Zeuge vergangenen Glanzes

Literatur 1926 erhielt Grazia Deledda den Literaturnobelpreis ...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sehen Sie ferner https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3351

Herrinnen des Geschehens

1926 erhielt Grazia Deledda den Literaturnobelpreis, u.a. fürSchilf im Wind. Der Roman feiert das sardische Landleben mit einer Litanei.

„Da war der gleichförmige Ruf eines Kuckucks, das Zirpen der ersten vorwitzigen Grillen, das Klagen eines Vogels; da war das Seufzen des Schilfes ...“

Grazia Deledda,Schilf im Wind, Roman, aus dem Italienischen vonBruno Goetz, mit Nachwort von Federico Hindermann, Manesse, 19.90,-

Die Schwestern Ruth, Noëmi und Esther Pintor sind Herrinnen des Geschehens auf einem vormals kapitalen Hof. Stört etwas ihr tristes Dasein, dann ist es ein Unglück. Dem Haus Pintor dient Efix, ohne Lohn zu beanspruchen. Er existiert als Zeuge vergangenen Glanzes. Er spürt einen „geheimnisvollen Atem“, der direkt aus dem „Herzen der Erde selbst zu kommen scheint“.

Efix umspielen die Geister einstiger Barone. Er nimmt die Erscheinungen als ein jagdgenossenschaftliches Ensemble wahr. Die Hatz geht auf Wölfe und Eber. Vermutlich gibt es davon nicht mehr viele in der Gegend.

Ankündigung

Dem Schilf im Wind vergleichbar sind die Menschen, die uns die Nobelpreisträgerin Grazia Deledda in ihrem Sardinien-Roman vor Augen führt: geduldig, vom Schicksal erfaßt, niedergedrückt und von der Liebe schließlich wieder emporgerichtet.

Auf einem halb verfallenen Landgut inmitten der kargen Landschaft Sardiniens, zwischen Granatapfelbäumen und wilden Kaktusfeigen, verbüßt der Knecht Efix eine geheime Schuld im Dienst der Schwestern Pintor. Doch schon bald werden die Frauen in ihrer trostlosen Abgeschiedenheit, gewissermaßen auf einer Insel innerhalb der Insel, von der Vergangenheit eingeholt. Von dieser archaischen, unwirklichen Welt, mit Kobolden, die ihre Schätze verstecken, und Feen, die auf ihren Webstühlen Goldstoffe herstellen, scheint der Mensch nur widerwillig geduldet zu sein. Eine Fülle lyrischer Motive und eine Spannung, die uns schon auf den ersten Seiten in ihren Bann zwingt, verschmelzen hier auf das Wunderbarste miteinander.

Fast zeitlos, dahinströmend im Rhythmus der Naturgezeiten, wirkt das Geschehen in diesem märchenhaften Werk Grazia Deleddas (1871–1936). Mit seiner elegischen Stimmung vermag es auf eindringliche Weise zu bezaubern. Während zahlreiche andere Inseln des Mittelmeeres seit der Antike im Licht der politischen und kulturellen Geschichte standen, lag Sardinien lange Zeit im Schatten der Weltereignisse. Mit ihrem Werk ermöglicht es Grazia Deledda, die poetische Schönheit ihrer Heimat zu entdecken.

Zur Autorin

Grazia Deledda (1871–1936) ist eine der bedeutendsten italienischen Erzählerinnen, 1926 erhielt sie den Literaturnobelpreis. Das alles umspannende Thema ihres Werks ist die Insel Sardinien, auf der sie geboren wurde. Die großartige sardische Landschaft, die Sitten und Gebräuche der Menschen, die Seele eines einfachen, von der Zivilisation wenig berührten Volks, Religiosität, Naturverbundenheit und Fatalismus, starke Leidenschaften, Sinnlichkeit, Schuld und Sühne bestimmen ihre suggestive Erzählkunst.

04:24 27.05.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare