Zwischen Prosa und Prise

Susan Sontag Mehr zu Mosers Sontag-Biografie und einem Milieu, das sich aus der Beschäftigung mit dem Text ergibt.
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Traumtaten

„Und dann habe ich mich selbst ... fotografiert.“

In„Mode und andere Neurosen“ (Essays, Aufbau, 208 Seiten, 20,-)liefertKatja Eichingerden Diskurs nach Roland Barthes und Susan Sontag: Selfies sind „Zertifikate der Anwesenheit“ und „Fototrophäen“. Sie unterscheidet die degradierenden Konnotationen der Selbst-Ikonografie vom kulturellen Stellenwert des Selbstporträts. Wo die technische Leistung über die individuelle Vorzüglichkeit hinausgeht, gibt es jedenfalls keinen großen Markt für Exklusivität. Trotzdem steckt in dem Massenprodukt Selfie eine Selbstermächtigungspotenz, mit der Kraft Lücken zwischen Ego und physischem Selbst zu schließen. Eichinger spricht von einer „digitalen Überlebensstrategie“. So sehe ich das auch. Ich habe Jahrzehnte Literaturphänomene nur schriftlich aufgenommen. Für die Fotos kamen Fotografen. Aufnahmen hatten die Gravität und das Gravitätische von Papas Sonntagsausflugsdokumentationen. Das ist vorbei. Zur Smartphone-Kompetenz gehört der vorsorgliche Schnappschuss, letztendlich die eigene Bildzeitung in Echtzeit.

Das digitale Kartenhaus

Es entwickelt sich ein journalistischer Lebensstil als Spielart der Körperverwaltung nicht zuletzt, während auf dem Spieltisch des Planeten die Karten neu gemischt werden. Überblicken wir die letzten fünfhundert Jahre, sehen wir zuerst den Übergang von feudalen zu industriekapitalistischen Verhältnissen im Takt der Schriftkultur, und jetzt geht es weiter dahin, wo alles zur digitalen Überlebensstrategie wird und jemand ohne die entsprechenden Anschlüsse unbehaust bleibt.

Dieses Fazit nimmt Susan Sontag vorweg; einschließlich des schalen Beigeschmacks. „Sie habe gehofft, berühmt zu sein würde mehr Spaß machen.“

Benjamin Moser, „Sontag. Die Biografie“, aus dem Amerikanischen von Hainer Kober, Penguin Verlag, 925 Seiten, 40,-

Zielperson

Sontag thematisiert die „ungewollte Preisgabe des Selbst vor dem Auge des Voyeurs. Jedem Zücken der Kamera wohnt Aggressivität inne“.

In einer geheimen FBI-Akte steht:

„Eine geeignete Fotografie der Zielperson steht zur Verfügung.“

Was macht die bedeutendste amerikanische Intellektuelle ihrer Generation zur Zielperson?

Traumtaten

Ich jage dieser Frage nach, will aber nicht unterschlagen, was Sontag ihrem ersten Roman als Descartes-Paraphrase im Sinne des sich einprägenden ersten Satzes (gleichsam) voranstellte:

„Ich träume, daher bin ich.“

„Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt“, sagt Hölderlin.

Sontags Held erlebt seine Träume als Taten.

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Das Geheimnis von Okinawa

Zwischen Prosa und Prise - Zwischen den Zeilen liefert Tuschicks Textlandnun auch Subtexte, die als Derivate des Primären wie Schaum auf den Kämmen tanzen.

Aus derWELTvon vorgestern:

„Weil auch der Sänger Xavier Naidoo (49) den Post von Nenamit zwei aneinandergelegten Handflächen und einem roten Herz versah, das Nena direkt zurückgab und zudem ein Smiley mit einem Heiligenschein sendete, waren in den Kommentaren Diskussionen um die Bedeutung der Worte entstanden. Unter anderem wurde ihr die Nähe zu Verschwörungstheoretikern vorgeworfen.“

...

Eine Weile folgt er ihr über den Parcours der Herzen. Setzt sie ein Herz zur Beglaubigung unter eine Zeile, bestätigt er ihr alles Mögliche mit dem gleichen Zeichen. Ihm sind die Zeichen egal. Er glaubt nicht, dass der Mensch von der Maschine verschlungen wird, um als bloße Metapher zurückzukommen.

Alles Unbefestigte erliegt feindlichen Kräften. Jede Befestigung muss so einfach sein wie ein Glaube, denkt Lancaster.

Susan Sontag warnt davor, „das Bild einer Person der Person vorzuziehen“.

Idole entstehen und vergehen wie Atolle. Die Namen ihrer Inthronisierung und ihrer Absetzung spielen für Lancaster keine Rolle. Angehoben und fallengelassen wird man von derselben Kraft. Davon geht Lancaster gewohnt gemütlich-analytisch aus.

Das Große erliegt dem Kleinen. Die überlegene Kraft spannt die Armbrust des Außenseiters und gibt dem Bolzen Explosivkraft. Das ist noch nicht das Geheimnis von Okinawa*. Dazu komme ich gelegentlich.

*Ich beanspruche das Copyright auf den Titel.

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Wie eine von Picasso gemalte Mona Lisa

Ikone weiblicher Intellektualität – Verführung ist die wahre Gewalt (Schiller)

Der Biograf will das erloschene Licht des 20. Jahrhunderts für seine Leser*innen noch einmal anmachen; das Licht, in dem seine Heldin überlebensgroß erscheint. Susan Sontag war ein Rockstar wie Patti Smith. Wenn diese Ikone weiblicher Intellektualität die europäischen Sheros (blend of she & hero) vom Schlag Lukács und Sarraute kritisierte, war das eine Show. Benjamin Moser beschwört den Teint (die verführerisch auf Hochglanz gebrachte Schauseite) der femme de lettres und erkennt in ihr eine von Picasso gemalte Mona Lisa, „begehrt von den größten Fotografen“ der Epoche.

„Sie war Athene, nicht Aphrodite.“

Globaler Underground

Sontags Ruhm erlebt das internationale Auditorium als „etwas nie zuvor Dagewesenes“. Moser haut in die Tasten. Er beschreibt „eine schöne junge Frau von furchterregender Bildung … und unnachgiebiger Strenge“. Gleichzeitig kommt Sontag als Promoterin des voroffiziellen Kulturbereichs in die Arena; als Avantgarde-Aktivistin mit den Zugangskodes für den globalen Underground.

In ihrer Person fusioniert das alte europäische Emigrantenwissen mit dem Rock’n’Roll des amerikanischen Go’n’Get. Geh und hol es dir!

Sontag ist zu schnell für ihre Nachfolger*innen. In ihren Fußstapfen versinken die Epigon*innen. Sie schafft Formen, um sie zu zerbrechen. Jacqueline Kennedy erachtet Sontag als ebenbürtig im Rumble in the Jungle of New York.

Am Ende ihres Lebens wird Sontag verwundert bedauern, dass sie ihrer vergangenen Schönheit nicht mehr Achtung entgegen zu bringen wusste.

„Ich habe so gut ausgesehen ... und ich hatte keine Ahnung.“

Kannibalische Verehrung/Aufmerksamkeitsgenerator Ruhm

Im Augenblick ihres Ruhms vermisst sie den „Spaß am Berühmtsein“. Sontag exponiert den Zusammenhang zwischen Ruhm und seiner fotografischen Herstellung in aggressiven Akten. Die aus der Menge genommene und über den Köpfen aufgepflanzte Person ist immer auch kultischer Gegenstand kannibalischer Verehrung. Zu den Menschheitsrätseln gehört nicht unbedingt, dass wir alle einverstanden sind, uns für Ruhm auffressen zu lassen.

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"She Made Thinking Exciting" (New York Times)

„No writer typified the American twentieth century like the mythologised and misunderstood, celebrated and lambasted Susan Sontag (1933-2004). No writer dealt with so many different worlds. Sontag wrote novels, diaries and essays about art and camp, porno and politics, feminism and homosexuality, fame and style, and fascism and communism. And no serious writer had so many exceptional lovers.“ Quelle

Amerikanisiertes Andenken

Die vernichtende Verfolgung der Armenier im Auflösungsterror des Osmanischen Reichs war noch in vollem Gang als man in Hollywood eine Zusatzchance zu der soeben erfundenen Wochenschau zu kapitalisieren begann. Das phantasievoll hochgezuckerte Echtzeitdrama als Doku-Soap ist eine Erfindung des frühen 20. Jahrhunderts. Im Entstehungsrahmen jeder neuen Kunstform ist sofort alles da. Wir liefern heute die Nachträge im ewigen Nachgang jener Moderne, die der Industriellen Revolution folgte und den Kulturkatechismus bis auf Weiteres immer noch vorgibt.

Benjamin Moser, Sontag Die Biografie, aus dem Amerikanischen von Hainer Kober, Penguin Verlag, 925 Seiten, 40,-

Im Sandbett eines im kalifornischen Winter verdunsteten Flusses fand man einen „idealen Drehort“, „um die grausamen Türken und Kurden zu filmen, wie sie die zerlumpte Schar von Armeniern … über Seitenwege“ in die Wüste trieb. Unter den Komparsen waren nicht wenige dem Genozid entronnen. Man bot echte Armenier auf und hing das Schild der Authentizität vor die Schaufenster eines Massenmords. Die Chronisten der Produktionskalamitäten von „Auktion der Seelen“ versäumten es nicht, die Szenen im posttraumatischen Stress kollabierende Überlebende als Nachschwenk mitzuliefern; dies als Schauspiel für picknickende Profis.

Und wieder weht ein Faulatem der Geschichte genau jene perverse Volte ins Geschehen, die wir, wäre sie nicht verbürgt, für erfunden halten müssten.

Anders als die Verkaufsbotschaft behauptet, sind „nicht alle Armenier im Film … Armenier“. Ein für Standfotos ausgewähltes Paar der Verzweiflung setzt sich aus der Jüdin Sarah Leah Jacobson und ihrer Tochter Mildred zusammen. Die Mutter stirbt bald. Zehn Jahre später bekommt Mildred eine Tochter von einem Mann, der sie umgehend zur Witwe macht. Sie nennt das Kind im amerikanisierten Andenken an Sarah Leah Susan Lee.

Während man „Auktion der Seelen“ auf einem historischen Vorsprung entstanden wähnte, „der an die (andauernde) Vergangenheit erinnern sollte“, zeigte der Film in Wahrheit das Gespenst der Zukunft. Leah-Lee sieht als Zwölfjährige zum ersten Mal „Fotos vom Holocaust“. Die Ansichten entwickeln Saugkraft. Sie lassen den Rockstar der Literatur nie mehr los.

Das erzählt Benjamin Moser in seiner Sontag-Biografie, die mich wochenlang begleiten wird.

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Aus der Ankündigung

Susan Sontags glamouröse Erscheinung ist ebenso legendär wie ihr schneidender Verstand. Ihr Themenspektrum reichte von postabstrakter Malerei über Pornografie und Existenzialismus bis hin zu Krebs und Kriegsfotografie.

Sontag war schon ein intellektuelles Wunderkind – entsprechend fand sie Thomas Mann, als sie mit sechzehn Jahren seiner Einladung nach Pacific Palisades folgte, eher enttäuschend; während ihres Literatur- und Philosophiestudiums folgte mit siebzehn die Heirat mit dem Soziologen Philip Rieff. Geprägt von europäischen Kunst- und Denktraditionen, sollte sie, ob mit ihren Essays, ihrem erzählerischen Werk oder auch den Regiearbeiten, zur wegweisenden Mittlerin zwischen den Kulturen werden.

Benjamin Moser konnte erstmals unveröffentlichte private Aufzeichnungen auswerten, Lebensgefährten wie Annie Leibovitz befragen, und so ein tiefgründiges, auch intimes Porträt dieser ebenso bedeutenden wie zwiespältigen »öffentlichen Intellektuellen« zeichnen.

Mosers monumentale Biografie ist ein eindringliches Porträt Susan Sontags, das den geistigen Kosmos wie die intimen Lebensumstände dieser überragenden Literaturikone des 20. Jahrhunderts vermisst.

Zum Autor

Benjamin Moser, geboren 1976 in Houston, Texas, lebt in den Niederlanden, wo er an der Universität Utrecht promovierte. Er verfasst regelmäßig Beiträge für Harper’s Magazine und The New York Review of Books und ist als Biograph von Clarice Lispector außerdem Herausgeber ihrer Werkausgabe in neuer Übersetzung bei dem amerikanischen Verlag New Directions. Zuletzt erschien von ihm die autorisierte Biographie der amerikanischen Philosophin und Publizistin Susan Sontag, für die er den Pulitzer-Preis für die beste Biographie gewann.

08:39 17.10.2020
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