Zombie-Apparatschiks

Prosa Am 14. Mai 1948 traf Joshua „Hellfire“ Agamemnon den letzten britischen Hochkommissar im King David Hotel, wo die britische Administration untergebracht war.
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Stunden vor dem Erlöschen des Großbritannien vom Völkerbund übertragenen Mandats für Palästina am 14. Mai 1948 traf ich Alan Cunningham im King David Hotel, wo die britische Administration untergebracht war. Ich wunderte mich über die Ruhe im Haus. Es herrschte keine Auf- oder besser Abbruchstimmung. Ein paar flotte Bienen schwirrten herum. Ich hatte ein Faible für Schottinnen. Jemand spielte Ohrwürmer von Benny Goodman auf einem Klavier. Ich registrierte ein Gefühlsklima zwischen Erleichterung, Anspannung und diesem routinierten Geklapper entkernter Männer, die alle nicht wussten, wie kaputt sie waren. Man hielt Krieg für eine normale Sache, so war man erzogen worden. Man diente seinem Land. Das gehörte zur Familientradition.

Israel (Palästina) war für diese Leute ein Albtraum, in dem Terroristen mit seltsamen Namen die Hauptrollen spielten. Gekommen waren die Briten mit der Idee, dass man den Zionisten helfen müsse, weil sie die Zivilisation in die Welt trugen, geblieben waren sie mit zusammengebissenen Zähnen, nun würden sie mit einem Groll in ihren Herzen gehen. Ihre Mission war gescheitert.

„Den Letzten beißen die Hunde“, sagte Alan. Er kam aus einer Familie, die in Irland schottisch geblieben war, und hatte schon den ersten Weltkrieg mitgemacht. Alan bot ein Muster für vielseitige Verwendung, aber ich will Sie nicht langweilen mit diesem seriellen und blassen Organisations- und Verwaltungsgeschick einer Generation, die vom 19. Jahrhundert geprägt worden war und in der Gegenwart von Achtundvierzig nur noch Haltung beweisen konnte, nach einem Marathon der Überforderungen. Das waren Zombie-Apparatschiks, lebende Tote, aber kerzengerade.

Alan bebte für die Krone – das Empire – für eine Idee von Größe. Als militärischer Oberbefehlshaber in Nordirland hatte er seine Loyalität bewiesen. Er war nun seit drei Jahren Großbritanniens letzter Mann auf der israelischen Bildfläche.

Wir stießen auf seinen unglücklichen König Georg an, dem das Herrschen viel zu schwer fiel und der gewaltige Gebietsverluste unterschreiben musste.

„Bald seid ihr in England wieder unter euch und könnt nach einer neuen Armada Ausschau halten. Ich schätze, Europa hat sich im Ganzen erledigt. Jetzt kommt Afrika.“

„Afrika hat keine Zukunft und das hier“, Alan machte eine ausladende Bewegung, „ist Afrika.“

Da war er wieder, der weiße Blick auf die Welt. Alan hatte im zweiten Weltkrieg mehr PoC (Joshua „Hellfire“ Agamemnon schrieb noch „Farbige“. Anm. der Redaktion) kommandiert als Weiße. Er hatte in Burma die japanische Invasion erlebt. Er sah so aus, als hätte er Sehnsucht danach, allein im Büro zu sitzen und Bleistifte zu spitzen. Er sah erledigt aus. Gewiss hatte er es am Magen.

„Das hier ist Israel“, sagte ich. „Das haben wir der Welt erklärt.“

Ich war gekommen, um die Übergabe der sogenannten Palästinaverwaltung zu überwachen. Offiziell war kein Jude zum Farewell geladen, auch kein Araber. Ich war trotzdem da, mit Knarre. Ich will nicht lügen und sagen, dass mir Alan zuwider war; ich empfand widerwillig Achtung. Er hatte in Afrika den Lateinschüler Rommel in den Arsch getreten. Er war wirklich überall gewesen.

Wir tranken noch einen, ich fuhr meine Beine aus, wir (in einer anderen Konstellation) waren jetzt die Herren im Haus und wir würden uns nie mehr ducken. Ein Aktenfuchs der UNO kreuzte mit Entourage auf, Alan machte es kurz, dann war die Verwaltung eine Angelegenheit der Vereinten Nationen. Als wir vor die Hoteltür traten, wurde der Union Jack vom Mast gezogen und eingepackt. Ein paar Dudelsackpfeifer spielten auf. Man zog das Rote Kreuz hoch. Das war eine Farce, aber wir waren daran gewöhnt, die anderen Symbolpolitik machen zu lassen, so lange sie es dabei beließen. In der Nähe fielen Schüsse.

Alan stieg in eine Limousine, er wollte von Kalandia nach Haifa fliegen und sich da einschiffen. Ich wusste, gleich würde es fürchterlich krachen. Uns erwartete ein Dreifrontenkrieg.

10:47 10.09.2018
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