Würde Adorno zu „Fridays for Future“ gehen?

Adorno/Thunberg Der Spiegel fragt: Würde Adorno zu „Fridays for Future“ gehen?
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Der Spiegel fragt: Würde Adorno zu „Fridays for Future“ gehen?

Adorno vermied jeden Auflauf. Er wäre niemals in einer Gemeinschaft Skandierender mitgelaufen. Das hat er selbst festgestellt; man hat es ihm zum Vorwurf gemacht. Adorno verwahrte sich gegen die doppelte Zumutung der Aufforderung zur Beteiligung am Massenhaften sowie der Kritik an seiner Verweigerung mit einer Formulierung aus der Kreisklasse.

Man sagt: Mit vollem Mund spricht man nicht. So sagte Adorno dem Sinn nach: Mit Übergewicht demonstriert man nicht. Er wählte ein französisches Wort für das hervorragende Merkmal. Er hütete sich vor einer Performance der Unschicklichkeit. Ihm kam es darauf an, nicht deplatziert zu erscheinen. In Adorno grollte der heimliche Stolz, keinem Nazi je die Genugtuung gegeben zu haben, schlecht angezogen in eine Ecke gedrängt worden zu sein. Als das Institut für Sozialforschung im 33er-Sommer unter den Druck der Machtergreifung geriet und „das kommunistische Betriebsvermögen“ eingezogen wurde, wirkte sich die Voraussicht der im innersten Kreis zusammengeschweißten großbürgerlich geborenen Wissenschaftler zum Vorteil künftiger Exilanten aus – und als das Institut nach dem Krieg seinen angestammten Platz auf einen Ruf hin neu zu etablieren sich bereitfand, schickte man Juristen vor und bummelte sozialphilosophisch im Tross.

Kurz gesagt, es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass Adorno sich der Notwendigkeit ausgesetzt gesehen hätte, jemandem zuzuhören, dessen Radikalität mit dem witzlosen Zobel juveniler Naivität verbrämt ist. Adorno wäre nicht nur nicht mitgelaufen, er hätte Greta Thunberg auch kein Podium geboten. Volkstribunale Seefestigkeit war für ihn keine Qualifikation.

In dem Spiegel-Artikel geht es um die Chancen einer Renaissance der Frankfurter Schule im GT-Geist. Dazu bedarf es diesmal so wenig wie damals einer Zustimmung der Vordenker.

Krisenloser Riss

Ich hatte am Wochenende Gelegenheit, Autor*innen nach ihren ersten erzählerischen Einfällen zu fragen. Manche überraschten mich, indem sie die frühe Anweisung zur intimen Angelegenheit erklärten. Senthuran Varatharajah erinnerte den Wunsch, sich umzubringen im Alter von vier als ersten lyrischen Gegenstand.

Die Befragten:

#GritKrüger #YevgeniyBreyger #RobertStripling #KaroshTaha #SenthuranVaratharajah #DoronRabinovici #ZoeHagen #NassimaSahraoui #DoğanAkhanlı

Mit der grundfalschen Erwartung uneingeschränkter Zustimmung stellte ich die Frage in den Raum: Man sagt, Essen hält Leib und Seele zusammen. Gilt das auch für das Schreiben aka Erzählen?

Varatharajah fühlt sich vom/beim Schreiben „zerrissen“. Alle exponierten das Beschwerliche der Produktion. Niemand fand/findet, so wie ich, den Zeugungsakt am Schreibtisch gemütlich.

Ich fragte: Wie nah sind Sie als Autor*in an den Herkunftsgeschichten ihrer Eltern?

Alle waren weit weg davon.

Ergibt sich aus Ihrer Differenz zur Mehrheitsgesellschaft noch irgendein Identitätsmerkmal?

Durch die Bank nein.

Stören Sie Herkunftsfragen?

Die größte Unterströmung einer polyphon-diversen Übereinstimmung stiftete die Frage: Stören Sie Herkunftsfragen?

Alle befragten Podiumsgäste fühlten sich an dieser Stelle falsch angesprochen. Die Frage nach der Herkunft sei ein Synonym für Ressentiments, erklärte Varatharajah (auf dem Textland Festival 2019). Zur Debatte stand der Dreisprung Erinnern – Identität – Erzählen.

Das migrantische Wir

Wir leben in Zeiten starker Bekenntnisse und Bündnisfreudigkeit. Sehen Sie sich auch als eine von #DieVielen aka #unteilbar im zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen Rechts?

Alle sahen sich im Widerstand als gesellschaftliche Wesen. Als Schriftsteller*innen individualisierten sie sich aber im Widerstand gegen jede Vereinnahmung. In zwei Fällen ging durch den doppelten Widerstand krisenlos ein Riss. Die Zuschreibungsfreiheit deckte einen Widerspruch auf, den sie provoziert hatte. Zwar sah man sich als politische(r) Schriftsteller*in. Gleichzeitig fühlte man sich von einschlägigen Verpflichtungen entbunden.

Eingedenk Heiner Müllers „Der Kommunardentraum vom Ich zum Wir“ fragte ich: Gibt es eine Identitätslinie vom Ich zum Wir? Schafft Migration ein Wir?

Das glaubte kein(e) Befragte(r).

Woher kommt der linke Antisemitismus?

Doron Rabinovici fragte ich: Woher kommt der linke Antisemitismus?

Der linke Antisemitismus sei älter als der Zionismus, entgegnete Rabinovici. In marxistischen Kategorien sind die Juden- und Frauenfragen revolutionshemmende Nebenwidersprüche. Darauf muss man erst einmal kommen.

16:52 18.09.2019
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