Wiener Feminismus

Feminismus Sie ist eine Mitbegründerin der österreichischen Frauenbewegung, die sie in scherzhaftem Ernst „Wiener Feminismus“ nennt. Gestern las Erica Fischer in der Berliner ...
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In ihrer Jugend galt Feminismus als konterrevolutionär. Erica Fischer ist eine Mitbegründerin der österreichischen Frauenbewegung, die sie in scherzhaftem Ernst „Wiener Feminismus“ nennt. Gestern las die in London als Tochter von Emigranten geborene, in Österreich aufgewachsene, mit „Aimée & Jaguar“ berühmt gewordene Autorin und Aktivistin in der Berliner Raumerweiterungshalle Reh-Transformer aus „Feminismus Revisited“ und bekannte im Gespräch mit dem Kritiker Jörg Plath ein glückliches Erstaunen über unerwartete Diversifikationen ihres in den 1970er Jahren gestarteten Engagements.

Erica Fischer

Eingebetteter Medieninhalt

„Man kann sich nicht ein Leben lang empören.“

Das stellt Erica Fischer zu Beginn des Gesprächs fest. Die Fünfundsiebzigjährige erklärt sich ihre zunehmende Männerfreundlichkeit aus dem Umstand, mit Männern immer weniger zu tun zu haben. Sie begrüßt neue Erscheinungsformen des Feminismus, insbesondere jene Formate, die den Zusammenhang von Rassismus und Sexismus exponieren, ihn zum Beispiel in der Sprache nachweisen und eine antirassistisch-geschlechtergerechte Sprache etablieren.

Erica Fischer, „Feminismus Revisited“, Berlin Verlag 2019, 20,-

Explosion der Begriffe

Jörg Plath erklärt, sich von den einschlägigen sprachlichen Überbauphänomenen unter Druck gesetzt zu fühlen, doch ist zurzeit in der Raumerweiterungshalle kein Mensch, der mitfühlt. Nicht-aktivistische Standpunkte haben an Diskurstankstellen ihre Selbstverständlichkeit verloren. Plath erscheint als Repräsentant einer versinkenden Welt, wenn er ihm unvertraute Wörter aufzählt, mit der die weiße Cis-Welt in den Avantgarde-Arenen längst eingehegt wurde. Er spricht von einer „Explosion der Begriffe“. Sollte er je gezwungen sein, seine geschützten Räume zu verlassen, wird das Begreifen zu spät kommen.

Gemischter Hosenzwang

Es ist schon alles da und zwar ganz anders, als man sich das um 1970 als progressive Person gedacht hat. Fischer erzählt von den aktivistischen Anfängen in einer Gruppe, die unter der Fanal-Abbreviatur „Auf“ für „Aktion unabhängiger Frauen“ firmierte. In dem „gemischten Arbeitskreis Emanzipation“ ließ sich Fischer den Feminismus von Männern als revolutionäres Randgeschehen erklären. Sie unterwarf sich weitgehend dem Unisexzwang Hosen zu tragen. Einmal doch im konterrevolutionären Wickelrock unterwegs, wich Fischer in eine Toreinfahrt aus, um eine Begegnung mit einem Genossen zu vermeiden. Sie schämte sich für ihre weibliche Inkonsequenz und fürchtete den Vorwurf, reformistischen/revisionistischen Aufweichungen marxistischer Positionen Vorschub zu leisten.

Erotisches Kapital

In „Feminismus Revisited“ protokolliert sie Aussagen junger Aktivistinnen der Generation Netzfeminismus. In der Raumerweiterungshalle liest sie aus einem Interview mit der „extrem intellektuell argumentierenden“ Nebenerwerbssexarbeiterin Marleen, die in der feministischen Prostitutions- und Pornografie-Debatte polarisiert. Sie lässt sich von Freiern anspucken und schlagen und findet in der Bezahlung ihrer Dienste eine ausreichende Entschädigung.

Besonders beeindruckt war Fischer von einer Begegnung mit Hengameh Yaghoobifarah, die ihr einen Einblick in die Arsenale des Queer-Feminismus gewährte. Als nicht-binäre „muslimisch-migrantisch und weiblich gelesene“ Persönlichkeit kann Yaghoobifarah jederzeit einen Kasatschok der Devianz und der Diversität aufführen. In einer Expedition zu den Quellen der diversen Psyche beobachtete Fischer überraschende Ausweitungen der feministischen Kampfzonen.

In ihrer Kampfzeit ging es um rechtliche Gleichstellung und um die Markierungen struktureller Diskriminierungen im Patriarchat. Dahin kehrt Fischer im Gespräch zurück. Sie sagt:

„Frauen müssen stets eine Zusatzleistung erbringen und ihr erotisches Kapital ihren Dienstherren zur Verfügung stellen.“

Wird fortgesetzt.

09:27 27.04.2019
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