"Bundespräsidentin? Nix für mich"

Interview Kurz vor dem Ruhestand wurde Brigitte Zypries als erste Frau Bundeswirtschaftsministerin. Mehr Führungsfrauen könnten nie schaden, sagt sie – auch in den Medien
"Bundespräsidentin? Nix für mich"
„Ich tauge nicht zum Entenfüttern oder zur Seidenmalerei.“

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Warum verändert das Amt immer mehr den Menschen als der Mensch das Amt?

Brigitte Zypries: Ich glaube, das liegt daran, dass der Apparat doch sehr starr ist und man in ein bestimmtes Korsett gezwängt ist. Und oft gibt es ja auch Gründe, die über das “ Das haben wir schon immer so gemacht“ hinausgehen. Für mich gab es allerdings immer ein Ansporn, zu sagen: "Ich mache das jetzt aber anders!"

Brigitte Zypries wurde 1953 in Kassel geboren und studierte in Gießen – übrigens zusammen mit Frank-Walter Steinmeier in einer WG lebend – Jura. Zunächst Referentin beim hessischen Ministerpräsidenten Holger Börner und am Bundesverfassungsgericht kam sie zu Gerhard Schröder nach Hannover. 1991 trat sie in die SPD ein. Sie war von 2002-2009 Bundesjustizministerin und von 2017-2018 erste Bundeswirtschaftsministerin. 2017 schied sie aus dem Bundestag aus und mit Abgabe des Ministeriums wechselt sie in den Ruhestand. Zypries lebt in Berlin und Darmstadt

Wie hat das Amt Sie verändert?

Das Amt als Bundeswirtschaftsministerin hat mich nicht mehr sehr verändert. Der wahre Veränderungsprozess war in meiner Zeit als Bundesjustizministerin. Ich wurde sehr viel effizienter und kürzer angebunden – was manchmal auf andere ruppig wirkt.

Haben Sie dabei jemanden verletzt?

Nie absichtlich. Aber ich befürchte, in der Termindichte und Hektik eines Bundesministeramtes merkt man das häufig leider auch gar nicht mehr. Da eilt man hin- und her, von einem Termin zum nächsten – wie eine Zahnärztin zwischen zwei Besprechungsräumen.

Entschuldigen Sie sich dann?

Ja natürlich, wenn ich es merke oder sich jemand beschwert. Ich glaube, mit mir kann man immer sehr offen reden. Wenn möglich bringe ich auch kleine Geschenke für mein Team von Auslandsreisen mit. Ich hoffe und glaube, sie sehen mir einiges nach.

Warum keine Zigarette mehr zum Kaffeegespräch?

Das Rauchen tut mir nicht gut, und ich habe es trotzdem lange Zeit gemacht. Seit 2017 bin ich Nichtraucherin.

Herzlichen Glückwunsch!

Es geht ganz gut – noch. Es ist nicht das erste Mal, dass ich aufhöre. (lacht)

Peer Steinbrück brach sich die Nägel an der Panzerlimousine ab ...

Nicht mein Thema, ich habe keine gepanzerte Limousine und keine langen Fingernägel!

Dennoch, welche Privilegien werden Sie vermissen?

Mit einem Dienstwagen als quasi voll ausgestattetes Büro auf Rädern unterwegs sein zu können, ist ein Privileg und erleichtert vieles. Das wesentlichste Privileg aber ist, dass man als Ministerin jederzeit den Dialog mit den Menschen herstellen und sich so informieren kann, um dann Maßnahmen anzustoßen. Das Ministerium organisiert diese Gesprächsformate oder Projekte, und daraus ergeben sich in vielen Fällen dauerhafte Verbesserungen. Das ist das Wesentlichste, das ich vermissen werde.

Wie bodenständig sieht ihr Alltag aus?

Sehr. Ich gehe einkaufen, mit meinem Rucksack auf dem Rücken, fahre mit der S-Bahn und erledige die Dinge, wie andere eben auch.

Ist Ihnen wichtig, so bodenständig geblieben zu sein?

Ja.

Haben Sie Angriffe im Alltag erlebt?

Nein, über all die Jahre nicht. Es kommt ab und an mal vor, dass jemand sagt, wie blöd er eine gewisse politische Entscheidung findet, aber nie tätliche Angriffe. Mit Kritik muss eine Politikerin schon umgehen können.

Gregor Gysi erzählt von tätlichen Angriffen auf ihn. Das stelle ich mir beängstigend vor.

Ja, das stimmt, aber ich kann nicht beurteilen, was da passiert ist.

Wie gehen Sie mit Hatespeech um?

Ich lösche solche Einträge aus meiner Timeline und blockiere die Absender – fertig.

Claudia Roth sagte mal, ihr Büro würde die Nachrichten filtern.

Ich führe meine Accounts in den sozialen Medien selber. Ich weiß gar nicht, ob meine Mitarbeiter mitlesen. (Schaut ihre Pressereferentin an, die sagt, dass bei strafrechtlich relevanten Themen reagiert würde)

Nehmen Sie die digitalen Angriffe persönlich?

Nein, das tue ich nicht. Das hat keinen Sinn.

Es gäbe keine falschen Entscheidungen, schreiben Sie in Ihrem Brief an junge Juristen (C.H. Beck). Im Restaurant zweifle ich regelmäßig daran.

Am Anfang einer Karriere und bei der Frage, für welchen juristischen Beruf man sich entscheidet, gibt es keine falschen Entscheidungen. Hier sollte man einfach mal machen und starten. In Restaurants hingegen durchaus (lacht).

Sie holten Ihren Studienkollegen Frank-Walter Steinmeier zu Gerhard Schröder nach Hannover. Jetzt dreht Steinmeier seine berufliche Schlussrunde in Bellevue. Wäre das auch für Sie noch eine Option?

Bundespräsident?

Bundespräsidentin!

Nein, das wär nix für mich gewesen. Das ist ja ein sehr repräsentatives Amt. Das bin ich nicht.

Als erste Frau führen Sie das Bundeswirtschaftsministerium. Gibt es einen Unterschied zum Bundesjustizministerium?

Es gibt einen erheblichen Unterschied. Das Justizministerium ist vor allem ein "Gesetzgebungsministerium", während es im Wirtschaftsministerium nur in einzelnen Politikbereichen Gesetzgebung gibt. Hier steht eher der Austausch mit der Wirtschaft im Vordergrund. Man ist Fürsprecher für unsere Unternehmen und ihre Beschäftigten. Es finden viele Gespräche und Besuche mit Firmen und Verbänden statt. Mir liegt hier zum Beispiel vor allem die Startup-Szene am Herzen.

Warum traten Sie als Bundestagsabgeordnete nicht mehr an?

Für mich war es genug. Ich finde es gut, wenn man selbstbestimmt abtritt.

Sie bezeichnen Gerhard Schröder als einen Mentor. Wie finden Sie seine Haltung als Elder Statesman?

Ich würde vieles nicht so machen wie er. Nichtsdestotrotz war er für meine berufliche Karriere eine sehr wichtige Person. Ohne ihn wäre ich nicht hier. Und er war ein prima Chef. Er stärkte einem den Rücken und ließ Entscheidungsfreiräume. Er sagte aber auch: „Mach, aber mach keine Fehler!“ (lacht) Und doch stand er bei Fehlern hinter einem.

Im Kabinett Schröder trafen sich die weiblichen Kabinettsmitglieder zum gemeinsamen Frühstück. Im Kabinett selber soll es durchaus sehr testosterongesteuert zugegangen sein?

Das stimmt. Denken Sie an Schröder, Schily und Fischer zusammen. Da ist natürlich viel Testosteron im Raum. Wir Frauen mussten uns da schon der gegenseitigen Solidarität und Unterstützung versichern.

"Frauen und Gedöns" wäre so heute nicht mehr möglich?

Diese Zeit ist vorbei, zum Glück hat sich in der Republik insgesamt in den letzten 20 Jahren viel geändert.

Jakob Augstein sagte, wenn die GroKo käme, könnten wir die SPD einsargen. Was schlagen Sie vor, Feuer- oder Seebestattung?

Weder noch, die SPD ist eine starke Partei mit vielen guten Lösungen für die Probleme der Menschen. Ihre soziale Stimme im GroKo-Duett ist sehr wichtig. Ich glaube auch, dass Neuwahlen die falschen Parteien stärken würden.

Wo und wie wollen Sie nach dem Ausscheiden aus dem politischen Berlin leben?

In Berlin und in Darmstadt, meinem bisherigen Wahlkreis. Dort bin ich quasi seit meiner Geburt unterwegs.

Reden wir über Geld. Müssen Sie noch arbeiten?

Ich kann das gar nicht sagen, da ich noch keinen Rentenbescheid habe.

Er eigne sich in seinem Alter noch nicht zum Rentner, so Schröder 2006. Sind Sie rentnerinnengeeignet?

Ich tauge jedenfalls nicht zum Entenfüttern oder zur Seidenmalerei.

Zu was taugen Sie?

Auf alle Fälle zum Ehrenamt – was ja auch viele Rentnerinnen und Rentner machen. Vielleicht bin ich so gesehen dann doch rentnerinnengeeignet.

Sie waren im Studium journalistisch tätig. Wie wäre es mit Herausgeberrat der ZEIT?

Die ZEIT hat mich bisher nicht angerufen (lacht). Mehr Führungsfrauen können nie schaden, das gilt auch in der Medien- und Verlagsbranche.

Nehmen sich Frauen zu wenig das Recht heraus, dass Gremien mindestens paritätisch besetzt sind?

Definitiv ist da viel Luft nach oben. Es ist aber in der Regel schon besser geworden, in der Politik sowieso. Es hat mich gefreut, dass der Bundesverband Deutsche Startups, dem man auch nicht eine Übermenge an Frauen nachsagen kann, den Beschluss gefasst hat, an keinem "men-only"-Podium mehr teilzunehmen. Das ist eben auch für Männer ein Statement und ein gutes Signal. Davon brauchen wir mehr! Die gute Vernetzung von Frauen alleine reicht meines Erachtens nicht.

Welche Job-Vorstellungen haben Sie?

Zum einen kann ich mir sehr gut vorstellen, mich ehrenamtlich zu engagieren. Zum anderen interessieren mich Startups sehr, also alles rund um Neue Medien, Neue Technologien und ihre Rezeption.

Reden wir über das Leben. Was bedeutet der Tod für Sie?

(schweigt) Das Ende meines Lebens?

Dazu gibt es unterschiedliche Auffassungen.

(lacht)

Gerhard Schröder sagt, er sei gut im Verdrängen seines Lebensendes.

Ich nicht, ich habe mich viel mit dem Sterben und dem Thema Tod beschäftigt. Auch, weil im Freundeskreis Menschen starben. Als Justizministerin habe ich die Patientenverfügung auf den Weg gebracht und mich intensiv mit dem Thema Organspende beschäftigt.

(Da wir über das Ende reden, erinnert die Pressereferentin, dass das Ende des Gesprächs naht, denn ein Videostatement pressiere.)

Auch Alleinstehende haben ein Privatleben, schrieb zu Weihnachten die ZEIT. Was entgegnen Sie Menschen auf Fragen zu Ihrem Privatleben?

(denkt nach) Zum einen: Geht Sie das nix an und zum andern: Ich lebe gut. Das wars. Ich habe heute Morgen erst darüber gelesen, wie viele Single-Haushalte es gibt und dass in Großbritannien ein Ministerium für Einsamkeit gegründet wird. Es gibt aber einen Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit. Ich bin nicht einsam.

Ein Buchtipp zum Schluss, bitte!

Es gibt ein Buch, das ich uneingeschränkt empfehlen kann: Die Stadt der Diebe von David Benioff (Blessing). Darüber habe ich eine Rezension in der FAZ geschrieben. Zuletzt gelesen habe ich Tyll von Daniel Kehlmann (Rowohlt). Kehlmann schreibt sehr gut, allerdings hätte ich gerne mehr über Till Eulenspiegel erfahren.

11:35 06.04.2018

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