"Die können doch gar nicht damit umgehen!"

Gerechtigkeit Private Logik und "selffulfilling prophecy"-Strategien der Oberschicht
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Mensch sein heißt auch: In Widersprüchen leben.

Generationen von us-amerikanischen Südstaatenfamilien gaben sich als gute Christen aus, während sie auf ihren Plantagen Sklaven ausbeuteten.

Wie passte das zusammen?

Ganz einfach! Sklaven wurden eben nicht nur wie Vieh behandelt, die Weißen sahen sie auch als solche an.

Als die Schwarzen dann nach den Sezessionskriegen Land pachten oder erwerben durften waren die Preise und Gebühren, die sie dafür entrichten mussten so hoch, dass viele zum Scheitern verurteilt waren.

Die Rassisten fanden für dieses Scheitern natürlich ihre eigene, in ihr Weltbild und ihr Gewissen passende Erklärung: "Die können halt nicht damit umgehen!"

Genau diesen Satz bemühen auch im Jahr 2016 all jene, die ein Vielfaches von dem, was sie für ein gutes Leben tatsächlich bräuchten beanspruchen.

Wenn es darum geht, unangemessene Pfründe auf Kosten vieler am unteren Ende der Skala zu verteidigen ist ein solcher Satz eine bequeme Allzweckwaffe.

Egal, ob es um eine fairere Verteilung von staatlichen Zuwendungen wie Kindergeld, mehr Lohngerechtigkeit oder bessere Bildungschancen geht (...)

Die Arroganz und die Private Logik der Reichen kennt keine Scham.

Da wird einfach mal pauschal unterstellt, dass das Kindergeld von den Unterschichtlern doch eh nur für niedere Gelüste, wie Großbild-TV und Zigaretten zweckentfremdet würde.

Für die Oberschicht steht fest: Umverteilung würde am Ende allen schaden- auch den Armen. (ob sie tatsächlich selbst daran glauben oder es nur den anderen so verkaufen möchten, damit die still halten sei einmal dahin gestellt)

Das (traditions)reiche Familienunternehmen enteignet und von Fremden geführt - womöglich noch vom Staat?!

Für sie ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Hekta² Ländereien der von- und zu´s von "einfachen" Landwirten oder Kommunen verwaltet und bestellt?

Wo kämen wir da hin?

Ihr Argument: Wir machen das schließlich seit vielen Generationen, und nur deshalb funktioniert es!

Nun bergen solche "Argumente" in sich schon die Gegenargumente.

1. Welche Chance hätte dann jemals ein anderer seine Kompetenz unter beweis zu stellen?

2. Wenn sie diese Privilegien bereits seit Generationen in Anspruch nehmen- wären dann nicht erst recht mal andere an der Reihe?

Wenn Land umverteilt wird bleibt die bewirtschaftbare Fläche die gleiche. Somit ändert sich auch erstmal nichts an dem möglichen Ertrag.

Eine Firma, die womöglich ohnehin schon von "Externen" geführt wird, weil die jüngste Generation sich lieber ein schönes Leben macht und dem Erbe entgegenfiebert kann immernoch genausoviel erwirtschaften und für genausoviele Menschen Arbeitsplätze zur Verfügung stellen, wenn am Ende der Staat die Leitung übernähme.

Und wie würde erst die Gesellschaft profitieren, wenn wir nicht immerzu denen die besten Bildungschancen reservierten, die nicht durch Intelligenz, Talent und Fleiß, sondern durch Vati´s Geldbeutel und Vitamin-B in verantwortungsvolle Posten gehievt würden?

Ich schreibe hier anonym; deshalb sage ich es ganz offen:

Ich unterrichte als privater Musiklehrer leider auch überwiegend nur diese Klientel.

Glauben Sie mir:

Auch die dümmsten und faulsten Arzt- und Unternehmerkinder bekommen eine Gymnasialempfehlung.

Demgegenüber ist nur jedes 7. Kind auf dem Gymnasium aus einer bildungsfernen Familie.

Grundschullehrkräfte sprechen diesen Kindern schon deshalb keine Gymnasialempfehlung aus, weil die Eltern die Hausaufgaben nicht selbst betreuen oder nicht das Geld für die Nachhilfe aufbringen könnten.

Und wem haben wir mit G8 die Zementierung dieser Bildungsungerechtigkeit zu verdanken?

Nicht etwa studierten FachpädagogInnen!

Sondern? Richtig! " Der Freien Wirtschaft!

Noch Fragen?

08:37 18.11.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

jamey

Traue nur deiner Aufmerksamkeit und verlasse dich nicht auf Erfahrungen. (schon gar nicht auf die anderer)
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