Brief an eine Helikoptermutter

Erziehung Katharina Schmitz schreibt in ihrer Kolumne über die Niederungen des Elternseins. Der freie Autor Jan C. Behmann schreibt ihr nun aus dem Supermarkt
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Liebe Katharina,

ich spreche dir erst einmal ab, eine Helikoptermutter zu sein. Allein schon aus Höflichkeit kann ich nicht annehmen, dass du eine vergleichbare Art an den Tag legst, wie diese SUV-fahrenden Furien mit dickgoldenem Ehering nebst Markenhandtasche. Ich weiß, wovon ich spreche, ich lebe in einer Stadt, deren vornehmere Viertel überwiegend aus diesen Furien bestehen. Am liebsten würden sie mit dem SUV die Mauer des Schulgebäudes durchbrechen und bis in das Klassenzimmer fahren. Wenigstens das, wenn Vati schon nicht genug Kohle reinbringt, dass es nicht für eine Privatschule reicht. Doch diese Menschen sind nicht unser Problem, sie sind auch keine wirklich breite Masse. Sie nerven, sind das Urmeter der Borniertheit, sie ziehen selbstverliebte Erfolgsmenschen wie eine Baumschule hoch. Die Probleme fangen bei den Eltern an, die ihrem zweijährigen Kind ein Smartphone in die Hand drücken und meinen, das sei Erziehung.

Immer wenn ich mit einem Text nicht weiterkomme, gehe ich raus. Meistens in einen Supermarkt, oft in den, wo nicht alles super ist. Zumindest nicht mit den Lebensverhältnissen der Menschen, die sich da den Wagen vollschütten. Meist gestresst, die Widrigkeiten des Lebens zerfressen sie. Oft kaufen sie den wirklich billigsten Kram, den man selbst bei aller Liebe, selber nicht kaufen würde.

Der Supermarkt als Gesellschaftsfolie

Ich schiebe also behände meinen Wagen durch den Discounter, der nicht mehr aussieht wie ein Discounter, als ich Kind war. Die Präsentation der Waren hat sich vielleicht geändert, aber die prekären Verhältnisse nicht. Die Menschen haben wenig Geld, es muss viel für wenig Kohle sein. Und so sieht das dann auch aus, was da im Wagen liegt. Die Paarung von wenig Geld und Unwissenheit über Ernährung, eint das Ganze zum einkaufstechnischen Super-Gau. Harald Welzer sagte einmal, pro S-Bahnstation, die man ein hochindustrialisiertes Ballungsgebiet verließe, sinke die Lebenserwartung. Diese Inseln der ernährungsbedingt reduzierten Lebenserwartung, findet man auch hier. Wenn Schmelzkäse zu einem schmackigen Abendmahl wird, und die Fettwerte, von deren Existenz die betreffenden Personen noch nie etwas gehört haben, tanzen Frühtodpogo.

Zurück zu meinem Einkaufswagen, den ich durch #unten schiebe. Ich schlängele mich durch Wagen voll von Ernährungssünden. Sünden, die man gerne begehen darf, aber man sollte wissen, dass es eine Schmach seiner Gesundheit gegenüber ist. Man sollte sich bewusst für etwas anderes entscheiden können, weil man es kennt und -noch wichtiger- es sich leisten kann.
Eine ehemalige Bekannte von mir verlautbarte mal in einem Ton einer bornierten Göre, sie esse ja nur Fleisch von Biobauern. Klar, Vater Architekt, Mutter Anwältin - da war immer die breite Mark da. Die Sichtweise, dass Menschen eben billiges Fleisch kaufen, weil sie die verdammte Kohle nicht haben, kam ihr gar nicht in den Sinn.

"Der Kuchen muss so sein..."

Illustriert hat dieses der oft gescholtene Film „Ziemlich beste Freunde“. Der schwarze Driss aus einem Banlieu aus der Pariser Vorstadt, kommt durch eine Maßnahme des Arbeitsamtes als Krankenpfleger zum gelähmten Philippe. Durch einen Unfall erlitt der Erbe einer Champagnerdynastie eine Verletzung des Rückenmarks, die ihn nur noch mit dem Kopf empfinden lässt. Alle Klischees sind im Plot des Films fein gezeichnet (welcher auf einer wahren Begebenheit beruht), eines aber ist besonders sinnbildlich: Driss und Philippe sitzen nachts in einem Café, bestellen Schokokuchen. Driss beschwert sich über die Qualität des Kuchens, weil er innen ganz weich sei. Der Kellner klärt ihn verwundert auf, dass diese Kuchen so sein müssten. Die nicht verbalisierte Antwort ist, dass Driss nur die vertrockneten Vor-Ort-Imitate aus dem Discounter kannte.

„Jetzt lass mich doch mal mitlachen“, raunzt eine Mutter ihre Kinder an, so in Höhe des Gemüses. Ein anderes Kind singt schief, die Mutter ist genervt, ich lobe das Kind und ermuntere es, kreativ weiter zu singen. Die Erwachsenen hätten schließlich eh´ wenig Ahnung. Daraufhin keift mich die zugehörige Mutter an, ich solle dem Kind nicht so Flausen in den Kopf setzen. Deine Mutter ist eindeutig erwachsen, lasse ich dem Kind da, mit der Gewissheit, welchen Lebensweg es erleben werden muss. Sauer ist die Mutter nicht, die Rechenleistung für die Pointe bleibt ihr verwehrt, leider.

Kevin, Justin oder Erfolg

Schafft es ein Kevin in den Bundestag, fragte ein SPD-Kandidat zur letzten Bundestagswahl. Schaffte er nicht,;das lag aber mehr an der SPD allgemein als an Kevin. Dennoch: Ob man Justin oder Justus heißt, wie kürzlich auf Facebook angeblich stand, ist ein Unterschied. Ob du ein „s“ sprechen kannst oder alles in einen Brei von „sch“-Lauten endet. Es brandmarkt dich. And so you are away from the window.

„Heute ist doch der 18.?“, kreischt die nächste Mutter, adipös für drei, ihrer ebenso gut beleibten Freundin übers Obst zu. „Neeee, der 16.“, die Antwort. „Egal, der will jetzt schon nen´ Weihnachtskalendar. Der spinnt doch!“, die Erklärung für die eigene Datumsunsicherheit. Alles neben dem Kind, und es versteht es. Das Leben als Kette von Enttäuschungen, als eine Abfolge von immer wiederkehrender fehlender Wertschätzung. Man sieht den Lebensweg der Kinder vorgezeichnet, die Möglichkeit daraus ist so deutlich wieder von Milchglas verschlossen, dass es schmerzt.
In meiner Firma machte mal ein Schüler ein Praktikum. Auf die Frage an seinen besuchenden Lehrer, welche Perspektive der leicht lernschwache Schüler habe, lautete die Antwort: Natürlich keine! -- Achso.

Funktioniert Sozialisationstausch?

Das schmerzt so sehr. Denn, ist das ganze doch nur abhängig davon, woher du kommst, wer dich wie und wo sozialisiert? 1983 ging dieser Frage die Komödie „Die Glücksritter“ in ernsterer Weise nach, als es die Kinobesucher dachten. Dan Akroyd spielt einen erfolgreichen Firmenchef aus gutem Hause, Eddie Murphy den Obdachlosen aus katastrophalen Familienverhältnissen. Die niederträchtigen Inhaber der Firma, deren Firma Akroyd leitet, wetten um einen müden Dollar, dass es nur an der Herkunft liegt, aus wem etwas wird. Sie lassen Akroyd durch einen fingierten Diebstahl aus der hohen Kaste in die Gosse fallen und holen Murphy, den ihrerseits titulierten „Neger“, in den Maßanzug. Rollentausch, der zumindest im Film, funktioniert und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass man mit frühkindlichem Sozialisationstausch sicher Lebenswege diametral ändern könnte.

Die Eltern von Justin und Justus einfach tauschen, was würde passieren? Ganz besonders wächst dieser Wunsch, wenn man die schlechte Erziehung sieht und demgegenüber die bedeutungssatten Kinder von gut situierten Eltern, deren Hauptaugenmerk der Skikurs ist. Sie sind es, die sportlich und dabei gesund gesättigt mit festem Knochenwerk in die Welt rülpsen, man müsse sich doch nur anstrengen, nur mal „richtig Gas geben“, um endlich zu performen. Das sie selbst genau diese Performance niemals erbringen mussten und müssen, ist ihnen gar nicht klar. Sie wurden performiert. Natürlich auch gedrillt, vielleicht auch verletzt. Aber der Charme des Minimalimus, lässt sich nicht auf prekäre Lebensverhältnisse umdeuten. Keine Kohle, keine Bildung, scheiß Umfeld ist nie geil, weil eben kein Lagerfeuerausflug ins Grüne.

Sage mir, liebe Katharina, wenn du eine Helikoptermutter bist, was sind dann diese anderen Eltern, die oft selbst mehr als unmündige Kinder wirken? Sind sie Quax, die Bruchpiloten?

Herzlich grüßt,
Jan

18:53 16.11.2018
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