Die Zukunft fossiler Brennstoffe

Julien Green Zärtlicher Tribut - „Dieses Buch hier, das ich jetzt an meinen Verleger abschicke, soll ein zärtlicher Tribut an das Frankreich sein, das ich ...“
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Holzflora

„Natürlich dachte ich immer an Frankreich.“

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„Und Calibans wahres Opfer, wenn es ihm gelingt, Prospero zu überwältigen, ist Caliban selbst, das wird man sehen, sollte der Fluch deutscher Herrschaft nicht von Europa genommen werden.“

Eingebetteter Medieninhalt

Er wächst in Möbeln der Antebellum-Ära auf. Der Eleve verkrümelt seine Madeleines auf „um 1850 bei Herter in New York“ geschreinerten Stühlen. Ursprünglich erfüllten sie die Komfort- und Prestigeerwartungen des Sklavenhalteradels im alten Süden (Old South). Im Vorgriff auf die lange Phase eines eher trostlosen Danach schwärmt Graham Greens kindliches Ich von einer in Lehnen geschnitzten Flora. Das wäre weniger bemerkenswert, stünden die Sachen sonst wo in Amerika.

Sie stehen aber zuerst in der Pariser Rue de Passy „nur ein paar Schritte vom Bois de Boulogne“ entfernt. Da bieten „die verschnörkelten Lehnsessel, die langen Sofas mit ihren sinnlichen Kurven aus der Zeit vor dem Sezessionskrieg (den) französischen Augen einen grauenerregenden Anblick“; während die Expatriierten in den historisch gravierten Importen „Meisterwerke des guten Geschmacks“ erkennen. Sie verehren ihre Rosenholzstühle, „der Name dieses Holzes entzückt uns ebenso wie die geschnitzten Blumensträuße“.

„Meine … Mutter kam aus Savannah, Georgia, und mein Vater aus Prince William County, Virginia“. Ist die Mutter auf Krawall gebürstet, schlägt sie mit dem Wissen aus „in Kalbsleder gebundenen Bänden der … Archive der Konföderierten Staaten“ auf ihren Mann ein.

Der Vater des Erzählers macht in Öl. Er verkörpert die Zukunft fossiler Brennstoffe.

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Gemünzt auf die deutsche Besetzung Frankreichs, sagt Julien Green, der Sieg eines Teils von Europa über den anderen mache Europa zur Hauptverliererin. Das ist feinsinniger Chauvinismus und geostrategischer Siegmund Freud. Der Amerikaner in Paris begreift Europa als Schatztruhe der Welt, die nicht beschädigt werden darf. Er strahlt förmlich vor eurozentrischer Selbstgewissheit. Dass der Glanz Frankreichs mit dem Elend seiner Kolonien erkauft ist, spielt in Greens Gleichung keine Rolle.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich wende mich diesem Denkmal einer verblassten Moderne zu, um der Gegenwart zu entkommen. Ich liebe es, auf Greens Auen auszuruhen.

Julien Green, „Erinnerungen an glückliche Tage“, Roman, auf Deutsch von Elisabeth Edl, Carl Hanser Verlag, 22,-

In den Soldaten der Wehrmacht erkennt der wahlfranzösische Patriot „fein herausgeputzte und gut bewaffnete Kerle“. Green verdammt den Aufmarsch, ohne über Bügelfalten hinwegsehen zu können.

Als Kind hielt er Frankreich für eine Person von außerordentlichem Glanz. Green ist so geistreich zu bemerken, dass man ein Land nicht mit jenen Persönlichkeiten verwechseln sollte, die an der Spitze stehen.

Gleich mehr.

Aus der Ankündigung

Die Kindheit eines kleinen amerikanischen Jungen in Paris, am Beginn des 20. Jahrhunderts. Julien Green lässt in seinen Erinnerungen die "Belle Époque" auferstehen: das Klappern der Pferdehufe auf dem Pflaster, den Alltag ohne Radio und Telefon, die Schrecken eines strengen, unmenschlichen Schulsystems und die Geborgenheit in der bürgerlichen Familie. Erst als Frankreich in den Ersten Weltkrieg zieht, bricht auch für ihn ein neues Zeitalter an. Ein wunderbares Buch über eine versunkene Welt: Zeitdokument, Entwicklungsroman, Hymnus auf das Glück der Kindheit und ein großes Lesevergnügen.

Zum Autor

Julien Green wurde 1900 als Sohn einer amerikanischen Familie in Paris geboren, wo er 1998 starb. Bei Hanser erschien das erzählerische Werk, zuletzt in der Neuübersetzung von Elisabeth Edl: Adrienne Mesurat (Roman, 2000), Fremdling auf Erden (Erzählungen, 2006), die Erinnerungen an seine KindheitErinnerungen an glückliche Tage(2008) und sein letzter Roman Der Unbekannte(2011).

13:10 17.02.2021
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