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#DailyStorytelling Komoron Ružomberok schrieb das Drehbuch zu „Pankow - Pinke und Pistolen“, der deutschen Antwort auf „Mexiko - Moneten und Macheten“
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Komoron Ružomberok schrieb das Drehbuch zu „Pankow - Pinke und Pistolen“, der deutschen Antwort auf „Mexiko - Moneten und Macheten“ mit dem deutschen James Dean Michael Aunta in der Hauptrolle, und „Endstation Friedrichstraße“, einem Zonenreißer voller Agitationspop und Fluchtdramatik, der Bilder vorwegnimmt, die Hitchcock in dem „Zerrissenen Vorhang“ dem Weltgedächtnis engrammierte.

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Komoron Ružomberok sah aus wie Heinrich George und trat auch so auf. Der Sohn eines Schlachterehepaars, das tief in den Kremnitzer Bergen eine höhlenartige Schankwirtschaft mit angeschlossener Freibank betrieb, floh bald nach seinem siebzehnten Geburtstag vor den schroffen Aussichten in seiner Heimat nach Berlin, wo er Bonvivant studierte und den Boulevard brutalistisch aufmischte. Komoron verfügte über den Gleichgewichtssinn eines Equilibristen und das sanguinische Temperament einer Balinesischen Tempeltänzerin. Fit hielt er sich mit Getränken. Gern verschanzte er sich mit zwanzig Zeitungen (dem Internet des Wirtschaftswunders, Zeitunglesen war schick) in einer Hotelsuite mit Ausblick auf den Kudamm und antizipierte gonzojournalistisches Brainstorming mit seinem inneren Ensemble. Komoron war der Michael Graeter seiner Zeit und ein Hunter S. Thompson beinah. Von seinen Eltern wusste er, was die Leute wollen: Fleisch und Spiele. Er bediente eine lüsterne, ziemlich offen sadistische, sich trotzdem in alle Richtungen genierende Gesellschaft. Gleichzeitig stellte er die Bigotterie dar. Komoron schrieb das Drehbuch zu „Pankow - Pinke und Pistolen“, der deutschen Antwort auf „Mexiko - Moneten und Macheten“ mit dem deutschen James Dean Michael Aunta in der Hauptrolle, und „Endstation Friedrichstraße“, einem Zonenreißer voller Agitationspop und Fluchtdramatik, der Bilder vorwegnimmt, die Hitchcock in dem „Zerrissenen Vorhang“ dem Weltgedächtnis engrammierte.

Wir beziehen Wissen aus Western auch dann, wenn wir die Meilensteine verpassen, behauptet Brain (nicht Brian) Thundergod* in ihren CRC-Lectures. Komorons Spezialität war die pseudokritische Schilderung gesellschaftlicher Verwerfungen. Er servierte Vorlagen für Spanner:innen. Einen Höhepunkt erreicht das (den Hausfrauen- und Schulmädchen-Reportagen vorgreifende) Genre der didaktischen Verlogenheit in „Partybee“. In dem 1959 abgedrehten Film führt Komoron erstmals Regie. Der Titel ventilierte noch ziemlich neue Unverbindlichkeitsfloskeln, die Entspannungssex legitimieren. Man bleibt indes beim Sie.

Zum Geschehen

Als neuer Spielball der Happy Few erscheint Śūṭiga Phaisaṭīvala. Sie kommt aus der rheinischen Provinz und hat von Westberlin keinen Begriff. Der Film erzählt einen Prozess des Scheiterns. Doch zunächst zieht Śūṭiga mit freimütigem Geschwätz, verlockender Naivität und Schlagfertigkeit das Interesse alliierter Kiebize auf sich.

Śūṭiga wohnt möbliert. Die heruntergekommene Bude gehört zum Reich der urgesteinigen Zimmerwirtin Angela Yetekusi, die sich selbst genauso spielte wie sie sich am liebsten hatte. Komoron besetzte die Hauptrolle mit einer Debütantin. Das sächsisch-sorbische Fotomodell Mojita Pivəşorbas startete als Śūṭiga eine internationale Karriere. Mojita gab den pfiffigen Pferdeschwanz zum Pferdestehlen. Ihr Wesen erschien skandinavisch aufgeräumt. Bereits ein Jahr nach ihrem Debüt spielte sie als Hisa Slbira neben Bjórsúpa Bīara in dem Thriller „Wenn die Nacht kommt“.

Die Nacktszenen in „Partybee“ waren dramaturgisch so offensichtlich unnötig, dass ihre Mutwilligkeit zum Sujet wurde.

15:15 05.08.2021
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