Wie freiwillig ist freiwillig?

#AfricanBookFestival Die Sexarbeiterin Netsy hat kein arrangiertes Verhältnis zu ihrer Beschäftigung.
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Call me Netsy - Die Schauspielerin Linda Gabriel trank dienstlich. Sie hatte als Solistin ein Full House im Babylon. „You think you know me“ wurde am letzten Abend des Berliner African Book Festivals aufgeführt.

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Ihren bürgerlichen Namen streift sie ab, bevor der erste Kunde kommt. Der Konsument sexueller Dienstleistungen trifft eine Frau, die sich Netsy nennt, zwischen Ständern voller Unterwäsche. Das beschreibt den Auftakt und Aufbau einer Inszenierung von Zaza Muchemwa – und eines Höhepunkts des ersten Berliner African Book Festivals.

Linda Gabriel schrieb sich die Rolle der Netsy selbst auf den Leib. Sie spielt nach ihrem eigenen Text. Für die in Malawi geborene und in Johannesburg lebende, auf Englisch, Chewa und Shona performende Spoken Word-Künstlerin „ist Lyrik wie die Luft zum Atmen“. Ihre Kunst steht in der Tradition mündlicher Überlieferungen. Sie geht zurück auf rituelle Verabreichungsformen des Nahrungsmittels Geschichten. Die Geschichten wurden mit alternativen Darstellungen kombiniert und konserviert und so vor dem Rost der Zeit bewahrt.

„You think you know me“ ist eine Anklage. „Stell dir vor, du würdest deine Tochter an meiner Stelle treffen“, heißt es einmal. Netsy hat kein arrangiertes Verhältnis zu ihrer Beschäftigung. Sie schämt sich vor ihren Kindern und badet ihren Kummer in Wein. Sie wundert sich über die Stärke der Riegel, die sie in einer Unterwelt der Gesellschaft einschließen. Ihr fehlt die Luft zum Atmen, die ihre Freier haben. Geistliche, Spitzensportler, Unternehmer und Politiker treten als Stammkunden auf. Mit Geschenken stehlen sie sich aus der Verantwortung. Netsy erscheint ebenso stolz wie hilflos, wenn sie das Smartphone präsentiert, das ihr ein Honoratior überließ. Was trennt sie von seiner Freiheit? Das ist eine Frage, der Gabriel in ihrem Stück nachgeht. Sie zeichnet die Demarkationslinien einer klandestinen Apartheid. In ihrer Laufhauskammer wirken bürgerliche Schutzmechanismen selten zu ihren Gunsten. Das Gesetz der Straße garantiert das nackte Überleben, solange Netsy den Profit aufstockt. Was ihr bleibt, ist die Verbergung des Selbst in einem Bunker der Phantasie.

„You think you know me“, aber da hast du dich geschnitten. Ihr kennt mich alle nicht. Mit diesem moribunden Fazit endet die Abrechnung auf der Bühne. Damit beginnt das Nachdenken beim Zuschauer. Wie freiwillig ist freiwillig? Reicht es, Freiwilligkeit anzunehmen, sobald kein körperlicher Zwang erkennbar ist?

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08:33 30.04.2018
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