Wohlwollender Schwitzkasten

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In Constantin Schreibers Zukunftsvision „sortiert sich die Welt neu“. Europa ist nicht mehr „vorne mit dabei“. Deutschland droht ein „Systemkollaps“. Peking spekuliert auf den Mars. Die in Klimafragen vorbildliche Supermacht stützt den Euro mit umfassenden Übernahmeabsichten. China hält die Bundesrepublik in einem wohlwollenden Schwitzkasten. Man spielt auf dem Klavier von Zuckerbrot und Peitsche.

Constantin Schreiber, „Die Kandidatin“, Roman, Hoffmann und Campe, 22,-

Nie mehr Druck als nötig, lautet eine Devise. Eine andere zielt darauf, sich auf Schleichwegen Schlüsselsysteme zu sichern. In Peking wird Kanzlerkandidatin Sabah Hussein als Administrative im Kanzlerinnentross Zeugin einer strangulierenden Politik. Das (von einer Vereinnahmung der Allgemeinheit profitierende) ideologische Straßentheater, in dem sie groß wurde, findet in der Sphäre autoritärer Machtentfaltung keinen Spielraum. Hussein weicht vor der Einsicht zurück, im Verhältnis zu den Gastgeber:innen mittellos zu sein. Für die in der Empörungskultur groß gewordene Hoffnungsträgerin eines neuen Deutschlands voller verkappter Rollbacks und einer mittelalterlichen „Teilhabepädagogik“ haben die Amtszwerge des roten Riesen wenig mehr als Unverständnis übrig. Die muslimische Minderheit in China hat die gesellschaftliche Homogenisierung nicht überstanden. Interventionen in Taiwan und Hongkong betrachten die modernen Mandarine als (über jede Kritik erhabene) innenpolitische Manöver.

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Es ist schon irgendwo gesagt worden, die Blaupause von Schreibers „Kandidatin“ liefert Michel Houellebecqs „Unterwerfung“. Das Islam-Interieur in der französischen Dystopie erscheint fast museal. Keine neue Information steckt darin. Das macht die Geschichte, die Houellebecq erzählt, nicht klein. Auch Schreiber beschränkt sich auf Schilderungen einer seltsam monotonen Unterwanderung rechtstaatlicher Normen und westlicher Freiheitsbegriffe.

Hussein bezeichnet sich als „gläubige Muslima“. Gleichzeitig tritt sie als Generalvertreterin der Diversität auf. Sie verbindet Öffnungen mit Schließungen als schlöße sich das nicht aus. Den Widerspruch verschleiert sie. Vorderhand erscheint Hussein progressiv und LGBT-smart. Sobald es jedoch um den Islam geht, wirkt Hussein wie eine diskrete Agentin klerikaler Rückständigkeit.

Aus dem Rauschmitteldepot des Investigativen

Selbst seine Feind: innen loben ihn dafür, dass Jonas Klagenfurt da hin geht, wo es wehtut. Verwegen und vor der Zeit verwittert, widersteht der Akut-Reporter dem ewigen Sirenengesang, der auf jenen Klippen angestimmt wird, an denen Relotius zerschellte. Im chronischen Superstoryfieber plündert Klagenfurt die Rauschmitteldepots des Investigativen.

JK verkörpert den juvenilen Dinosaurier einer anachronistischen Boulevardberichterstattung.

Eines Tages spielt man ihm kompromittierende Fotos der Kanzlerkandidatin Sabah Hussein zu. Die Aufnahmen zeigen die nach der Macht greifende Migrantin als (nach islamischen Maßstäben züchtig gekleidete) Jugendliche in Mleeta.

Der Autor erklärt: „In Mleeta wird schon den Jüngsten eingebläut, wer der Feind ist: die Juden und ihr verhasster Staat.“

Hussein zur Seite steht ein Hisbollah-Repräsentant. Die Frage lautet: Lässt sich aus dem Material ein publizistischer Strick drehen?

Sächsischer Tycoon

„Es ist bekannt, dass (Hussein) im Flüchtlingslager Ar-Raschidiya im Süden des Libanon geboren wurde und die ersten sechs Lebensjahre dort verbracht hat.“ Es folgten Jahre in einer schäbigen Neuköllner Hinterhauswohnung; ein Alltag auf dem Parcours der Einwanderung.

Husseins Aufsteigerinnenbiografie trägt zumindest in medialen Kolportagen märchenhafte Züge. Die Akteurin funktioniert als Galionsfigur neuer sozialer Bewegungen. Ihr Vorbildcharakter erzeugt Bewunderung und Nachahmungseifer nicht nur. Besonders herausgefordert von der Strahlkraft einer Deutschen mit Zukunft fühlt sich ein sächsischer Tycoon. Sven Birn baut Gated Communities für besorgte Bürger:innen. Er plant die Übernahme küstennaher Flächen in Mecklenburg-Vorpommern da, wo die Ursprungsbevölkerung resigniert das Feld geräumt hat. Auf den aufgegebenen Äckern soll eine Siedlung entstehen.

Birn firmiert als Pate des Widerstands gegen Hussein im Verein mit einem zwielichtigen Südafrikaner, der am Kap der Guten Hoffnung einem weißen Abkopplungsprojekt bürgermeisterlich vorstand und nun Birn inspiriert.

Nichtbinärer Haarschnitt - Was zuvor geschah

In Peking kannst du dein Eis direkt vom Asphalt lutschen. Die Stadt steht permanent in einer Desinfektionsschleuse. Die Akteure des Fortschritts „bezahlen viel Geld für einen nichtbinären Haarschnitt und tragen Unisexkleidung, die ihre Körperformen kaschiert“.

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In Constantin Schreibers Zukunftsvision „sortiert sich die Welt neu“. Europa ist nicht mehr „vorne mit dabei“. Deutschland droht ein „Systemkollaps“. Peking spekuliert auf den Mars. „Der Planet wird uns gehören.“ Die in Klimafragen vorbildliche Supermacht stützt den Euro mit umfassenden Übernahmeabsichten. Mit Zweieinhalb Millionen Soldat:innen unterhält China „die größte Armee“ zur ständigen Beunruhigung seiner Nachbar:innen und Gegenspieler:innen. Im Morgengrauen der Handlungsgegenwart reißt es sich Taiwan unter den Nagel.

Aus der Ankündigung

Deutschland in naher Zukunft. Sabah Hussein kandidiert als erste Muslimin um das Amt der Bundeskanzlerin. Kurz vor der Wahl ist das Land tief gespalten. Linke und Rechte stehen sich unversöhnlich gegenüber. Die einen sehen in Hussein das Gesicht für eine offene, multikulturelle Gesellschaft. Für die anderen steht die Kandidatin für den Verlust von Identität und für eine kulturelle Übernahme, durch die das traditionelle Deutschland abgeschafft wird.

Husseins Chancen, die Wahl zu gewinnen, stehen gut. Doch plötzlich machen brisante Emails zu Sabahs Leben jenseits der öffentlichen Darstellung die Runde. Wer steckt dahinter? Ihre linken Unterstützer:innen sehen rechtsextreme Kräfte am Werk. Für die Konservativen ist Hussein als Heuchlerin enttarnt. Kurz vor dem Wahlabend entbrennt ein Kulturkampf, der das ganze Land zu zerreißen droht.

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Als Politikerin muss Hussein auf Chinas Einmarsch in Taiwan reagieren. Man erwartet von der Kandidatin, dass sie dem roten Riesen die Rote Karte zeigt. Doch sind „ihr die Hände gebunden ... Als ... Mitarbeiterin im Bundesinnenministerium ist sie Teil der Regierungsdelegation, die noch an diesem Tag nach Peking fliegen soll“.

Noch zählt Hussein lediglich zur Entourage von Entscheidungsträger:innen. Im Schutz ihrer Deckung erkennt sie:

„China wird seine Ziele rücksichtslos verfolgen.“

Natürlich hätte sie das schon vorher wissen können. Hussein zweifelt an dem Alltagsglück der auf hohem Niveau Normierten. Ein Sprachrohr der Parteilinie zerlegt die Einrede der Besucherin voller Begeisterung für den offiziellen Standpunkt.

Zum Autor

Constantin Schreiber, geboren 1979, moderiert die Tagesschau und ist einer der besten Kenner der arabischen Welt. Für die deutsch-arabische TalkshowMarhaba – Ankommen in Deutschland, in der er Geflüchteten das Leben in unserem Land erklärt, wurde er 2016 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Mit seiner 2019 gegründeten Deutschen Toleranzstiftung setzt er sich für interkulturellen Austausch im In- und Ausland ein. Seine Bücher Inside Islam, Kinder des Koran und das von ihm herausgegebene Buch 1000 Peitschenhiebe über den saudi arabischen Blogger Raif Badawi waren Spiegel-Bestseller. Bei Hoffmann und Campe erschien von ihm zuletztMarhaba, Flüchtling!(2016). Schreiber lebt mit seiner Familie in Hamburg.
17:14 20.06.2021
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