Zwischen Käuzin und Kennerin

Post-DDR In ihrem Fleisch und Blut haust die Bedürfnislosigkeit so malerisch, dass nicht wenige, die sich auf ihre eigene Originalität etwas zugutehalten ...
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Die Havel als Sehnsuchtsfluss, ihre Ufer als DDR-Elysium

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Bücherbett

In ihrem Fleisch und Blut haust die Bedürfnislosigkeit so malerisch, dass nicht wenige, die sich auf ihre eigene Originalität etwas zugutehalten, ein Vorbild in Anuk Eisenschmied erkennen. Anuk schillert zwischen Käuzin und Kenner als handfeste Bewohnerin eines Elfenbeinturms. Die Wende stößt ihr als Unglück zu. Sie verliert die Orientierung und verdreht sich.

Nur Schritt für Schritt - das ist kein Leben!

Stets Bein vor Bein macht müd und schwer!
Ich lass mich von den Winden heben,
Ich liebe es, mit Flügeln schweben
Und hinter jedem Vogel her.
(Friedrich Nietzsche)

Was zuvor geschah

Manche Kinder fegen jedem Ball entgegen. Anuk fühlt sich von Silbenflummis magisch angezogen. Sie schläft in einem Bücherbett: dem Erbe ihres früh verstorbenen Vaters. Ab und zu konsultiert Anuk die Erinnerungen der Mutter an ein Familienleben, das nicht stattgefunden hat. Früh steht Anuks Berufswunsch fest. Sie will Leserin werden.

Anuk wird Leserin.

Anuk steigert sich zur Buchhändlerin. Schließlich figuriert sie als elbflorentinische Instanz unter DDR-Antiquaren. Sie gewinnt die Aura einer Logenschließerin, in der sich wiederum die Kirchendienerin alter Schule konserviert.

Der schnurrige Charakter schreit förmlich nach dem Glück im Winkel und variiert selbstverständlich den deutschen Michel als Michaela hinter dem Ofen. Zwei, drei die Grenzen zum Fabelhaften überschreitende Spezialfertigkeiten kommen dazu und fertig ist die Laube.

Anuk erlebt die DDR als kommode Gesellschaft. Sie zieht es in Nischen, und da lässt man sie sein. Überall entspricht man den Neigungen eines Verschrobenen. Obendrein gibt es eine erotische Grundversorgung für die Gehemmte. Am vorläufigen Ende vom Lied synchronisiert Anuk deutsche Klassik mit DDR-Moderne in einem Antiquariat.

Nun erlebt sie sich im Zielhafen, Idyllen in den blauen Dunst von lauter Selbstgedrehten malend. So ein Leben braucht aber eine Sackgasse, in der es nisten kann.

Anuk liefert der institutionalisierten Entschleunigung das passende Profil. Sie existiert in einem Refugium, dessen Haftschale ein maroder Staat ist.

So geht es weiter

Dann ist der Schleichtanz zu Ende, Anuk hat Familie und verliert sie weitgehend wieder. Sie glaubt Ansprüche zu haben. Sie irrt sich. Mit vierzig beweist Anuk Anpassungsfähigkeit an der Aldi-Kasse. Sie verbiegt sich so gut sie es eben vermag. Als ihre Verhältnisse schon desolat bis zu Zwielichtigkeit sind, gibt sie sich der Kriminalpolizei gegenüber als Gegnerin gesamtdeutscher Verhältnisse zu erkennen. Sie schmettert die Arie der Menschenfeindinnen.

Plötzlich verliert Anuks Dasein das Furnier, die fränkische Täfelung, und man begreift, was die arme Frau jetzt antreibt. Das ist so eine, die sich zu DDR-Zeiten bereits daran gestört hat, wenn jemand Ticket statt Eintrittskarte sagte.

Gleich mehr.

06:45 26.01.2021
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