Anders sein? ...aber bitte befristet!

Karneval Die eng terminierte und verordnete Toleranz der Spießer
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In alter Zeit wollte man mit schrägen Masken und Tänzen den Winter austreiben. Die stürmischen letzten Tage und Nächte zeigen: die Idee war gar nicht so schlecht.

Und heute...?

Da stürmen ganzjährig planende und übende "Laienprediger" aller Berufsgruppen podiumsgeil die Bühnen der Karnevals- und Faschingvereine um mit zumeist amateurhaft-ausdrucksschwachen Darbietungen potburyartig aneinandergereihter Witzchen das angetrunkene Publikum zum Kochen zu bringen. (und wenn der Alkoholpegel erstmal hoch genug und die Kritikfähigkeit entsprechend herabgesetzt ist ist das eine vergleichsweise leichte Herausforderung).

Positiv denkend könnte man sagen: "Ist doch schön, dass alle so ausgelassen und bunt sind!"

Das Problem: Dies ist - typisch deutsch - terminlich begrenzt und dafür entsprechend überzogen.

Die gleichen Leute, die am Rosenmontag noch im quitschigen Kostüm und mit schwarzgemaltem Gesicht herumgewatschelt sind entpuppen sich am Aschermittwoch meist wieder als Mainstream-Spießer.

Mindestens latent homophob, xenophob und überhaupt mit einer gehörigen Protion Misstrauen gegenüber allen, die irgendwie anders sind als man selbst.

Das beginnt schon beim Nachbarn in der Reihenhaussiedlung, der - anders als alle anderen - die Familienplanung nicht über alles stellt und keinen Japaner oder deutschen Mittelklassewagen mit Leasingvertrag fährt und endet lange nicht bei der Kollegin, die am Wochenende lieber mit ihrer Partnerin (!) in ein Jazzkonzert geht, statt im Schützenverein mitzusaufen oder zumindest das kosumorientierte, politisch-aussagefreie Musical aufzusuchen.

Nein, es gibt natürlich wie immer Ausnahmen.

Manche Narren und Jecken bauen in ihre Darbietungen auch kritische Töne - z.B. zur Kommunalpolitik - ein.

Und einige wenige sind auch richtige Spaßkanonen.

Trotzdem tun mir in diesen Tagen wiedermal all jene leid, die sich mit voller Kraft und Risikobereitschaft ganzjährig mit intelligenten, lang ausgebrüteten und abendfüllenden Programmen als KabarettistInnen durch die Käffer der Republik kämpfen und nicht den "ordentlichen" Job als Chefarzt, Jurist oder Ingenieur in der Hinterhand haben.

Aber Karneval hat eben Tradition. Und die schlägt nicht selten jedes Argument.

13:40 24.02.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

jamey

Traue nur deiner Aufmerksamkeit und verlasse dich nicht auf Erfahrungen. (schon gar nicht auf die anderer)
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