Die ewige Suche nach väterlicher Zuwendung

Backlash Warum rückwärtsgerichtete gesellschaftliche Strukturen immernoch und immerwieder Erfolg haben
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"Die Hand, die sich gegen die Mutter richtet wird aus dem Grabe wachsen!"

Eher im selbstironischen Spaß zitierte meine Mutter bei Auseinandersetzungen gern diesen autoritären Spruch, den schon ihre eigene ohne wirklichen Ernst aussprach.

Mal abgesehen davon, dass kaum eine Prüfstelle für jugendgefährdende Inhalte diese Aussage aufgrund ihres Horrorpotentials für unter 16 durchgehen lassen könnte war die Wirkung auf ein eher liberal erzogenes Geschöpf wie mich erstaunlich.

In meiner bildlichen Vorstellung war es nämlich nicht die Hand des Kindes, sondern die Hand der Mutter (!) die aus der Gruft emporkroch.

Das war eine äußerst gesunde Reaktion, die irgendwie zeigte, dass ich gegen sinnentleertes, autoritäres Gehabe ziemlich immun war.

Meine Eltern, die natürlich auch nicht alles in der Erziehung richtig gemacht haben, schwankten zwischen 68ger-Begeisterung und katholischer Prägung.

Am Ende war es weder "laissez-fair" noch stockärschig christlich-autoritär.

Es war ein ganz gesunder Mix. Mit Regeln, auch mit angemessenen, jedoch nie körperlichen Strafen; vor allem aber war es eine Erziehung, die nicht auf dem perfiden Grundsatz fußte, dass man sich die Liebe der Eltern durch ständiges Abstrampeln für Höchstleitungen "verdienen" müsse.

"Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst", oder:"Du sollst Vater und Mutter ehren!" (man beachte auch die Reihenfolge!) hätte bei mir nur großes Gelächter ausgelöst.

"Period!" heißt es im englischen, wenn jemand - meist im Wissen um seinen erbärmlichen Standpunkt - jegliche Diskussion im Keim zu ersticken sucht.

(im Deutschen ist es eher ein: "Das ist so!")

So hört man es jetzt auch wieder vom Trump-Zirkel.

Der fermentiert seine verbal abgesonderten Abstrusitäten zudem gern mit einem dramaturgisch abgesetzten "it´s true!"

Wenn man das genauer analysiert könnte man auch hineininterpretieren: "Ich erzähl´ja viel Unsinn, aber das, was ich gerade geäußert habe könnt ihr ausnahmsweise ruhig mal glauben!"

Erdogan, Putin, Höcke, (...)

Warum haben diese Matchos, Narzisten, Antidiplomaten und Brüllaffen so einen Zulauf?

Ganz einfach!

Ihr System funktioniert, weil alle Beteiligten darauf abgerichtet wurden.

In einem autoritären System stellen die Schwachen keine Fragen und machen sich keine eigenen Gedanken.

Die kindliche Emotionalität wird im Erwachsenwerden nicht durch ein gesundes, rationales Denken ersetzt; der Unsinn, den die Oberen zunächst in der Familie, später in der Schule, in der Studentenverbindung, im Beruf, im Staat verzapfen wird folglich auch nicht in Frage gestellt.

So ist es ebenso "logisch", dass erwachsene Kinder sogar ganz besonders dann lebenslang um die Gunst des Vaters ringen, wenn dieser sie regelmäßig mit dem Gürtel gezüchtigt und eigentlich nichts wirklich Respektables im Leben hinbekommen hat. Und ist der leibliche Vater nicht greifbar, so findet man Ersatz in Lehrern, Vorgesetzten oder eben Staatsoberhäuptern.

Leider verleitet es viele neue Väter auch zu dem Satz: "Mir haben Prügel auch nicht geschadet!" (woher wissen sie das?)

Und damit wird auch diese abscheuliche "Tradition" an die nächste Generation weitergereicht und in abgewandelter Form auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen.

So verbreiten sich in der Konsequenz dann widerum archaische Machtgefüge in Wirtschaft und Politik.

Es funktioniert zudem, weil es einfach ist.

Am Ende erklärt sich so auch manches Wahlergebnis.

Wenn Frauen darauf konditioniert wurden, minderwertig und dem Manne gefügig zu sein wählen sie ebenso einen Putin, der die Bestrafung von Gewalt in der Ehe abschaffen will, wie einen Erdogan, der am liebsten die Vergewaltigung von Frauen veranlassen möchte, die andere Männer anlächeln, und eben auch einen Trump, der gern ungebeten "Pussys befummelt".

Und sozial Benachteiligten fehlt dann z.B. die Einsicht, dass sie mit einem Multimilliardär als Staatsoberhaupt den Bock zum Gärtner machen.

Das Ermächtigungsgesetz von Erdogan wird logischerweise dazu führen, dass alle TürkInnen zum letzten Mal wählen können. Trotzdem werden viele genau dieser Kastrierung ihres Wahlrechts die Stimme geben. Verrückt? Nein! Ergebnis eines lang tradierten, patriachalen Systems mit der fast zwangsläufigen Sehnsucht nach einem Herrscher, der einem auch die eigene Freiheit (und deren Bürde) "abnimmt".

Sowas kann in letzter Konsequenz sogar dazu führen, dass jemand sein eigenes Leben für einen noch so absurden Befehl von oben opfert. Da tun sich Terrororganisationen und autoritäre Kriegsministerien wenig.

("Lieber als Held sterben, denn als Verlierer nach Hause kommen!")

Denn: Frei sein stellt manchmal eine große Herausforderung dar. Nicht nur für die oben erwähnten Konditionierten.

Sicher. Auch für meine Eltern wäre es einfacher gewesen, sich mit angsteinflößenden Erziehungsmethoden Respekt zu verschaffen.

Aber wieviel stolzer können sie sein mich zu jemandem erzogen zu haben, der weder ihre Fehler, noch die eigenen, und auch nicht die anderer einfach unreflektiert stehen läßt. Diese Freiheit nehme ich mir. Als Recht und Verpflichtung gleichermaßen.

Ich bin leider auch keine Kämpfernatur, aber hartnäckig genug, gegen jede plump-autoritäre Anmaßung in meinem Umfeld vorzugehen.

Warum ist die Gefahr eines "Backlash" (Rückfall in primitiv-autoritäre Gesellschaftsordnungen) auch im Jahr 2017 noch so groß?

Warum sind diese Systeme noch immer kein Auslaufmodell?

Warum haben weder die Französische Revolution, noch die Studentenbewegung den autoritären Muff endgültig ausmerzen können?

Weil er eben sehr, sehr alt und damit ebenso gefestigt ist.

Außerdem liegt es daran, dass der Grundstein im äußerst intim-privaten Raum gelegt wird. Den wenigsten Kindern kann man eindeutig anmerken, wie sie zuhause erzogen werden.

Auch, wenn ich selbst als Kind soviel wie möglich im familiären Hort geblieben bin und Schule als Horror erlebt habe:

Letzlich kann eine Gesellschaft, die Liberalität, Autonomie, Altruismus, Demokratie und Weltoffenheit vermitteln will nur gewinnen, wenn alle Kinder so früh wie möglich gemeinsam er- und ggf. dubiosen Methoden und Grundsätzen des individuellen Elternhauses entzogen werden.

Klingt nach Sozialismus?

Nein! Der war und ist meist auch autoritär strukturiert.

(Ausnahme: Salvador Allende in Chile, den aber die USA unter Federführung von Kissinger und Pepsi sabottiert haben)

09:25 10.03.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

jamey

Traue nur deiner Aufmerksamkeit und verlasse dich nicht auf Erfahrungen. (schon gar nicht auf die anderer)
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