Alles kein Urlaub

Arbeitswelt Anette Wahl-Wachendorf ist Arbeitsmedizinerin und kennt die Herausforderungen des Home Offices
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Alles kein Urlaub
Die Büros bleiben in der Corona-Krise oftmals leer. Wer kann, arbeitet im Homeoffice

Foto: Ina Fassbender/AFP via Getty Images

Jan C. Behmann: Sie sind Vizepräsidentin des Berufsverbands deutscher Betriebs- und Werksärzte. Erklären Sie uns kurz, was eine Betriebsärztin macht?
Dr. Anette Wahl-Wachendorf
: Unternehmen und deren Beschäftigte zu allen Fragen des Gesundheits- und Arbeitsschutzes beraten und ärztlich untersuchen. Beispiel: Gefährdungen wie Lärm oder chemische Stoffe mit denen gearbeitet wird bewerten, Schutzmaßnahmen oder Ersatzstoffe empfehlen.

In den Firmen herrscht Leerstand. Alle sind im Home Office. Wo ist der Unterschied zwischen Home Office und so genannter Telearbeit?
Home Office heißt "Büro" zu Hause, Telearbeit bedeutet, dass der Beschäftigte elektronisch mit seinem Arbeitgeber verbunden ist. Das kann auch z.B. in der Bahn der Fall sein.

Ein Urlaub ist das nicht, oder?
Nein, es ist Arbeit und durch die schwierigere Abgrenzung und Entgrenzung nicht nur und für jeden von Vorteil.

Agenda vonnöten

Wir sind in einem Ausnahmezustand. Aber auch der wird sich eventuell in eine zwischenzeitliche Routine verändern. Was gilt es denn dann für die Arbeit von zuhause zu beachten?
Abgrenzung ist wichtig, sich täglich Arbeiten vornehmen, Pausen machen und nicht zu lange arbeiten.

Wo sehen Sie Risiken in diesem prolongierten Home Office?
Fehlender Kontakt zum Vorgesetzten und Kollegen ist auf Dauer nicht einfach, es birgt Missverständnisse. Für Konfliktgespräche ist die fehlende persönliche Nähe eine Herausforderung .

Sie haben zehn Hinweise zur aktuellen Situation im Home Office herausgegeben. Welche sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten?
Am wichtigsten ist der regelmäßige und geplante Kontakt zu den Kollegen und sich in den Pausen zu bewegen.

Covid-19 als Katalysator

Im Arbeitsschutzgesetz wird gefordert, die psychischen Belastungen auch zu beurteilen. Was wird die Psyche der Arbeitnehmenden am meisten belasten?
Das ist unterschiedlich, es hängt vom Arbeitsplatz ab. Ob ich befristet beschäftigt bin oder unbefristet und in einem gesicherten Beschäftigungsverhältnis und einer eher krisensicheren Branche. Es hängt von der persönlichen Lebenssituation ab, d.h. ob ich z.B. Alleinverdiener mit Kindern bin. Die Persönlichkeit ist wesentlich. Bin ich ein eher ängstlicher Mensch, ist die aktuelle Situation für mich schwieriger zu bewältigen als für einen Menschen, der risikofreudig ist.

Wie geht es Ihnen selbst im Home Office?
Mir geht es gut. Ich bin nur selten im Home Office. Der Ausgleich durch Radfahren tut mir sehr gut.

Wird Covid-19 zu einem Digitalisierungskatalysator?
Ja, das sehe ich eindeutig so.

Wie stehen Sie zu einem digitalen Kaffeeklatsch?
Eine gute Idee. Kommunikation ist gerade jetzt unverzichtbar. Ich selbst bin täglich in Telefonkonferenzen oder Videokonferenzen - unverzichtbar für das Vorankommen!

Dr. med. Anette Wahl-Wachendorf ist Vizepräsidentin des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) in Berlin. Hauptberuflich ist sie die ärztliche Leiterin des Arbeitsmedizinischen Dienstes der BG Bau.

Informationen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), dem Spitzenverband der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen, zur Pandemieplanung in Unternehmen.

18:30 15.04.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare