Ist Jesus von Nazareth "postfaktisch"?

Weihnachten Jude, Schirmherr der Christen, Prophet des Islam, Pazifist und Menschenfreund. Und trotzdem bis heute keiner, der die Kraft zum Einen statt zum Spalten hat
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Vor vielen Jahren bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten.

Gründe gab es inzwischen reichlich: Missbrauchsskandale (gut, die gab es auch im 68-ger Milieu der Odenwaldschule), eine allgemein unrühmliche und die Lehre pervertierende Geschichte mit Kreuzzügen, Inquisition, Hexenverfolgung, Ausbeutung von Bauern (...)

Auch ein Wechsel zu den Protestanten stand oder steht nicht zur Debatte, wenn man erfährt, dass selbst Luther ein zwilichtiger Geselle war. Mit Pamphleten "Wider die Juden und Türken" kann er bei mir keinen Blumentopf gewinnen. Die Bauern, die seine Lehre als Aufruf zum Protest gegen die klerikalen Peiniger verstanden waren in seinen Augen nur "Pöbel", dem man das Maul stopfen müsse.

Den Vogel abgeschossen haben dann bereits in den Nullerjahren Autoren angeblich "zeitgenössischer" Kirchenblätter, die einem Mengele oder spätberufen Schwachsinn verfassenden, pensionierten SPD-Nazis in Sachen rassistischer Hetze wenig nachstehen.

(Zitat: "Dem Islam ist das Unehrliche, dem Christentum das Ehrliche immanent.")

Da war für mich dann endgültig Ende im Gelände.

Schade eigentlich...

Denn das Neue Testament und besonders die es entscheidend prägende Gestalt, Jesus von Nazareth böten im Großen und Ganzen für viele - auch nicht-christliche - gesellschaftliche Gruppierungen ein passendes Grundsatzprogramm.

PazifistInnen, FeministInnen, Linke, (...) Jesus bietet viele Facetten.

Gut. Das folkloristische Beiwerk (Dreifaltigkeitsquatsch, über Wasser gehen, Kranke heilen, Brot vermehren) war wohl eher Zeichen mangelnden Selbstvertrauens der damals neuen Glaubensgemeinschaft und dient heute noch der fragwürdigen Untermauerung.

Auch waren im Dezember in Bethlehem garantiert keine Hirten mehr auf den Feldern, denn auch dort war und ist es jetzt bitterkalt. (das spricht für die These, dass Jesus wohl eher nicht am 24.12. zur Welt kam)

Der Weihnachtsbaum war ursprünglich heidnisch und diente eher als Zugeständnis, um die Germanen leichter christianisieren zu können.

Schließlich ist es inzwischen auch mehr als wahrscheinlich, dass nicht die Juden, sondern Pontius Pilatus Jesus´ Todesurteil gefällt hat. Ein Missverständnis, dass über Jahrtausende den christlichen Antisemitismus genährt hat.

Wenn wir das jedoch alles mal beiseite lassen, so bleibt immernoch die Substanz für eine Persönlichkeit, die als Vorbild für all jene taugen kann, die noch an Werte wie Toleranz, soziale Gerechtigkeit, Völkerverständigung und interkulturellen Austausch glauben.

Ich will eigentlich jetzt nicht besinnlich werden, aber:

Nächstenliebe, wie Jesus sie vertreten hat beschränkt sich nicht auf den engen Dunstkreis von Verwandten und Freunden, garniert mit einer gelegentlichen, steuerlich abesetzbaren Spende.

Und wer dieser Tage wieder populistisch die umgehende Ausweisung von AsylbewerberInnen ohne ausreichende Papiere fordert oder gleich komplett Panikmache mit Stereotypen (Flüchtling = Terrorgefahr) befeuert, der sollte zumindest kein "C" in seinem Parteibuch führen.

00:17 22.12.2016
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Geschrieben von

jamey

Traue nur deiner Aufmerksamkeit und verlasse dich nicht auf Erfahrungen. (schon gar nicht auf die anderer)
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