Rodungsrodeo

Wikinger Zwei Isländer, der eine jung, der andere alt, fahren in die norwegische Heimat ihrer Vorfahren, um Bauholz zu kaufen.
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In Island wurden im Rodungsrodeo der norwegischen Landnahme vor der ersten Jahrtausendwende Wälder vernichtet. Also musste man sich schon im Mittelalter sonst wo mit Bauholz eindecken.

So beginnt eine Klan-Chronik, die sich Jahrhunderte zurückverfolgen lässt.

Zwei Isländer, der eine jung, der andere alt, wenigstens gemessen am Epochenmaßstab, doch jeder für sich in seinem Zenit stehend, fahren in die Heimat ihrer Vorfahren, um Bauholz zu kaufen. Zwei historische Marken ragen wie denkmalgeschützte Torwächter vor den Spielräumen der Nordmänner auf. Erstens erscheint der in einem Satz der Familienchronik abgehandelte Fernverkehr zwischen Island und Norwegen selbstverständlich, wenn auch nicht selbstverständlich im Sinn einer sicheren Angelegenheit. Die Schilderung evoziert die Vorstellung von einer skandinavischen Reisefreiheit im großen Stil. Die Freiheit ist ohne Risikobereitschaft nicht zu haben. Raub, Mord, Entführung und Vergewaltigung liegen auf einer Linie des Alltäglichen in der sagaförmig abgefassten Berserker-Gutschrift. Wer nicht töten kann, soll auch nicht leben. Das ist die Quintessenz in gepresster Epik. Transportiert wird sie auch von weiblichen Akteuren. Ich greife kurz vor. Die Verführerischste von allen in der dritten Generation sagt verächtlich aus:Ich glaubte nie, dass er töten können würde.Der so Herabgesetzte ist ein früh gefallener Sohn, hervorgegangen aus einem besungenen Handgemenge. Die robust Gefreite rühmt sich, ihren Verehrer in drei Waffengängen nicht unterlegen zu sein. Man ist sich einig in der Ebenbürtigkeit. Folglich gibt es veritable Fjord-Fighterin als Fahrgenossin wohl weniger als zweihundert Jahre nachdem der König Northumbriens bemerkt: „Lo, it is nearly 350 years that we and our fathers have inhabited this most lovely land, and never before has such terror appeared in Britain as we have now suffered from a pagan race, nor was it thought that such an inroad from the sea could be made.” Alcuin, Letter to Æthelred, King of Northumbria Quelle: Lindisfarne (uchicago.edu)

Zweitens dreht sich die Spindel um ein Beispiel für Wüsten von Menschenhand. In Island wurden im Rodungsrodeo der norwegischen Landnahme Wälder vernichtet. Schon im Mittelalter musste man sich sonst wo mit Bauholz eindecken. Migration und Umweltzerstörung bilden das Eingangsspalier für eine Epochen anschaulich-nachweislich überdauernde Genspur. Als verifizierte Ahnung taucht Amerika am Horizont der Keimzeit auf. Noch davor geht es um die zweite Etappe einer geglückten Kolonisierung in der Regie von Erik dem Roten, der einer Bluttat wegen zum Pionier wurde.

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Zwischen Erik und Amerika liegt der Holzkauf. Die Helden, verwandt in einem unbenannten Verhältnis, gehen in Romerike an Land. Jón Einarsson und Ólafur Jónsdóttir heißen sie. Der kaum Erwachsene Ólafur verguckt sich in die Großbauerntochter Sigríður. Sie tanzt ihm auf der Nase herum, er wird nicht schlau aus ihr. Er ist noch zu jung, um zu begreifen, dass er auf dem Prüfstand steht. Ólafur wird gewogen, er wiegt schwer genug; hat er doch das Zeug zum Häuptling.

Die Ereignisse vollziehen sich im ersten Jahrhundert des ersten christlichen Jahrtausends. Alles geschieht sehr gedrängt und unmittelbar. Ein abgewiesener Verehrer kann zum Wolf werden, der ein Anwesen so lange umschleicht, bis er eine Lücke entdeckt oder final zurückgeschlagen wird.

Man führt Stellvertreterkriege auf Pferden, die sich aufführen wie Menschen. Angst und Stolz liegen mit wechselndem Gewicht auf der Waage der Empfindungen. Die Stadien des Lebens werden wie bei einer Prozession abgeschritten.

Ein großer Bauer ist zumindest ein kleiner Fürst. Daraus folgt, dass Sigríður als kapitale Braut den Heiratsmarkt aufmischt. Sie vertraut sich Ólafur an, der folglich bleibt, wo er gerade ist.

Auf dem südnorwegischen Landstrich Romerike wird ununterbrochen Holz geschlagen. Mit verheerenden Folgen. Die Zerstörung der Vegetation nimmt allmählich isländische Dimensionen an. Das wirkte sich natürlich aufs Klima aus.

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Amerika 1962 – Im Weißen Haus setzen die Kennedys Maßstäbe für Glamour. Der Fortschritt beweist sich im Wettlauf zum Mond. Der Präsident verlangt von seinen Bürgern: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann. Fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“

Ari Hunter Porgils, ursprünglich wohl Porgilson, ein Namensvetter verfasste das „Liber Islandorum - Isländerbuch“, macht aus der Ansage einen Witz. Der New Yorker Spruchmeister nimmt das Leben geschmeidig von der leichten Seite. In einem von der Cosa Nostra kontrollierten Gebiet kassiert er die Prisen einer weder ethnisch noch nachbarschaftlich begründeten Zugehörigkeit, ohne sich aus der eigenen Hand zu geben.

Als Bouncer mit besonderen Gaben, der richtigen Herkunft und einer respektablen Vergangenheit als Müllfahrer gehört Hunter zur Crème des Bodensatzes. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in einem italienischen Milieu, das sich von anderen Ethnien scharf abgrenzt. Die Klammer der Klassenzugehörigkeit greift nicht. In diesen Verschlingungen presst schwarz und weiß nichts zusammen. Rassismus ist selbstverständlich. Das hält Hunter nicht davon ab, Chubby Checker zu hören. Er ist ja auch kein Italiener, wie jeder weiß. Zum Spaß führt er sich auf Leif Eriksson zurück. Er kennt das Wikingerklischee nur als Speiseeis.

Bitte ein Leif.

Das skandinavische Erbe liefert Hunters Existenz eine exotische Note. Doch wüsste er nicht zu sagen, ob seine Vorfahren Dänen, Schweden, Norweger und Isländer waren.

Hunter spielt das Original als treusorgenden und treuherzigen Rabauken. Sind Würfel und Karten im Spiel, ist Hunter obenauf. Er gewinnt alle möglichen Wetten. Am Ende seiner Nachtschichten in der Locarno Lounge erwartet ihn die Liebe seiner Frau. Stetsthree month from homelesstut Hunter, was in seiner Macht steht, um die Familie durchzubringen. Mehr wird von ihm nicht verlangt.

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Hunter gefällt die schlichte Gnadenlosigkeit marschierender Rhythmen und Reime. Er ist aus klingendem Schlichtholz geschnitten.

Gleich mehr.

14:31 08.02.2021
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