Bildungspolitik im Diktat der Lobby

Chancengleichheit? Warum notwendige Reformen in Deutschland blockiert werden
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"Jedes Kind wird in Deutschland seiner Begabung entsprechend gefördert!" So posaunte es der Oberbrüllaffe der Union, Horst Seehofer, noch vor wenigen Jahren in den bunten Strauß der Schallwandler diverser Presseleute.

Und Guido Westerwelle hielt die Mär von den Aufstiegschancen für Fleißige aufrecht. Eine "Leistungsgesellschaft" sind wir allerdings trotzdem nicht wirklich. Dazu später mehr.

Gedacht waren diese Basta-Pamphlete hinter den Kulissen als vehemente Verteidigung des dreiklassigen Schulsystems. Die "Guten" (Kinder reicher und bildungsreicher Familien) auf´s Gymnasium, die "Schlechten" lobbylosen Nachkommen der Einwanderer und ALG2-Anwärter auf die Haupt- oder Sonderschule und die Realschule für alle, die "nicht Fisch noch Fleisch" sind. Ein Spiegelbild der Gesellschaft.

Heute sieht es nicht deutlich anders aus. Der Spiegel hat lediglich an Konsequenz gewonnen. Aus dem Dreiklassensystem wurde ein Zweiklassensystem mit Sekundarschule und Gymnasium.

G8 und Inklusion zementieren die Chancenungleichheit.

Inklusion findet, weil angeblich wiedermal das Geld "fehlt", nicht wirklich statt, und die plumpe "aus 9 mach´8"-Brechstange des Gymnasiums läßt umso eher nur noch die durchkommen, deren Eltern die Hausaufgaben nach ausgedehnten Schultagen entweder selbst beaufsichtigen oder das Geld für umfassenden Nachhilfeunterricht aufwenden können.

Und wie war das noch gleich... "Jeder nach seiner Begabung..?" Neoliberale Heuchelei!

Wo bleibt die Förderung sportlich oder musisch Begabter? Richtig! Auf der Strecke.

Musikklassen sind nicht mehr als Alibi-Veranstaltungen, denn den Mut, einem musisch begabten Kind auch mal den Physikunterricht zu ersparen, um Zeit für das Üben des Instruments zu gewinnen gibt es nicht.

Kinder, die sich für eine Musikklasse entscheiden müssen dies als zusätzliche Belastung in Kauf nehmen, was die Attraktivität natürlich verringert.

Sport und Musik sind in einer kapitalgesteuerten Gesellschaft nämlich nur schnödes Beiwerk (s. Artikel "Kapital und Kultur").

Wer es sich leisten kann schickt sein Kind ohnehin auf eine Privatschule, wo es sich nicht mit der Masse messen muss.

Und an diesem Punkt ist es Zeit darüber aufzuklären, wer in diesem Land die Bildungspolitik bestimmt:

FachpädagogInnen? Leider nein. Es ist - wie so oft - die freie Wirtschaft.

Die hat natürlich ein egomanes Interesse daran, dass die Berufswünsche von Migranten- und HartzIV-Kindern nicht "in den Himmel wachsen" und die lukrativen Jobs da bleiben, wo sie immer schon waren.

Wer soll schließlich noch die schlechtbezahlte Drecksarbeit machen, wenn alle Arzt, Ingenieur oder Jurist werden wollen?

Und es sind ebendiese Wirtschaftsvertreter die sich nun beschweren, dass die ersten Uni-AbsolventInnen der G8-Generation als Neulinge im Betrieb noch derart grün hinter den Ohren seien, dass sie für alles an die Hand genommen werden müssten.

Da kann man nur erwidern: Man erntet, was man säht.

Noch ein paar Bespiele für "Chancengleichheit" gefällig?

Wer seinen N.C. nicht erreicht kann sich seinen Studienplatz mit ca. 10 Riesen von Mama und Papa über einen Anwalt erstreiten.

Die explodierenden Mieten umgehen Wohlhabende, indem sie ihren Sprösslingen einfach mal eben eine schicke Eigentumswohnung in Uni-Nähe spendieren, die man später ja noch gewinnbringend weitervermieten kann.

Und wieder schließe ich mit der Erkenntnis: Die Bonzen verweigern es nicht nur, der Gesellschaft einen anständigen Beitrag ihres Vermögens zur Umsetzung wirklich dringend benötigter Verbesserungen - z.B. zur behindertengerechten Umgestaltung von Schulen und der Umsetzung kleinerer Klassen - zur Verfügung zu stellen; sie profitieren perfiderweise am Ende wiedermal davon.

11:58 30.09.2016
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Geschrieben von

jamey

Traue nur deiner Aufmerksamkeit und verlasse dich nicht auf Erfahrungen. (schon gar nicht auf die anderer)
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