Kultur und Kapital. Eine kranke Zwangsehe

Kapitalismuskritik Eine Geschichte des Sponsorings
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Die westliche Hemisphäre blickt auf eine lange, aber deshalb nicht gute Tradition der Kulturförderung durch das Kapital zurück. Viele große Dichter, Maler, Komponisten (...) wurden von ihren konservativ-pragmatischen Eltern aufgefordert, doch erstmal "was vernünftiges" zu studieren, um nicht am Ende in brotloser Kunst zum Sozialfall zu werden. Und viele folgten - und folgen - diesem Rat.

Trotzdem landeten nicht wenige in den faltigen Armen notgeiler Witwen reicher Männer, die sich dann oft als nicht ganz so selbstlose Musen entpuppten.

Tatsächlich ist es ein Armutszeugnis der kapitalgesteuerten Gesellschaft, dass sie bis heute der Kultur und den Kulturschaffenden so wenig Wert und Freiraum schenkt. Frau Merkel hat zwar als Kanzlerin auch die Hoheit über die Kultur, verläßt aber stets eiligen Schrittes den Plenarsaal, wenn der entsprechende Punkt auf der Tagesordnung erscheint. Staat, Länder und Kommunen ziehen sich im allgemeinen Privatisierungswahn auch mehr und mehr aus der Verantwortung für eine angemessene Kulturförderung zurück. Musikschulen halten sich vermehrt mit Honorarstellen über Wasser, die vollkommen unangemessen tarifiert sind. Immerhin muss ein Musikstudent sich in einer harten Eigungnsprüfung gegen viele MitbewerberInnen durchsetzen und kann diese nur bestehen, wenn er viele Jahre außerschulisch mehrere Stunden täglich dafür opfert. Andere sammeln dagegen nur in der Oberstufe die Pünktchen für den N.C., um dann ein sattes Einstiegsgehalt und hohes gesellschaftliches Ansehen zu ernten. Allgemein sind HochschulabsolventInnen aus dem Kulturbereich diejenigen mit den niedrigsten Anfangsgehältern- und meistens bleibt das auch so.

An den besagten Musikschulen kommen dann überwiegend Kinder einkommensstarker Eltern in den Genuss der allerdings schwindenden Subventionen, bilden sich aber ein, sie würden die ärmeren Kinder mit "durchziehen".

Verkehrte Welt!

Am Ende finden wir dann mehr Ausstellungen leidlich guter Abzeichnungen von Fotos der fernen (und teuren) Reisen von Arztgattinen in den Sparkassen und Volksbanken der Republik als hochwertige Bilder derjenigen, die sich mit voller - auch wirtschaftlicher - Konsequenz ihrem künstlerischen Talent verschrieben haben.

Chefärzte und Richter, die höchstens zweimal in der Woche auf ihrem Steinway-Flügel klimpern nehmen gut ausgebildeten MusikerInnen Auftrittsmöglichkeiten, weil sie im Zweifel auch unentgeldlich auftreten (oder sogar was ´drauf legen. Man hat´s ja!).

Kulturschaffen als "Abfallprodukt" der Freizeit Betuchter.

Es macht sich eben gut, wenn man in seiner Bio auch ein paar Jahre Klavierstunden unterbringen kann. Hat man einen Doktortitel in Medizin oder Jura fragt keiner, ob man deshalb auch gut spielt.

Dem wahren Künstler, der nicht einen der wenigen Professorenplätze ergattert bleibt so nur die Wahl zwischen lebenslanger elterlicher Zuwendung (wenn diese es leisten können), Taxifahren, oder: Sponsorensuche in der Privatwirtschaft.

Nur, dass da heute nicht mehr unbedingt die reichen Witwen warten, sondern eher die cleveren Geschäftsleute, die in Stiftungen und Kulturförderung legale Steuersparmodelle vorfinden.

Ein Künstler muss dann damit klar kommen, dass der Förderer ihm das Geld zukommenläßt, dass er an anderer Stelle durch Lohndumping etc. einspart.

Und als wäre das alles nicht schon problematisch genug: Letzlich entsteht so eine gefährliche Ent-Demokratisierung der Kultur.

Wolfgang Amadeus Mozart, der um aus dem engen Salzburg wegzukommen eine gut dotierte Stelle am Hof aufgab würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er sehen würde, dass es auch im 21. Jahrhundert keine wirkliche Freiheit der Kunst für Alle gibt.

Wollen wir das? Ich nicht.

Und wie so oft kann ich auch diesen Artikel nur mit den Worten beschließen: Würde der Geldadel einen zumutbaren Teil seines unanständig hohen Vermögens der Allgmeinheit ohne Bedingungen zur Verfügung stellen, so könnte Kultur mit den Mitteln gefördert werden, die am meisten mit demokratischen Grundsätzen vereinbar sind: Mit Steuern!

11:38 16.09.2016
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Geschrieben von

jamey

Traue nur deiner Aufmerksamkeit und verlasse dich nicht auf Erfahrungen. (schon gar nicht auf die anderer)
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