Zu viel Joyce

Literatur „Lauter gute Absichten“ - Christopher Isherwoods Debüt liegt erstmals auf Deutsch vor. Es zeigt eine Klasse, die ihr Verschwinden vermutlich überlebt hat.
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Christopher Isherwood sang in den Zwanzigern seine Version von „My Generation“.

People try to put us d-down
(Talkin' 'bout my generation)
Just because we get around
(Talkin' 'bout my generation)
Things they do look awful c-c-cold
(Talkin' 'bout my generation)
I hope I die before I get old
Später entschuldigte er sich für den Salonsound der ersten Platte und dem zu viel an Joyce im Text. Nur bei den besten abzuschreiben, ist aber ein Geniezeichen.

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„Lauter gute Absichten“ erschien erstmals 1928. Der vierundzwanzigjährige Autor ist noch vollkommen eingenommen von den Stilfiguren und zugeschnitten nach den Schnittbögen seiner Klasse. Der Sturm gegen die Abrichtung findet im Wasserglas der normativen Kraft des Faktischen statt. Es geht um „Warmwasserverschwendung“, gebadet wird aus Langeweile, leider ist kein Buch zur Hand - um Stachelbeermarmelade und einen Roman, der noch geschrieben werden muss. Ein andauerndes, vom Müßiggang bestimmtes Gespräch treibt die Handlung an. Ein Flieder der Empfindungen flankiert sie. Ständig sitzt man beim Tee und ist „lammfromm“ oder „leicht entmutigt“. Oder man verfällt in „überspanntes Gelächter“.

Zweifellos wollte Isherwood die Heuchelei seiner Eltern und Lehrer geißeln und die eigene Indolenz nicht verschweigen.

Isherwood riet dazu, „Lauter gute Absichten“ als „verspäteten viktorianischen Roman“ zu lesen, denn er erinnert an eine Zeit, als Eltern noch mächtige Gegner waren“.

Der Erzähler geht biografisch im Autor auf. Er variiert den Künstler als jungen Mann. Philip Lindsay absolviert Stationen des britischen Ennuis maskiert und statuarisch. Kein Raum steht einer Blöße zur Verfügung. Der Zwang zur Verstellung führt zur seelischen Erschöpfung. Darüber verbreitet sich Philip so manierlich wie manisch. 1928 begann sein Schöpfer ein Medizin-Studium am Londoner King’s College, das er im Roman vorwegnimmt. In einer Szene grüßt der schneidige Medizinstudent Buck Mulligan (als Philip Lindsay) aus „Ulysses“. Jede Leiche, die zum Sezieren auf den Tisch kommt, „ähnelt … Dante Alighieri“. Das ist schon sehr ausgesucht und zweifellos abgegriffen aus dem Köcher des obsoleten Expressionismus. Benns Schwelgen im Ekel à la Morgue gehört dazu.

Man erkennt die Zeitgenossenschaft und ihre Bindungen. Isherwood experimentiert mit den Möglichkeiten der Verknappung und der Redundanz. Der Debütant wechselt gelegentlich die Erzählperspektive und schwankt von der dritten zur ersten Person.

Nach einer Meditation über die Londoner Langeweile, die das Sujet auf allen Ebenen erreicht, verspricht eine koloniale Beschäftigung in Kenia Abwechslung. Ein schnarrender Plantagenjunker rechnet fest mit Philips Einsatz. Das afrikanische Abenteuer fällt aber ins Wasser.

Isherwood riet dazu, „Lauter gute Absichten“ als „verspäteten viktorianischen Roman“ zu lesen, denn er erinnert an eine Zeit, als Eltern noch mächtige Gegner waren“.

„Wer Glück hatte, starb im Kampf.“

Die Besiegten verkümmerten und die Verkümmerten garantierten das System in der nächsten Generation.

Isherwood sang in den Zwanziger seine Version von „My Generation“. Später entschuldigte er sich für den Salonsound der ersten Platte und dem zu viel an Joyce im Text. Nur bei den besten abzuschreiben, ist ein Geniezeichen.

Christopher Isherwood, „Lauter gute Absichten“, aus dem Englischen von Gregor Runge, Roman, Hoffmann & Campe, 206 Seiten, 22,-

12:50 23.10.2017
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