Wütender Stillstand

#DieWeltneudenken Leguna Winchester spricht in ihren Aufzeichnungen von einem „Diktatzwang“, der sie beinah ein Leben lang unter Kuratel gestellt habe
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Leguna Winchesters Verkopplung von Libido und Sprache macht sich unverdächtig in einer Genreliteratur mit guten Beziehungen zum Groschenroman. Bersa und Marlon landen bei einem gemeinsamen Onkel, der sich vor den jungen Verwandten aufspielt. Er stellt sich als wohlhabende Persönlichkeit dar. Am Ende entpuppt sich der Platzhirsch als Pleitegeier. Da hat er aber schon. Die Kinder, so erzählt es Winchester, bringen den Altenweißenmann easy um die Ecke. Nichts plagt sie, schon gar kein schlechtes Gewissen. Sie wichteln im Bett des toten Onkels. Die Leiche atmet derweil beinah noch auf dem Teppich.

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Siebzig Jahre nach ihrem Tod fand man die Geheimaufzeichnungen einer antillischen Freifrau. Nur die Macht des Zufalls konnte das Werk schützen, das nach dem Willen seiner Urheberin niemals auf uns gekommen wäre. Heute stößt sich kein Nachkomme mehr an den so kalten wie genauen Notizen, deren Vernichtung zweifellos mit Rücksicht auf eben solche verwandtschaftlichen Empfindlichkeiten testamentarisch verfügt wurde.

„Nacht für Nacht quält mich ein Ansturm grauenhafter Gesichter.“

Das bekennt Leguna Winchester ohne Scheu am 27. August 1912 in Soulac-sur-Mer.

Bevor ich es vergesse. Mein ausgezeichneter Dank gilt an dieser Stelle Professor Molina Ballister, die Legunas (der postumen Tilgung anheimgestellte und diesem Frevel wundersam entgangene) Nebenproduktion für den schnellen Gebrauch präparierte. Bedenken Sie, dass Legunas Handschrift über die Spanne ihres vierzigsten Lebensjahrs hinaus nicht mehr verkehrsfähig war. Wenigstens ein Dutzend Krankheiten isolierte die Schriftstellerin.

Leguna beschreibt ausdauernd die Aberrationen ihres Gestaltungs- und Darstellungszwangs. Sie schuf eine Reihe unauffälliger Freaks, die es mit Hitchcocks Psycho-Helden Norman Bates aufnehmen können. Sie gehen dem greisen Monster voran, das in einem Wildbader Sanatorium als letzte Verwandlung der Schriftstellerin in einem wütenden Stillstand existierte.

Der vierzehnjährige Marlon und seine zwei Jahre ältere Cousine Bersa sind solche (un)heimlichen Extremist:innen, fähig zu grandiosen Überschreitungen. Zur Vorgeschichte. Ein böses Schicksal haut die von einem Tag auf den nächsten voll verwaiste Arzttochter wie mit der Kelle aus dem bürgerlichen Biarritz. Bersa erlebt eine Art Deportation in die Provinz. Sie landet bei Marlons Familie in einem abseits stehenden „Maison du soleil plongeant“. Der gesellschaftliche Abstieg gipfelt in der Sprachlosigkeit. Marlons vor Ort verfemte Eltern sind in der Ächtung so verstummt, dass sie Bersa für Stumme von Geburt hält, bis sie absurd kaskadische Dialogfetzen aufschnappt.

Die Alten können reden. Sie wollen aber nicht. Sie wirken arm; sind es aber nicht. Sie ignorieren Bersa, schränken sie aber nicht ein.

„Maison du soleil plongeant“ entstand im Frühjahr 1901 an der französischen Atlantikküste. Der Roman konserviert arktische Kälte in einer verdüsterten Natur mit topografischen Lichtblicken. Für die Zwischenräume gilt:

„Die Landschaft hatte sich im Nebel davongemacht. Eine kaum ausgetretene, vielmehr flüchtige Spur führte Bersa und Marlon in schwarze Bestände. Cousine und Cousin fühlten sich wie Schwester und Bruder, so eng machte die Angst das Band.“

Legunas Verkopplung von Libido und Sprache macht sich unverdächtig in einer Genreliteratur mit guten Beziehungen zum Groschenroman. Bersa und Marlon landen bei einem gemeinsamen Onkel, der sich vor den jungen Verwandten aufspielt. Er stellt sich als wohlhabende Persönlichkeit dar. Am Ende entpuppt sich der Platzhirsch als Pleitegeier. Da hat er aber schon. Die Kinder, so erzählt es Winchester, bringen den Altenweißenmann easy um die Ecke. Nichts plagt sie, schon gar kein schlechtes Gewissen. Sie wichteln im Bett des toten Onkels. Die Leiche atmet derweil beinah noch auf dem Teppich.

Bersa und Marlon breiten sich auf dem heruntergewirtschafteten Hof des Ermordeten aus. Ein pensionierter Förster schöpft Verdacht. Er folgt seiner Spürnase in sein Verderben.

13:43 17.09.2021
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