Der Bayer-Olymp

Schriftsteller Thommie Bayer schreibt seit Jahrzehnten erfolgreiche Romane. Mitspielen im Olymp, meint er, darf er dennoch nicht
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Der Bayer-Olymp

Foto: Peter von Felbert/Piper Verlag

Wie ein Uhrwerk legt Bayer alle zwei Jahre einen Roman bei Piper vor. Man findet ihn auf dem Literaturtisch, aber es scheint so, als wenn ihn die Kultur trotz guter Verkaufszahlen nicht wirklich umarmt. Zeit mit dem ausgewiesenen Genussmenschen Bayer zu sprechen. Bayers sonore Stimme spült wie ein warmer Cappuccino durch die Leitung. Er raucht unablässig und am Ende des Telefonats möchte man sagen: Legen Sie doch noch nicht auf.

Herr Bayer, warum schreiben Sie so gute Bücher?
(lacht) Ja, danke, nächste Frage. Das weiß kein Mensch, aber ich schreibe eben die, die ich schreibe. Wenn Sie das gut finden, freue ich mich.

Sie werden für das typische Bayer-Genre nie einen der begehrten Buchpreise erhalten. Über wen sagt das mehr aus?
Ich nehme an, dass das freundliche und glückliche, was in meinen Büchern eben auch seinen Platz findet, Germanisten befremdet. Vielleicht, weil man ihnen gesagt hat, so Texte seien der Seichtigkeit verdächtig. Ich lande zwischen literarischem Anspruch und Unterhaltungswillen. Ich gebe meiner Leserschaft das, was ich will.

Was bedeutet Scheitern für Sie?
Wenn ich meine Leserschaft verlieren würde, weil sie mit meinen Texten nicht mehr zufrieden wären, dann sähe ich mich als gescheitert an.

Das Schreiben ist in Ihrem Berufsleben die zweite Chance gewesen. Warum?
In meinem ersten Berufsleben als Musiker bin ich gescheitert, ja. Ich verlor meinen Plattenvertrag, es gab keine Auftritte mehr. Das war ein richtiges Scheitern und die Zeit war vorbei. Das Publikum hatte mir gekündigt.

Gelang Ihnen Ihr schriftstellerischer Durchbruch deshalb, weil er alternativlos war?
Ich hatte einfach noch mal Glück.

"Ich bin ein Mensch, der einfach macht"

Wie kam Ihr erstes Manuskript zum Verlag?
Ein von mir bewunderter Freund, gab mir den Tipp, mein erstes Manuskript zu Rowohlt zu schicken. Ich hörte ein Jahr lang nichts und hatte innerlich schon aufgegeben. Dann rief ein Lektor an, ein Assistent habe ihm das Manuskript auf den Tisch gelegt und er würde das gerne machen. Das war wieder großes Glück.

In den sozialen Netzwerken wird viel Gewese gemacht, wie man Schriftsteller wird. Ist Schreiben nicht einfach Kunst und daher frei von Tipps?
Ich bin ein Mensch, der einfach macht. Das war in der Musik, Malerei und beim Schreiben der Fall. Ich bin ein klassischer Autodidakt. Das sollte man aber nicht verallgemeinern.

"Meine Frau ist meine Muse"

Was motiviert Sie zum Schreiben?
Mein Charakter setzt sich viel mit Innenleben und Phantasie auseinander. Das Schreiben hilft mir, mehr als mein eigenes Leben zu leben. Durch das Schreiben komme ich in Ecken, die ich sonst nie erreichen würde. Natürlich motiviert mich aber auch die Komplizenschaft der Leser.

Haben Sie eine Schreibroutine?
Ja, was die Zeit angeht schon. Ab elf sitze ich am Schreibtisch und versuche voranzukommen. Wenn nicht, dann eben nicht. Wenn, dann schreibe ich bis halb zwei, esse etwas, schlafe und von vier bis sieben schreibe ich weiter. Wenn es nicht gut geht, vergeht der Tag mit Einkäufen, Facebook und Ballerspielen.

Wo schreiben Sie?
Nur zuhause am Schreibtisch. Unterwegs kann ich redigieren und gegenlesen. Ich bin sonst zu sehr von außen abgelenkt. Zuhause ist alles so, wie es sein soll, und daher ist das der einzige Ort, an dem ich meine Texte erfinde.

Schreiben Sie gerne?
Ja, schon, aber im Alter fange ich mehr an zu stöhnen. Früher war es mehr Trab, heute eher Stampfen.

"Ich nehme nicht alles an"

Womit schreiben Sie?
Am PC. Mein erstes Buch schrieb ich per Hand. Als ich dann während meines zweiten Buches auf einen Atari wechselte, floss es viel schneller.

Kennen Sie Schreibblockaden?
Ja, dieses elende Gefühl, alles sei vorbei und einem fiele nichts mehr ein. Einmal rettete mich die Situation selbst: Ich dachte, wie wäre es, wenn ich im Lotto gewinne. Daraus entstand dann ein Roman. Ansonsten muss man diese Phasen durchwaten.

Gerieren Sie sich als Autor mit Notizblock und Co.?
Gar nicht. Für mich ist das ein-sich-Einlassen beim Schreiben.

Wobei hilft Ihnen ihr Lektor Thomas Tebbe?
Wenn ich das Rohmanuskript so oft überarbeitet habe, dass ich es ihm übergeben kann, macht er immer zwei Durchgänge: er liest es einmal durch wie ein Leser und macht dramaturgische Anmerkungen. Nachdem ich es dann überarbeitet habe, liest er es erneut und geht an die sprachlichen Sachen. Da diskutieren wir dann oft heftig und ich nehme nicht alles an. Dennoch bin ich dankbar für diese Denkanstöße.

Ihre Bücher sind Ihrer Frau gewidmet. Was bedeutet sie für Ihr Werk?
Sie ist wirklich meine Muse. Erst als ich mit ihr zusammengekommen bin, begann ich zu schreiben. Sie hat das immer ohne großes Theater unterstützt. Mit ihr betrat ich eine andere Welt. Sie ist die erste Partnerin, für die Kunst nichts Absurdes ist. Das ist es nämlich für die meisten Menschen. Wenn es dann erfolgreich ist, ist es ok, aber dennoch absurd. Für meine Frau ist Kunst selbstverständlich. Und, sie trägt mit, dass ich Liebesgeschichten schreibe. Die Partner leiden oft unter Eifersucht, weil sie denken, es seien verdeckte Wünsche des schreibenden Partners. Ich habe das Gefühl, dass wir daher in Deutschland wenig gute Liebesgeschichten haben.

"Kunst ist für die meisten absurd"

Was stärkt eine Geschichte mehr: Die Dinge, die passieren oder die wider Erwarten ausbleiben?
Es ist beides, ich könnte mich für keines ausschließlich entscheiden. Beim Schreiben bin ich auch ein erwartungsvoller Leser. Ich weiß eben nicht, wie es verläuft, sondern ich suche in den Situationen nach deren Weitergang.

Beim Inneren Ausland lassen sie keine erwartbare Beziehung und keinen billigen Krach geschehen.
Ja, ich wollte auf keinen Fall die Klischees abgrasen. Es ging um den Gedanken, dass Blut dicker als Wasser ist und die beiden sich kennenlernen. Alles dramatische liegt in den Rückblenden. Ich lasse meine Figuren still leiden und bleibe so näher an der Realität. Keine fliegenden Kaffeetassen, kein Gebrüll.

Mein Buchhändler belächelte mich, als ich ihm mein Exemplar von Das innere Ausland zeigte. Es wird Ihnen eine Seichtigkeit unterstellt. Warum?
Das ist vollkommen falsch und ungerecht. Sie verwechseln die Menschenfreundlichkeit in meinen Büchern mit einer Defintion von Kitsch, die sie mal irgendwo gelernt haben. Literatur ist für sie nur mit Verstörung und Verletzung möglich. Es ist einfach mein Charakter: ich lande immer zwischen den Stühlen. Auch schon als Liedermacher und auch als Maler. Ich male anspruchsvoll, aber dekorativ. Und das ist dann für die Leute das Indiz, dass es keine Kunst ist. Kunst müsse aufwühlen und attakieren. Ich muss niemanden attakieren.

Martin Suter wird für seine angeblichen „Tutti-Frutti-Thriller“ kritisiert, er ist aber sehr auflagenstark. Was bedeutet Ihnen die Auflage im Vergleich zum Renommée als literarischer Schriftsteller?
Ich bin froh, dass ich so viele Leser habe, dass der Verlag mir nicht die kalte Schulter zeigt und die Leser mir von Buch zu Buch folgen. Dieser Wunsch, von der Literaturclique in den Olymp gelassen zu werden, ist kindisch. Ich versuche den seit Jahren loszuwerden, und irgendwann werde ich es schaffen.

"Warum darf ich nicht mitmachen?"

Tut das weh, nicht in den Olymp gelassen zu werden?
Ich frage mich eben, warum andere da mitmachen dürfen, und ich nicht. Habe ich einen anderen Stallgeruch? An objektiven Kriterien kann ich es nicht festmachen. Es ist wahrscheinlich Zufall. Zudem startete ich als Taschenbuchautor, damit war die Wahrnehmung durch das Feuilleton eigentlich ausgeschlossen. Ich habe aber den besseren Teil der Branche erwischt. Ich bin zwar kein Martin Suter, aber die Auflagen sind so, dass die Ermutigungen da sind, weiterzumachen.

Nichts gegen Robert Menasse, aber die ekstatischen Reaktionen auf seinen Europa-Roman fand ich dann 2017 etwas übertrieben.
Man kann hoffen auf der sicheren Seite zu sein, wenn man das angesagte und geforderte liefert. Und der Hauptstadtroman war etwas, was die Branche sich wünschte. Es gibt viele solche Bücher, die in den Zeitgeist passen. Das passt aber nicht zu meinem Freiheitsgefühl. Ich habe so lange mit meinem Familienroman gewartet, bis er aus der Mode war. Alles andere wäre Mitläufertum gewesen.

Lesen Sie selber gern?
Ja, aber zeitweise weniger. Der Winter ist vorbei, da bleibt der Fernseher aus und ich lese wieder. Früher waren es sechzig bis achtzig Bücher im Jahr, heute vielleicht dreißig.

Ebook oder echtes Buch?
Lieber als echtes Buch, wobei das Ebook eine gute Notlösung für unterwegs ist. Man ist im echten Buch auf der Seite einfach orientierter.

Sie sagten einmal, Ihnen gingen die Motive von Buch zu Buch aus. Wie entsteht ein Romankonzept bei Ihnen?
Es ist oft gar kein Konzept. Es gibt eine Figur oder eine Idee, und dann taste ich mich vorwärts. Dann bekommen die Figuren Kraft und reißen mich mit. Bei meinem Roman Aquarium hatte ich ein Exposé, weil es ein Drehbuch werden sollte. An diesem Exposé konnte ich mich entlangschreiben, das ist bei meinen anderen Büchern aber nicht so. In der Regel beginnt die Geschichte dann, wenn für die Figuren eine Änderung in ihrem Leben eintritt und sie sich selbst neu kennenlernen müssen.

"Böse Menschen, rühre ich nicht an"

Haben Sie unvollendete Manuskripte?
Nein, das hatte ich zweimal, aber mit einem gewissen Abstand konnte ich die Rohlinge dann doch verwenden. Das sind dann so sechzig bis achtzig Seiten, denn das ist die Grenze, an der ich weiterschreibe oder aufhöre. Bei einem Text merkte ich, dass es kein Ich-Erzähler sein kann, und setzte es in die dritte Person. Dann funktionierte es.

Wann geben Sie einen neuen Text Ihrer Frau?
Nach sechzig bis achzig Seiten, und hoffe auf Ermutigung. Dann aber erstmal niemanden mehr. Als ich aber bei Das innere Ausland festhing, gab ich es einem befreundeten Krimi-Autor aus der Nachbarschaft. Wenn es dann fertig ist, liest es wieder meine Frau und dann mein Lektor.

Welche Themen halten Sie für sich als literarisch ungeeignet?
Gewalt und Herzenskälte möchte ich nicht in meinen Romanen umsetzen. Das schaffe ich nicht. Menschen, die das Böse für mich verkörpern, rühre ich nicht an.

Wie lange brauchen Sie für ein Buch?
Ich brauche für die Rohfassung sechs bis sieben Monate, und nochmal vier bis fünf Monate für die Überarbeitung. Inzwischen werden die Zeiten etwas länger, wie mir scheint.

Haben Ihre Bücher natürliche Längen?
Ja, das liegt immer um die zweihundert Seiten. Allerdings lag das Aquarium mit 335 Seiten auch darüber. Wenn das Personal in der Geschichte es verlangt, werden die Bücher länger. Aber mein Instinkt sagt: halte es so kurz wie möglich.

"Ich kann mich nicht ausruhen auf meinem Werk"

Können oder müssen Sie vom Schreiben leben?
Ich lebe etwas über meine Verhältnisse, aber es geht mir gut. Noch gehört die Wohnung zur Hälfte der Bank. Ich kann und muss arbeiten. Zurücklehnen und auf mein Werk schauen, das geht nicht. Ich brauche einen Vorschuss vom Verlag, der mich ein, zwei Jahre angenehm existieren und arbeiten lässt.

Sie leben sehr schön in Staufen.
Ja, wir leben hier wunderbar. Von meinem Schreibtisch kann ich vierzig Kilometer in das Elsass blicken.

Stört das nicht beim Arbeiten?
Nein, die Schönheit kann mich beim Denken nicht stören. Sie tut nur zwischendrin einfach gut.

Ihre Figuren mögen Katzen, trinken gerne Wein und genießen die kulinarischen Genüsse. Wieso?
Die Figur ist nicht ich, aber ich gebe ihr etwas von mir, damit ich mit ihr gehen kann. Dann wiederum lerne ich etwas von ihr, weil sie Dinge durchsteht, die ich nicht durchstehen muss.

Lob, gerne elegant daherkommend

Seine Seele sei bei Ihnen in guten Händen, schrieb ein Leser.
Das Lob tut mir gut, wenn es elegant gedacht ist. Das ist dann ein Komplize nach meinen Träumen. Die Kritik schmerzt, wenn sie fundiert ist. Aber es geht nur so: Wenn das Lob mich erfreut, muss der Schmipf mich bekümmern.

Gab es eine Kritik, die auf einem Fehler Ihrerseits beruhte?
Das gab es ein, zweimal. Bei einem Gedichtband schrieb ein Kritiker einen Veriss. Den ließ ich mir von ihm erklären und er hatte recht.

Werden Sie erkannt auf der Straße?
Nein, daher gehen wir ja auf die Buchmesse, um für einen Tag mal erkannt zu werden.

Welchen Ihrer Titel würden Sie mit auf eine Insel nehmen, um ihn an die Bewohner zu verschenken?
Schwierige Frage! Das Aquarium, Fallers große Liebe, Vier Arten die Liebe zu vergessen und Das Herz ist eine miese Gegend. Die vier, müssten es schon sein!

Thommie Bayer, geb. 1953 in Esslingen, begann als Liedermacher und studierte Malerei. 1984 begann er zu schreiben, nachdem die Musikkarriere ein ungewolltes Ende nahm. Inzwischen bringt er fast alle zwei Jahre einen Roman heraus. Zuletzt erschien 2018 von ihm bei Piper Das innere Ausland in welchem er den pensionierten Schlafwagenschaffner Andreas Vollmann auf seine ihm unbekannte Nichte treffen lässt.
Bayer lebt mit seiner Frau in Staufen im Breisgau.

Thommie Bayer Das innere Ausland, Piper München 2018, 176 S., 20 Euro
Rezension zu Bayers Werk im Freitag-Blog

23:23 30.06.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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