Wie verhaftet man einen Präsidenten?

Gespräch Carla del Ponte und Joschka Fischer unterhielten sich an der Berliner Volksbühne über das syrische Desaster
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Wie verhaftet man einen Präsidenten?
Carla del Ponte

Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Von links: Stephan Klapproth, Carla del Ponte, Joschka Fischer

Stephan Klapproth entspricht dem Schweizer Taschenmesser in seiner Multifunktionalität ebenso wie in seiner Herkunft. Man kann ihn mit keinem deutschen Fernsehmann vergleichen. Es gibt keinen deutschen Klapproth. Eine Gala der Intelligenz mit Carla del Ponte und Joschka Fischer in der Berliner Volksbühne eröffnete er mit dem Witz:

„Was grenzt an Dummheit? – Kanada und Mexiko.“

Die Volksbühne dröhnte wie ein Bus auf Butterfahrt. Klapproth brachte ein Beispiel für staatsmännische Schlagfertigkeit. Der britische Premier Winston Churchill wurde von Lady Astor angegangen; „Wäre ich Ihre Frau, gäbe ich Ihnen Gift.“ Churchill konterte: „Wäre ich Ihr Mann, würde ich es nehmen.“

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Der Sprecher brannte sein Feuerwerk zu Ehren von del Ponte ab. Als Kind fing die gebürtige Tessinerin Giftschlangen und vertickte sie auf italienischen Märkten. Später legte sie sich mit den mächtigsten Schurken der Welt an. Sie jagte Staatsverbrecher und feierte ihre Verhaftungen und Verurteilungen mit Champagner in Genf, Brüssel und Den Haag. Geldwäschern grub sie das Wasser ab. Waffenschmugglern verbaute sie die transkontinentalen Trampelpfade. Sie brachte Staatschefs mit dem Vorwurf in Verlegenheit, die Festsetzung krimineller Kollegen zu hintertreiben. Sie war die Intima von Giovanni Falcone, der bis zu seiner Ermordung 1992 die Mafia effektiver als jeder andere bedrängte. Einmal wurde sie von der Cosa Nostra mit fünfzig Kilo Dynamit begrüßt. Der Sprengstoff war allerdings falsch platziert. Del Ponte half der Nemesis von Palermo, indem sie die Schweizer Konten der Bosse konfiszierte. Die Paten nannten sie la puta – die Hure.

„Das war mir eine Ehre.“

Zwanzig Jahre existierte sie unter dem Schirm des Personenschutzes. Heute lehrt del Ponte ihre Enkelinnen das Überleben unter verschärften Bedingungen.

„Ich hatte Glück und auch daran gewöhnt man sich“, bekannte die Schweizer Staatsanwältin im Ruhestand. Del Ponte erscheint wie eine Romanfigur. Von 1999 bis 2007 war sie Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes für die Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien und für den Völkermord in Ruanda. Danach schob sie drei Jahre eine ruhige Kugel als Botschafterin in Argentinien. Sie verbesserte ihr Golf Handicap und ihre Pensionsansprüche. Kaum hatte sie ausgedient, rief jemand vom Außenministerium an und fragte, ob die ewige Anklägerin Menschenrechtsverletzungen in Syrien untersuchen wolle.

„Ich wollte.“

Von 2011 bis 2017 erlebte sie eine Zeit der Frustration als Mitglied einer Kommission des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte. Sie sah sich in der Rolle einer „Alibi-Ermittlerin ohne politische Unterstützung“. Sie demissionierte und verfasste eine Brandrede - „Im Namen der Opfer - Das Versagen der UN und der internationalen Politik in Syrien“.

„Sie zerstören alles, was irgendwie menschlich ist. Es ist unfassbar. Es gibt keine Schulen mehr, nur noch wenige Spitäler, kaum etwas zu essen und keine Institutionen mehr. Alle in Syrien sind böse. Die Regierung Assad, die schrecklichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt und Chemiewaffen einsetzt. Doch keiner hilft. Die internationale Politik schaut weg und die UNO resigniert.“

Der Titel lieferte dem Abend die Überschrift und Joschka Fischer Gelegenheiten zu Welterklärungen. Er stellte wieder fest, dass es „ohne Waffen nicht geht“. Er hielt es für möglich, dass wir Europäer in Chinas Schatten vor die Hunde gehen. Er plädierte für ein gemeinsam unabhängiges Europa und eine Trump angemessene Distanzierung vom transatlantischen Komment. Beiläufig kam er auf seine Zeit als Steinewerfer zu sprechen, angeregt von Klapproths Hommage an den Pariser Pflasterstrand im Jahr Neunundsechzig.

„Beim Steinewerfen denkt man nicht.“

Fischer warb für Merkel. Er sagte etwas Rührendes über Merkels Mecklenburger Reduktionen. Das Anekdotische dominierte. Del Ponte glänzte mit herbem Humor. Gerhard Schröder habe ihr die Wohnung im Kanzleramt gezeigt, in der er nie übernachtete, und sie in den Genuss einer sensationellen Aussicht auf Berlin gebracht. Madeleine Albright traf sie in einer Absteige der englischen Königin nahe Heathrow. Albright besaß die Schusseligkeit, del Ponte Einblicke in das Dossier zu gewähren, mit dem sich die amerikanische Außenministerin auf die Begegnung mit der Chefanklägerin vorbereitet hatte. Da stand, wie man mit der Juristin am besten ins Geschäft kommt. Bei einem Besuch von Außenminister Fischer in Bern, geriet der Sicherheitsdienst ins Schwitzen. Fischer war fit und verlangte den mitlaufenden Beamten beim Marathontraining vor dem Frühstück alles ab. Auch ein Handkuss von Chirac fand del Ponte bemerkenswert.

In ihrem Buch beschreibt del Ponte, wie die Chancen des Friedens ins Syrien hintertrieben werden. Fischer verglich die Verhältnisse in Syrien mit Deutschland im Dreißigjährigen Krieg.

„Die Vetomächte im Sicherheitsrat stellen ihre Interessen über die Not der syrischen Bevölkerung.“

Del Ponte und Fischer sagten beide, dass die Unabhängigkeit der internationalen Justiz am Tropf der Bereitschaft Mächtiger hinge, Unabhängigkeit zuzulassen. Von Fall zu Fall geklärt würde das nach Opportunitätsgesichtspunkten. Die Hälfte der Staaten, die im UN-Menschenrechtsrat vertreten sind, begehen oder begingen Menschenrechtsverletzungen.

Del Ponte bekannte sich zu der Hoffnung, dass eines Tages Assad von einem Gericht zur Verantwortung gezogen wird.

Carla del Ponte, Roland Schäfli, „Im Namen der Opfer: Das Versagen der UNO und der internationalen Politik in Syrien“, Giger Verlag, 22.90,-

08:53 12.06.2018
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