späte "Einsichten" - wiedermal...

Aufarbeitung Das Justizministerium räumt Mitwirkung von Alt-Nazis nach `49 ein.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Mein Großvater war kein Held.

Jahrgang 1895 trieb ihn - wie viele seiner Generation - die Langeweile im Heimatort und der Irrglaube an ein männliches Abenteuer namens Krieg in die Fänge Wilhelms.

Geläutert kehrte er mit der Erkenntnis zurück, dass Kriege nichts Gutes erbringen und Soldaten weniger Wert sind als Waffen.

Neue Gewehre wurden geschont- militärisches "Frischfleisch" gab es dagegen ja genug.

Als Adolf kam rasierte sich mein Großvater als Zeichen seiner Abscheu für diesen neuen, menschenverachtenden Kriegstreiber erst einmal seinen schmalen Oberlippenbart ab.

An Nazi-Feiertagen blieb der "olle Lappen", wie meine Großmutter die Hakenkreuzfahne zu titulieren pflegte, demonstativ eingerollt und unbeachtet.

Auch weigerte sich mein Opa beharrlich, in die NSPAD einzutreten, obwohl es ihm immer wieder von Kollegen im Amt nahegelegt wurde.

Und weiter ... ?

Nein, er wanderte dafür mitnichten in´s KZ!

Sicher. Er wurde gemobbt. Man schickte ihn regelmäßig als Landvermesser in die Bremer Pampa, sodass er wochenlang von zuhause weg war.

Und nach dem Krieg..?

Da sah er angewidert zu, wie die Fähnchendreher um ihn herum schleunigst in die CDU eintraten und sich in der Kirche in der ersten Bank profilierten.

Alle zogen sie - wie selbstverständlich - auf der Karriereleiter an ihm vorbei.

Diese Missachtung nach dem Krieg war vielleicht noch verletzender für ihn.

Warum ich dies erwähne?

Weil es nicht oft genug gesagt werden kann!

MAN MUSSTE EBEN DURCHAUS NICHT MITMACHEN!

Diese erbärmliche Ausrede dürfen wir auch im Jahr 2016 niemandem durchgehen lassen.

Da können wir auch die Toten nicht ruhen lassen, die dies in unerträglicher Leier wiedergekaut haben.

Selbst ein kürzlich verstorbener Alt-Kanzler muss sich diesen Vorwurf posthum gefallen lassen.

Vielleicht bat er so eindringlich um Amnestie für "ehemalige" NSDAP-ler, weil er mit einigen kooperiert hatte.

Selbst das höchste Staatsamt wurde mit ihnen besetzt. (Carl Carstens, Walter Scheel)

Erst recht also müssen wir all die ekelhaften Opportunisten anprangern, die zum einen nichts gewusst haben wollten, zum anderen aber vorauseilend in die NSDAP eingetreten waren.

All die Speichellecker, Mitläufer, Karrieristen (...)

Auch die USA entnazifizierten schließlich "mit Augenmaß" - sprich: zu ihrem Vorteil, und alles andere als konsequent.

In Zeiten, in denen ein zweifelhafter Patriarch namens Erdogan gefühlt die gesamte Riege der Staatsdiener nach Belieben austauscht mutet es kläglich an, dass es nach `45 angeblich keine Alternative dazu gegeben hätte, als die Nazis wieder in Amt und Würden zu katapultieren.

Und das eben - ach was! - durchaus nicht nur im Justizministerium, oder - wie immerhin "schon" vor etwa 10 Jahren eingeräumt - im Auswärtigen Amt.

Justiz, Politik, Wirtschaft, Kultur, Medizin (...) wo man hinschaute tummelten sich in der neuen BRD die Alt-Nazis in der eitlen Vorstellung, dass man für unentbehrlich gehalten wurde.

Speer wurde noch regelmäßig als "Ehrengast" auf Bundeswehrbällen begrüßt.

Als Kulturschaffendem fallen mir da umgehend "Volksheld" Heinz Rühmann, Carl Orff, Bechstein, Karajan, Sikorski (...) ein.

Ich empfehle dringend die Lektüre von Ernst Klee ("Das Personenlexikon zum Dritten Reich", "Kulturlexikon zum Dritten Reich" Fischer-Verlag)

Da werden Ihnen - wie mir - so manche ehemals verehrte Namen im Hals stecken bleiben.

Und es gab eben auch die anderen...

Z.B. Dirigent Fritz Busch, der sich weigerte, respektierte jüdische Kollegen zu ersetzen.

Als Goebbels ihn kolerisch ankeifte, man könne auch Druck ausüben erwiderte er gelassen: "An einem erzwungenen Tannhäuser werden Sie wenig Freude haben!"

Busch landete ebefalls nicht im KZ. Allerdings buhten in der Folge bestellte SA-Truppen seine Aufführungen so hartnäckig aus, dass er schließlich in´s Exil ging.

Richard Strauss, der aus heutiger Sicht leider durchaus nicht immer eine rühmliche Rolle in der NS-Zeit gespielt hat weigerte sich immerhin, seine jüdische Librettistin zu entlassen.

Auch dies endete - wie wir wissen - für ihn nicht im KZ.Er starb unbescholten im Jahr des Kriegsendes.

Chopin z.B. kam nicht auf den Index, weil man wusste, dass das deutsche Volk sich diesen fabelhaften Komponisten niemals verbieten lassen würde.

Auch die Nazis schluckten durchaus gern manche Kröte, um nicht beim Bürger in Ungnade zu fallen.

Was wäre wohl passiert, wenn ein Heinz Rühmann sich - wissend um seine Popularität - gegen die neuen Machthaber aufgelehnt hätte?

Die hätten sich aller Wahrscheinlichkeit nach gut überlegt, ob sie sich mit einem Vorgehen gegen ihn nicht in´s eigene Knie schießen und die Masse gegen sich aufbringen würden.

Ja ich weiß. Jetzt wird es wieder heißen: Es redet sich leicht daher, wenn man nicht Zeitzeuge war.

Mein Großvater war immerhin schon ende 30 als man ihm den Adolf servierte, und wer kann es einem konditionierten 15-jährigen der NS-Zeit verdenken, dass er nicht erkannt hat, wem er da hinterherläuft?

KZ´s aber waren keine Sammelstelle für all die "Arier", die ab 1933 nicht mit wehenden Fahnen zur Nazi-Ideologie überliefen.

Dahin deportierte man vorwiegend Juden, Sinti&Roma, geoutete Homosexuelle, bekannte Kommunisten (...)

Und das unabhängig von ihrer Einstellung zur aktuellen Politik.

17:47 13.10.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

jamey

Traue nur deiner Aufmerksamkeit und verlasse dich nicht auf Erfahrungen. (schon gar nicht auf die anderer)
Avatar

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare 2