"politisch korrekt"? Was die Sprache verrät

Rassismus Von "schwarzen Schafen" mit "zwei linken Händen" und anderen Diskriminierungen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Spiegel online veröffentlichte kürzlich ein Foto von Guido Cantz mit "Blackfacing" (geschwärztes Gesicht).

Zitat aus dem Kommentar: "Das ist rassistisch!"

Nun ist Cantz ohnehin auf dem schlichten Niveau seiner Anfangstage auf konservativen Kanrnevalsveranstaltungen stehen geblieben.

Auch da bediente er die bartlangen Scherze mit Klischée-Potential ("Napoli. Arm raus- Uhr weg!").

Trotzdem kann man darüber streiten, ob Blackfacing nicht erst dann zum Problem wird, wenn es entsprechend negative Vorurteile bedient. (der "dümmliche Neger", der "böse schwarze Mann" etc.)

In wenigen Wochen werden wieder unzählige Reinkarnationen des heiligen Bischof Nikolaus durch die Gemeinden pilgern.

Und wen haben sie im Schlepptau?

Einen geschichtlich nicht belegten "dunklen" Gesellen namens Knecht Ruprecht. Wie so oft in vielen Religionen wurde der Wirkung des Originals (Sankt Nikolaus gab es wirklich!) ein wenig auf die Sprünge geholfen.

Anhänger autoritärer Prügelstrafe und xenophober Angstpotenzierung (vgl. AfD etc.) erfanden den schwarzen Mann um die Züchtigung der inkompatiblen Nachkommen zumindest einmal im Jahr anonym deligieren zu können.

Das eigentliche Problem:

Ruprecht ist auch im scheinbar aufgeklärten 3. Jahrtausend immernoch mit unterwegs!

Zwar darf er aufgrund eines im Grundgesetz verankerten Rechts des Kindes auf gewaltfreie Erziehung die Rute nicht mehr körperbetont anweden, aber zumindest in rückständigeren, erzkatholischen Gegenden bleibt er felsenfester Bestandteil an der Seite seines Herrn.

Und Laiendarsteller, die es im Wortsinn "peinlich" genau nehmen verleihen ihm über Blackfacing dann noch mehr vorgetäuschte "Authentizität" (s.o.).

Unser xenophobes Erbe äußert sich aber nicht nur am 6. Dezember.

Die Sprache verrät uns.

"Schwarze Schafe", "anschwärzen", "schwarzer Peter" (inzwischen immerhin als Schornsteinfeger dargestellt)

Von der Märchenwelt bis hin zum aufwändig produzierten Fantasyfilm: In 99% der Fälle ist das Böse schwarz.

Auch andere Diskriminierungen werden weiter über entsprechende Begriffe der Alltagssprache transportiert und verfestigt:

LinkshänderInnen werden ebenso bedacht ("zwei Linke Hände", "linkisch", "link") wie andere Minderheiten. ("getürkt" hat zwar seinen Ursprung in einer Art Beta-Version des "Einarmigen Banditen" ist nichtsdestotrotz ein Begriff, dessen diskriminierende Tendenz mit Leichtigkeit durch Wörter wie "gefaked" oder "gefälscht" ersetzt werden könnten. Das betrifft übrigens auch alle anderen der aufgeführten Termini.)

Besonders problematisch ist auch eine Tendenz, historisch bedenkliche Wörter wiederzubeleben, wie es - leider nicht nur - bei den Rechtspopulisten zu beobachten ist. (ich habe in einem anderen Artikel schon darauf hingewiesen, dass "Gutmensch", "asozial", "Lügenpresse", "Jedem das Seine" zynische Begriffe des Dritten Reichs waren).

Nun werde ich hier leider Wenige dazu bekehren können, im Alltag auf gute, politisch korrekte Alternativen zurückzugreifen. Nicht einmal studierte Autoren verzichten in ihren Texten darauf. (und da rutscht es einem ja nun nicht unüberlegt heraus...)

Es ist nämlich ohnehin "en vogue", politisch unkorrekt zu sein. Dem Habitus des "Politisch-Korrektseins" haftet in unserer Zeit die Spaßbremse an. "Man wird doch wohl noch...!" Zur Not hat man es dann am Ende ja "gar nicht böse gemeint". (s. die vielen "Rückzieher" der AfD)

Und schlimmer noch: Wer auf political correctness besteht wird als Feind der freien Meinungsäußerung angesehen.

Politisch korrektem Verhalten mag in Diktaturen und anderen fragwürdigen Systemen tatsächlich etwas unehrliches und feiges anhaften. Da bedeutet "politisch korrekt sein" nämlich, dass man die verqueren Ideologien des Systems stützt.

In einer pluralistisch-demokratischen Gesellschaft, wie wir sie (noch) vorzufinden glauben bedarf es im Angesicht wachsenden Zulaufs für rechtes Gedankenschlecht und verbaler Amogläufe der Oettingers etc. zunehmend Charakterstärke, im Sinne einer weltoffenen, tolerant-liberalen Ausrichtung politisch korrekt zu bleiben.

Nachtrag:

Weitere Beispiele: "in Schwulitäten kommen", "bis zur Vergasung" (da geht es ursprünglich natürlich um eine Intensität, die zum gasförmigen Zustand führt. Trotzdem sollte man angesichts der Geschichte darauf verzichten), "jüdische Hast", (...)

All das mag im Vergleich zur Schulhofsprache der jüngeren Generation harmlos anmuten. (Da hört man schon deftigeres, wie "Du scheiß Jude!", "Du Nigger!", "Schwuchtel!", "Kanacke!" usw.)

Aber welches Recht hätten wir Älteren, die Jungen zu belehren, wenn wir nicht mit gutem Beispiel vorangingen und "traditionelle" Entgleisungen der Sprache ausmisten würden?

Zudem sollten wir uns nicht anmaßen zu glauben, dass die Betreffenden (oder besser: die Betroffenen unserer Ausrutscher) das schon nicht so eng sähen.

Ich kenne z.B. keinen dunkelhäutigen Menschen, der sich geschmeichelt fühlt, wenn man ihn "Neger" nennt, keinen Asiaten, der "Schlitzauge" als angemessen erachtet, keinen Türken, der gern "Ölauge" genannt wird und und keinen Roma, der die Bezeichnung "Zigeuner" akzeptieren würde.

Aber wie immer gilt: Ohne Begegnung kein Lerneffekt.

10:50 28.10.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

jamey

Traue nur deiner Aufmerksamkeit und verlasse dich nicht auf Erfahrungen. (schon gar nicht auf die anderer)
Avatar

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare 8

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Der Kommentar wurde versteckt
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Der Kommentar wurde versteckt
Avatar