Winterfest ins Frühjahr

#Leben Formulierungen werden zu Eigenschaften, sie ergeben einen unantastbaren Körper.
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Routinen werden gegen Katastrophen verteidigt. Berlinerinnen aller Stände schleppen im April fünfundvierzig ihre Möbel in die Keller, in einem Wettbewerb, wer wohl am wohnlichsten in Ruinen sein Behagen finden wird. Es kursiert die Erwartung, dass das jahrelang so gehen könne. Wenigstens gemütlich will man das Elend. Man geht auch noch zum Friseur, die Dame des Salons heißt Burgunda Winkler. Mit aufgewickelten Haaren wartet die Kundschaft auf Strom.

Es gibt Kartoffelkuchen unter der Woche, weil man nicht weiß, ob am nächsten Sonntag noch die Sonne aufgeht. Formulierungen werden zu Eigenschaften, sie ergeben einen unantastbaren Körper. Im Rachen der Ohnmacht tanzt Pauline Zehlendorf auf den Zähnen. Sie sieht dem Kriegsende als Hilfsarbeiterin mit einem vermisst gemeldeten Johann als fernen Freund entgegen.

Sie spielt Tischtennis mit einer Freundin, da sind die Russen schon in Strausberg. Geschütze in U-Bahnschächten. SS in der Soorstraße. In ihrer Lage gewinnt Pauline ungeahnte Freiheit. Sie schwingt sich auf und streift den Ruß des Fatalismus ihrer Umgebung ab. Sie spaziert in ein feindliches Feldlager im freundlichen Sonnenschein. Highnoon in Deutschland. Die Sieger:innen verlieren Pauline aus den Augen, sie müssen noch mal kurz zum Schießen die Stellung wechseln.

Wochen später flaniert Pauline auf dem Kurfürstendamm. Sie versucht den Kurs ihres zivilen Lebens aus der Kriegszeit mit den neuen Verhältnissen zu synchronisieren. Engländer sind als Briten im Offiziersrang passable Sieger im Sektor. Pauline unterrichtet sie in der Verlierersprache. Sie geht mit einem Captain aus. Ab und zu bringt sich noch eine um. Im Übrigen herrscht Trubel auf allen Schwarzmärkten.

Gleich mehr.

17:51 26.02.2021
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