganzen Linie gescheitert.“

„In Wirklichkeit fühlt sich niemand wegen irgendetwas schuldig, und zwar zu Recht.“ Michel Houellebecq

„Meine toten Freunde/ sind alle abgehauen/ ohne sich zu verabschieden./ Alle waren plötzlich weg.“ Franz Dobler

Dobler erzählt Geschichten in seinen Gedichten. Das lyrische Ich im Auftakt war ein Liebling der Götter, bis es aufgegeben und in die Quarantäne sozialer Notdurft geschickt wurde. Die Stimme spekuliert über die Dauer der Ächtung. Hoffnung und Gleichgültigkeit halten sich die Waage. Ein Unternehmer wundert sich über den kaltblütigen Fleiß des Außenseiters.

Das lyrische Ich ist so sehr Erzähler, das es sich in meiner Wahrnehmung verwandelt, so dass ich den Autor im Kaminzimmer des Gasthaus-Hotels Lüthemühle beobachte. Er nähert sich einer Enttäuschung mit den größten Erwartungen. Die Verlockungen einer Bücherwand ziehen ihn magisch an. Doch betrachtet er eine Tapete aus entweihten Buchrücken. Selbstverständlich verkneift sich Dobler das sakrale Wort Entweihung. Bei ihm heißt es schreineresk abgesägt.

„Zwei Zentimeter hinter dem Buchrücken/ wurden die Bücher abgesägt.“

Ein paar Gedichte weiter findet ein Gasthausgespräch statt in Berlin, wo ein Barmann Bescheid weiß über Tish Hinojosa.

Talent, class, and beauty … Tish Hinohosa (acoustic guitar and lead vocals), Craig Barker (bass), Dave McGill (piano), Leroy Featherston (drums), Brian Cairns (acoustic lead guitar)

Eingebetteter Medieninhalt

Das berlinfern sozialisierte Ich schwärmt von der„Prinzessin des Texmex“.

Weiter geht es mit Zydeco.

Eingebetteter Medieninhalt

Aus der Ankündigung

Der Schriftsteller, DJ und Musik-Kenner Franz Dobler hat an keinem Literaturinstitut studiert und schreibt trotzdem oder gerade deshalb sehr gute Gedichte. Dieses Buch enthält 35 neue Gedichte und alles aus Doblers ersten zwei Gedichtbänden »Ich fühlte mich stark wie die Braut im Rosa-Luxemburg-T-Shirt« (2009) und »Jesse James und andere Westerngedichte« (1991).
Doblers Gedichte winden keine Metaphern-Kränze, sondern sind geprägt von Widerspruch und Witz, von Gefühl und Härte, vom Schmerz über den Lauf der Welt. Einer der letzten Wildläufer im deutschen Literaturbetrieb bringt die Dinge auf den Punkt, zeigt poetisch und politisch Kante, schont nichts und niemanden, und am allerwenigsten sich selbst. Man hat das Gefühl, da ist jemand, »mit dem man gern mal einen trinken würde, obwohl man weiß, es wird nicht bei einem Drink bleiben« (Heiko Werning). Das ist selten in der deutschsprachigen Lyrik.
Juliane Lieberts Schwarz-Weiß-Fotografien spielen dazu die passende Begleitmusik, es sind schnelle Shots aus der urbanen Prärie – aus architektonischen, gesellschaftlichen und mentalen Randzonen. In einem dieses Buch abschließenden Gespräch mit Herausgeber Manfred Rothenberger denkt Franz Dobler nach über das Rauchen, den Räuber Mathias Kneißl, Lyrik für die Gartenabteilung eines Baumarkts, ausgewählte Arschlöcher und den Tod.
12:39 21.11.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare