Wunder der Reduktion

Literatur Hyoung-su Park erzählt in „Nana im Morgengrauen“ von der Wiederaufnahme einer vor fünfhundert Jahren unterbrochenen Beziehung.
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Der Schriftsteller Park Hyoung-su im Garten des Berliner Literaturhauses

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Die Tapete passt zu den Vorhängen. Die Motive sind floral. Sie haben einen Fin de Siècle-Stich und waren modern in der letzten Gründerzeit des Industriezeitalters. Diese Gründerzeit verpasste der Erde einen Stahlgürtel, der schon lange als Rost Belt von sich reden macht.

Der Feuerlöscher situiert sich als Fremdkörper auf der Täfelung. Auf dem Podium präsidieren der zum Vortrag bestimmte Schauspieler Matthias Scherwenikas, die Moderatorin Barbara Wahlster, der Autor des Abends Park Hyoung-su und dessen Übersetzerin und (im Berliner Literaturhaus) attestierende Flügelfrau Irene Maier.

Park Hyoung-su erscheint, glaube ich, in der deutschen Schreibweise und Lesart als Hyoung-su Park. Sein Mienenspiel wirkt wie ein Wunder der Reduktion. Das verstört beinah, wenn jemand kaum mimische Mitmachbereitschaft zeigt. Alle lächeln sich einen Wolf der Verbindlichkeit, nur Herr Park hält sich bedeckt.

Wozu lächeln?

Hyoung-su Park unterrichtet kreatives Schreiben. Obwohl er bald fünfzig sein wird, feiert man ihn als kommenden Star am Firmament der koreanischen Literatur. Wahlster befragt Park zu dem Kuriosum ewiger Jugend in den Verliesen der koreanischen Kultur. Todernst erklärt Park: Zum Zeitpunkt der Druckfrische des Zitats sei er zehn Jahre jünger gewesen. Da habe es noch besser gepasst. Die Suggestion ist, dass es immer noch ganz gut passe.

Wahlster beschreibt Parks auf Deutsch im Septime Verlag erschienenen Roman „Nana im Morgengrauen“ als „Milieustudie mit dem Ziel einen verfemten Beruf aufzuwerten“. Sie erkennt eine Nähe in der Manier zu frühen Beat Romanen. Sie bezeichnet den Roman auch insofern als Ausnahme, da er im Ausland spielt. Koreanische Literatur sei überwiegend eine auf Korea konzentrierte Angelegenheit.

Park Hyoung-su, Nana im Morgengrauen, Roman, aus dem Koreanischen von Sun Young Yun und Philipp Haas, Septime Verlag, 504 Seiten, 26,- ISBN: 978-3-902711-78-6

Park erklärte die Selbstbeschränkung mit der Geschichte seines Landes als japanische Kolonie, dem innerkoreanischen Zerwürfnis und der langen Not, die es Koreaner*innen nicht erlaubt habe, über den Tellerrand zu schauen.

„Das Leben war Überleben.“

„Nun wächst das Bewusstsein für die Außenwelt.“

Nana im Morgengrauen – Zum Roman

Nach dem Studium startet Leo 1994 eine Weltreise, ausgehend von Seoul will er nach Indien und Afrika, kommt aber nicht über die erste Station hinaus.

Nicht erreichte Ziele sind folglich ein Thema für Leo.

„Er tritt auf der Stelle im Kreis.“

In einem Rotlichtviertel von Bangkok, das so heißt wie ein naturalistischer Roman von Émile Zola, sucht er eine Bekannte, die er sechs Jahre zuvor das letzte Mal gesehen hat. Leo malt sie sich aus. Er vergewissert sich in ihrer Abwesenheit einer mäßigen Erscheinung kurz vor unattraktiv.

Leo taucht in eine verregnete Unterwelt ein.

„Nana ist voller mittelpreisiger Hotels, die ihre Zimmer für drei Stunden vermieten.“

Die Sexarbeiter*innen-Hierarchie gestaltet sich „in einem harmonischen Miteinander“. Es gibt mehr Sexarbeiter*innen als Straßenhändler*innen. „Teufelchen“ produzieren sich auf den Bruchgraten zerbrochener Gehwegplatten.

„Weil das Leben kein Film ist, geschehen die Dinge an unerwarteten Orten.“

Leo erlebt „südostasiatische Weihnachten bei knappem Budget“. Er gönnt sich eine Schale Reisnudeln. In die Laufbahn seiner Aufmerksamkeit gerät die Sexarbeiterin Ploy. Zu ihr nimmt er „eine vor fünfhundert Jahren unterbrochene Beziehung wieder auf“.

Der Zufall spielt eine Hauptrolle in Parks Erzähluniversums. In der Deutung des Zufalls als Zentralgestirn klingt Paul Austers „Musik des Zufalls“ an. Was ich höre, klingt gut … klingt großartig.

10:46 04.07.2019
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