Toleranz - Wo sie wirklich weh tut

und... ... wo sie überflüssig, verschwendet oder gar gefährlich ist
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Ich bin Musiker.

Musik machen ist für mich kein Hobby, sondern ein elementares Bedürfnis. Zudem ist es Teil meines Broterwerbs, und somit auch dafür unabdingbar.

Da ich mir kein freistehendes Eigenheim leisten und zum Üben auch keinen separaten Probenraum anmieten kann bedeutet das aber auch: Meinen Nachbarn wird stets Toleranz abverlangt.

Denn im Gegensatz zum Radio kann man mich nicht zu Wunschzeiten an- und ausschalten, und ich spiele auch nicht immer das, was alle im Haus gern hören.

Sogar ein studierter Profi muss außerdem üben, bevor er seine Stücke konzert- oder rundfunkreif spielen kann.

Hier ist echte, da mitunter schmerzhafte Toleranz gefragt.

Zum Glück für mich ist es eine Toleranz, die der Gesetzgeber sogar festgelegt hat. Selbst der untalentierteste Hobby-Trompeter darf sein Instrument in seiner Wohnung spielen. Zumindest für eine Stunde außerhalb der gesetzlichen Ruhezeiten.

Wie ist es nun mit Homosexualität, Transsexualität, Hautfarbe, Herkunft etc.?

Ist dort Toleranz von Nöten?

Nein. Denn all das tut niemandem weh, der sein Hirn eingeschaltet und eine engstirnige, manipulative Erziehung mit primitiven Stereotypen wie: schwul gleich Kinderschänder, HartzIV gleich faul oder schwarz gleich Drogendealer überwunden hat.

Und wie ist es dann mit einem Nazi, der seine Gesinnung mit einer Hakenkreuzfahne oder dezenteren Symbolen, wie Thor Steinaer-Sweatshirt oder 1488-Code auf seinem Kennzeichen offen zur Schau stellt?

Ist da Toleranz angezeigt?

Nein. Denn er kokettiert mit einer Weltanschauung, die in Vergangenheit und Gegenwart für Menschenverachtung steht.

Und: An die fleischgewordene, diffus-irrationale Intoleranz sollten wir unsere Toleranz ohnehin nicht verschwenden.

Tatsächlich ist die bequeme "laissez-faire" Einstellung gegenüber solchen Elementen und ihren Absonderungen sogar fahrlässig.

Denn: Eltern, PädagogInnen und Meister, die es schlicht als eine pubertäre "Phase" abtun, wenn Jugendliche auf rechtsextremen Seiten surfen und sich mit gleichgeschalteten Freunden zum Hitlergruß verabreden dürfen sich nicht wundern, wenn diese - bestärkt durch die Toleranz der Gesellschaft - irgendwann einen Schritt weiter gehen und Asylunterkünfte anzünden.

"Die machen ja doch, was sie wollen!" ist immer ein ganz faules Argument.

Dass man durchaus Einfluss haben und Menschen zum Nach- und Umdenken bewegen kann zeigte kürzlich ein Beitrag im Öffentlich-rechtlichen TV.

Da berichtete ein Aussteiger, der inzwischen in Schulen über Rechtsextremismus aufklärt, dass sein heutiger Meister ihm im Vorstellungsgespräch klar und deutlich gesagt hatte: "Junge! Wenn Du bei mir anfangen willst, dann verabschiede Dich mal ganz schnell von Deiner kranken Gesinnung!"

Das tat weh und brachte ihn schließlich zur Vernunft. Und damit schließt sich der Kreis. (siehe oben)

Nachtrag:

Wenn Sie sich über Erscheinungsformen des Extremismus (nicht nur des rechten) informieren möchten empfehle ich die entsprechenden Seiten des Innenministeriums.

http://www.bmi.bund.de/DE/Themen/Sicherheit/Extremismusbekaempfung/extremismusbekaempfung_node.html

10:25 25.11.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

jamey

Traue nur deiner Aufmerksamkeit und verlasse dich nicht auf Erfahrungen. (schon gar nicht auf die anderer)
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