Zwischen Ohnmacht und Amok

Die Ära Achtundsechzig Turn on, tune in, drop out - Die Wirklichkeit als magischer Raum - In der Mojave Wüste flippen die 68er Hipster auf Motorrädern aus. Carlos Castaneda ist ihr Gewährsmann.
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Aus meinem Briefwechsel mit den Zwillingen Gisela Getty und Jutta Winkelmann im Zuge der gemeinsamen Niederschrift von „Die Zwillinge oder Vom Versuch Geist und Geld zu küssen“.

Jutta Winkelmann erinnert einen Abend mit Bob Dylan im Haus und auf dem Anwesen von Roger McGuinn. New Hollywood ist am Start, allen voran Dennis Hopper, der nach Jahren der Ächtung zurückgekommen ist und so das Gesetz des „They never come back“ brach. Die 68er-Stars nehmen ungeheure Mengen Drogen und riskieren viel bei Motorradstunts im großen Bassin. So heißt eine Wüstenlandschaft in Nevada und Kalifornien. Das Death Valley gehört dazu, als Aspekt der Mojave Wüste. Im Death Valley kommt kein Regen an, er wird von den Höhenzügen der Sierra Nevada gestoppt. Die Trockenheit bereitet phantastischen Verwitterungsphänomen den Boden. Die Hirngespinste der Hipster stehen da in Stein gehauen. Der Drogenwahn findet seine Entsprechungen in der Wirklichkeit, die sich als magischer Raum schildert.

...

Die Zelebritäten fürchten nichts mehr als das Alter. Ihr feministisches Bewusstsein ist rudimentär entwickelt. Sie sind noch im Machomodus.

Für Jutta ist Bob der Größte. Sie erkennt in ihm einen fürstlichen Schamanen. In seiner Liebe erfüllt (erfühlt) sie sich. Diese Liebe hält Jutta für eine vom Universum beschlossene Sache.

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Jutta schreibt:

Bob zwingt mich, ihm in die Augen zu sehen. Er sagt: „Da ist doch dieser Rassismus der Judenvernichtung. Woher kommt der? Was ist das? Ihr seid alle Antisemiten. Das musst du doch auch sein. Du bist doch damit aufgewachsen, das Land ist kurz zusammengeschlagen worden, aber der Boden ist verseucht von eurem mörderischen Antisemitismus.

...

Du bist doch auch eine Judenmörderin in der Grube deines Herzens. Du hattest nur noch keine Gelegenheit dazu, es auszuprobieren. Du bist ein Kind von diesen Leuten, wie du selber sagst, aber du machst hier auf brav, ihr sagt, unsere Eltern waren schrecklich, aber steckt das Schreckliche nicht auch in dir und deiner Schwester? You don’t get rid of that so easily, don’t you, Yu . . .

Ich frage: „Yu?“

Meine Zähne klappern, die Knie schlackern. Ich habe meinen Namen vergessen. Wer bin ich überhaupt? Und wo bin ich? Die ganze Situation erscheint extrem unwirklich und gleichzeitig hyperreal.

Mein Name fällt mir wieder ein.

Ich stammele: „Jutta like the state Utah“.

Bob begeistert sich für die phonetische Koinzidenz. Er überzieht nicht so wie Dennis. Sein Wesen ist nicht toxisch, sondern hell erleuchtet und (das Leben) erhaltend.

Unter uns brandet der Pazifik gegen Felsen. Ich schwanke zwischen Ohnmacht und Amok. Meine Gedanken überschlagen sich. Plötzlich sehe ich mich dazu imstande, die wichtigsten Welträtsel zu lösen; gemeinsam mit meinem von der Vorsehung für mich bestimmten Geliebten. So sehe ich Bob, für den ich mein Andersich Gisela aufgeben werde. Ich habe nie eine Zwillingsschwester gehabt. Wie berauschend, das für möglich halten zu dürfen als einer Spielfigur in Gedanken. Ein Leben ohne die Forderungen eines Menschen, der sich in mir zuhause fühlt.

„You have to be Anti-Semite, Yutah“.

Bob spielt mit mir. Ich bin wie hypnotisiert.

„Yeah, I have to be.“

Das ist ungeheuerlich. Das habe ich nicht gesagt. Mein Leben erschöpft sich im Kampf gegen die Vorurteile und Gemeinheit unserer Eltern. Ich fühle mich erschlagen und durchschaut. Haben wir den Hass denn überwunden? Sind wir wirklich bessere Menschen? Oder sind auch wir kontaminiert bis zur letzten Faser?

Ich stoße auf eine Bombe in mir.

Bob berührt mich: „No fear. You get through that. With me. I’ve seen something deeper“.

Wieder spüre ich, dass Bob als Dichter und Prophet tiefer blicken kann, tiefer als ich mir im Moment traue zu schauen, und dass ich keine Angst haben muss. Ich erkenne einen Schamanen. Er spielt mit Totenschädeln im Garten Gethsemane.

Morgen mehr.

06:38 30.05.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Ausgabe 25/2018

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